Wenn es eskaliert

Bisher empfahl man Paaren bei häuslicher Gewalt getrennte Therapien. Das ändert sich jetzt: Im Kanton Zürich finden erste Beratungen für Paare statt, die zusammenbleiben wollen.

Peter und Yue Müller wollen versuchen, in eine gemeinsame Zukunft zu gehen, Schritt für Schritt. Foto: Sabina Bobst

Peter und Yue Müller wollen versuchen, in eine gemeinsame Zukunft zu gehen, Schritt für Schritt. Foto: Sabina Bobst

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Fünf Tage vor dem Geburtstermin des gemeinsamen Kindes kommt es zum Streit. Mal wieder. Beleidigungen hier, es wird laut, Anschuldigungen da, es wird lauter, Vorwürfe überall, wie so oft in letzter Zeit. Und dann schlägt Peter Müller* zum ersten Mal zu. Seine Hand trifft mit voller Wucht das Bein seiner schwangeren Frau. Für Yue Müller*, die neben ihrem Mann im Auto sitzt, kommt der Schlag unerwartet. Reflexartig schlägt sie zurück, sie trifft ihren Mann im Gesicht. Und er schlägt nochmals zu, mitten ins Gesicht seiner Frau. Jetzt blutet Yue Müller, jetzt blutet sie stark, überall ist Blut. Polizei für ihn. Spital für sie. Untersuchungshaft. Frauenhaus. Wegweisung aus der Wohnung. Kontaktverbot.

Ein Jahr später sitzen die beiden am Esstisch ihrer Wohnung irgendwo im Kanton Zürich. Auf dem Schoss von Yue Müller Sohn Flavio, bald wird er ein Jahr alt, ein fröhlicher, aufgeweckter Junge. «Seinetwegen sind wir noch zusammen», sagt seine Mutter. «Wir sind doch jetzt Eltern.» Ihr Mann ergänzt: «Flavio ist unsere grösste Freude.»

Aus Liebe zum Sohn

Es ist nicht nur die Liebe zu ihrem Sohn, die das Ehepaar Müller zusammenhält. Aber doch, sagen beide, es sei ein wichtiger Grund. Sie wollen versuchen, gemeinsam weiterzugehen, sie wollen an sich arbeiten, eine Familie sein. Deshalb haben sie sich für eine Paarberatung entschieden. Dieser Ansatz ist im Bereich der häuslichen Gewalt neu. Üblich und seit Jahren erprobt ist, dass man die Paare trennt und gesondert betreut – als Täter oder Täterin, als Opfer.

Es gibt zahlreiche Beratungsstellen für Frauen, die von ihren Ehemännern, Ex-Partnern und Liebhabern körperliche oder psychische Gewalt erleben. Das Angebot umfasst die psychologische, juristische und soziale Beratung. Zudem erhalten die Frauen Informationen zu allfälligen Leistungen der Opferhilfe sowie – falls Kinder da sind – Unterstützung bei Sorgerechtsstreitigkeiten. Auch für die Männer, die nicht immer, aber oft die Täter sind, gibt es Hilfe – in Form von Beratungen, Therapien und Programmen aller Art.

Nicht für alle geeignet

Aber eine Beratung für beide Partner zusammen? Im selben Raum? Das ist heute noch sehr selten, wie Marc Mildner sagt, der diesen Frühling die Fachberatung Häusliche Gewalt gegründet hat, ein privatrechtlich organisiertes Unternehmen spezialisiert auf Interventionen und Beratungen für gewaltbetroffene Paare.

Ähnliche Angebote gibt es in der Schweiz erst ganz wenige, etwa in St. Gallen und Lausanne, solche, die sich ausschliesslich mit häuslicher Gewalt beschäftigen, bisher keine. Das hat laut Mildner in erster Linie mit der Entwicklung des Opferschutzes zu tun. «Die zentrale Frage bei häuslicher Gewalt lautete bisher stets: Wie bringen wir die Frau von diesem gewalttätigen Mann weg?»

Für gewisse Fälle, sagt Mildner, sei diese Haltung auch nach wie vor sinnvoll. Nämlich dann, wenn die Paarbe­ziehung von Macht geprägt und damit «asymmetrisch», also nicht gleichberechtigt sei. Wenn etwa ein Mann seine Frau regelmässig und ohne Grund verprügle. «In diesen Fällen passiert die Gewalt nicht aus einer Situation heraus, beispielsweise weil ein Streit eskaliert, sondern weil er ihr zeigen will, wer der Chef im Haus ist», sagt Mildner. In diesen Fällen müsse man die Frau schützen – oder natürlich den Mann, falls die Frau die Täterin sei. Eine gemeinsame Paarberatung sei dann nicht nur sinnlos, sondern schlicht zu gefährlich. Ebenso unmöglich seien Paarberatungen bei sexueller Gewalt oder wenn gravierende Suchtprobleme oder psychische Probleme im Vordergrund stünden.

Arbeiten - an sich selber, an der Beziehung

Paarberatung kann sich laut Mildner jedoch für all diejenigen Paare eignen, bei denen Gewalt situativ – also im Rahmen eines eskalierenden Streits – stattfindet. Die Gewalt kann einseitig oder beidseitig angewendet werden, sie kann körperlich, psychisch sein oder beides. Daneben muss der Wunsch beider Partner vorhanden sein, an sich selber und – vor allem – der Beziehung arbeiten zu wollen. «Vereinfacht könnte man sagen: Bei der asymmetrischen Gewalt ist der Täter das Problem, bei der situativen Gewalt die Beziehung», sagt Mildner. Beide involvierten Personen würden ihren Teil zum Eskalieren des Konflikts beitragen.

Damit sei nicht gemeint, dass der eine Partner zuschlagen dürfe, nur weil der andere ihn provoziere. Wer Gewalt ausübe, müsse dafür in jedem Fall die Verantwortung übernehmen – eine der zwingenden Voraussetzungen für eine Paarberatung. Gemeint sei, dass die Beziehung und die damit verbundenen Konflikte «stets eine eigene Dynamik» hätten, die sich «nur aufgrund der in­volvierten Partner so und nicht anders» entwickle.

Eine Streitspirale

Im Fall von Yue und Peter Müller etwa ist eines der Probleme, dass er seiner Frau helfen will, sich in der Schweiz zurechtzufinden. Die Chinesin ist seit gut drei Jahren hier, spricht bereits recht gut Deutsch – aber für viele Besorgungen reicht es trotzdem nicht. Findet ihr Mann. Oder sie habe «einfach Mühe, die Schweizer Eigenheiten zu verstehen», etwa den Waschplan im Mehrfamilienhaus, wie er im Gespräch sagt. Yue Müller wiederum, eine stolze Frau, fühlt sich in ihrer Autonomie beschnitten, beobachtet, kontrolliert.

Dann nimmt die Streitspirale ihren Lauf: Er weist sie zurecht. Sie kritisiert ihn. Er ist verletzt, korrigiert seine Frau noch mehr. Sie kritisiert ihn erneut. Er wird wütend. Der Streit eskaliert. Wer angefangen hat, spielt keine Rolle. Und sowieso sei es mal sie, mal er, sagen beide. «Das zeigt, dass der Konflikt in der Beziehung liegt und nicht zwingend in den Personen selber», sagt Mildner.

Auch Einzelberatung muss sein

Was bedeutet das für die Paarberatung? Zum einen, dass es für die Teilnahme das Interesse und den Willen beider Partner braucht. Das Ziel ist es, die Intensität und die Häufigkeit der gewalt­haltigen Konflikte zu reduzieren. Oder besser noch: die Gewalt ganz zu stoppen. «Das Paar kann in der Auseinandersetzung mit der Konfliktdynamik auch zum Schluss kommen, dass eine Trennung die beste Lösung ist», sagt Mildner.

Zum anderen bedeutet es, dass es ohne Einzelberatungen auch bei der Paarberatung nicht geht. Im Fall der Müllers haben Mildner und eine weibliche Kollegin neben den Paargesprächen je acht (Peter Müller) respektive vier (Yue Müller) Einzelgespräche mit den Ehepartnern durchgeführt, in denen das persönliche Verhalten analysiert wurde. Die beiden suchten zudem einzeln Psychologen auf, und Peter Müller bereitete sich mithilfe eines Beraters des Mannebüro Züri auf die Paarberatung vor.

Auch dieses unterstützt die neuen Bestrebungen, genau wie auch Frauenhaus und Beratungsstelle Zürcher Oberland. Die beiden Fachstellen haben kürzlich eine Tagung zum Thema organisiert. Sie war mit über 100 Fachpersonen restlos ausgebucht; sogar Expertinnen aus Deutschland reisten an. «Erfahrungen aus Forschung und Praxis zeigen deutlich, dass viele Paarbeziehungen trotz bestehender und oftmals eskalierender Gewaltproblematik weitergeführt werden», sagt Mike Mottl, Geschäftsleiter des Mannebüro Züri. Die Paare würden in der Regel zusammenbleiben oder zueinander zurückkehren.

«Kein Allheilmittel»

Laut Mottl hat man mit der Fach­tagung nicht zuletzt auf ein wachsendes Bedürfnis nach Paarberatungen reagiert. «Es scheint, als hätten viele Paare geradezu darauf gewartet, dass es diese gibt.» Umso wichtiger sei es, das «Tabu» auch bei den Fachpersonen aufzubrechen: «Bisher war man mit Paarberatungen bei häuslicher Gewalt zurückhaltend, weil man Angst hatte, dass etwas passiert», sagt Mottl. Noch mehr habe man vermutlich das Gefühl gehabt, es sei «aus Opferschutz nicht angebracht». Mottl betont, dass Paarberatungen nicht ein Ersatz für Täter- und Opferberatungen seien, sondern vielmehr «Weiterentwicklung oder Ergänzung».

Für Brigitte Kämpf von der Beratungsstelle Frauen-Nottelefon ist Paarberatung bei häuslicher Gewalt «dann ein adäquates Mittel, wenn sie die richtige Zielgruppe erreicht». In allen anderen Fällen – ihres Erachtens den meisten – sei sie «gefährlich», weil die Gewaltsituation möglicherweise noch mehr eskaliere. Auch Berater, die sich zu wenig eindeutig gegen Gewalt positionierten, könnten «verheerende Auswirkungen» haben. Kämpf hegt die Befürchtung, dass die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörden sowie die Gerichte dem «Hype» verfallen, der um Paarberatungen derzeit gemacht werde – und sie «flächendeckend bei Sorgerechtsstreitigkeiten» anordnen: «Paarberatungen sind effizient und günstig. Doch das darf nicht dazu verleiten, sie als Allheilmittel anzusehen.»

«Das war so schlimm!»

Für Yue und Peter Müller hat sich seit dem ersten Paargespräch bei Mildner vor fünf Monaten «viel verändert». Sie beschreibt es so: «Mein Mann explodiert nicht mehr so wie . . . eine Atombombe.» Er antwortet: «Ja, das stimmt» – «Das war so schlimm. Bummmmm!» – «Du bist jetzt aber auch anders.» – «Also ich glaube, ich bin noch gleich.» – «Nein. Du bist gelassener.» – «Ich habe mehr Luft.»

Die beiden zählen auf, was sie gelernt haben: einander zuhören, auch wenn die gemeinsame Muttersprache fehlt. Sich weniger aufregen über den anderen. Sachlich und anständig argumentieren. Aufeinander zugehen. Es gehe ihnen «sehr gut», sagt Peter Müller, der geradezu euphorisch wirkt. Yue Müller wirkt zurückhaltender, sagt aber auch: «Doch, doch, es ist gut.»

Auf Nachfrage bestätigen die beiden: Einfach ist es nicht. Das Gelernte will angewendet, die Theorie in die Praxis umgesetzt sein. Und sie geraten immer wieder aneinander. Nach einer ersten Zusammenführung im Sommer, die scheiterte, weil es erneut zu einem heftigen (und gewaltfreien) Streit kam, wohnt Yue Müller mit Flavio erst seit Ende Oktober wieder bei ihrem Mann. Und bereits haben sie wieder gestritten, was besonders für Yue Müller schwierig zu verdauen ist: Ihr Mann packte sie mit «zu viel Kraft» an der Hand, das sei «sehr stark» gewesen, erzählt die Chinesin. Er wiederum sagt, er habe «sicher keine Gewalt angewendet».

So anstrengend es für die beiden scheint: Sie wollen zusammen weiter­gehen. Oder es zumindest versuchen, Schritt für Schritt. Die Paarberatung ist vorerst abgeschlossen – aber das Ziel noch nicht erreicht. «Wir sind auf dem Weg», sagt Peter Müller. «Auf einem guten Weg».

* Namen geändert (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.11.2015, 23:47 Uhr

Gewaltschutzmassnahmen

Was der Kanton Zürich macht

Seit dem 1. April 2007 besteht im Kanton Zürich ein Gewaltschutzgesetz (GSG). Es bezweckt den kurzfristigen Schutz von Personen, die durch häusliche Gewalt betroffen oder gefährdet sind, sei es in bestehenden oder aufgelösten Beziehungen.

Konkret fallen unter das GSG drei Schutzmassnahmen: die Wegweisung aus der Wohnung oder dem Haus, das Betret- oder Rayonverbot sowie das Kontaktverbot. Ordnet die Polizei eine solche Massnahme an, gilt sie für 14 Tage; sie kann um maximal 3 Monate verlängert werden. Überdies kann die Polizei gefährdende Personen für maximal 24 Stunden inhaftieren.

Sie informiert je eine Täter- und Opferberatungsstelle
über die Schutzmassnahmen, damit diese die Betroffenen für kostenlose Beratungsgespräche kontaktieren können. Falls Kinder im Haushalt leben, wird auch die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) informiert. Ähnliche Gesetze gibt es auch in anderen Kantonen. (sir)

Artikel zum Thema

Jede dritte Frau Opfer häuslicher Gewalt

Die WHO präsentiert dramatische Zahlen. Auch in westlichen Staaten mit modernen Gesetzen seien viele Frauen nicht sicher. Mehr...

Welche Kosten häusliche Gewalt verursacht

Gewalt in Paarbeziehungen verursacht nicht nur grosses Leid, sondern auch hohe Kosten. Eine Studie nennt die drei Bereiche, die am meisten Geld brauchen. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

TA Marktplatz

Kommentare

Blogs

Nachspielzeit Aber natürlich ist das völlig absurd

Geldblog Hypothek reduzieren und Steuern sparen

Die Welt in Bildern

Grusel, Grusel: Taranteln krabbeln den Arm einer Frau in Kambodscha hoch, nachdem sie diese eingefangen hat 21. Juni 2017).
(Bild: Samrang Pring) Mehr...