«Wenn sie eines Tages ein Junge sein will, ist das auch gut»

Interview: Felix Schindler. Aktualisiert am 30.10.2009

Karin Platter ist die Mutter eines zehnjährigen Kindes, das weder ein Junge noch ein Mädchen ist. Sie erzählt, wie die junge Familie ihr Leben meistert.

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Karin Plattner

Karin Plattner (39) ist Mutter eines zehnjährigen Kindes, das ohne eindeutige Geschlechtsmerkmale zur Welt gekommen ist. Sie präsidiert den Verein SI Selbsthilfe Intersexualität.

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Im Zürcher Kantonsrat wurde gestern ein Vorstoss eingereicht, der sich mit Intersexualität auseinandersetzt. Zum ersten Mal in Schweiz fanden Menschen, die ohne eindeutiges Geschlecht zur Welt gekommen sind, Gehör in der Politik. Das Ziel der Betroffenen ist, dass keine kosmetischen Operationen an Intersex-Kindern ausgeführt werden.

Karin Plattner, Sie sind die Mutter eines Kindes, dass weder ein Junge noch ein Mädchen ist. Sie konnten verhindern, dass es zu einem Mädchen operiert wird. Braucht es die Politik gar nicht?
Doch, die braucht es sehr wohl. Die wenigsten Eltern haben das Rückgrat, um sich den ärztlichen Empfehlungen entgegenzustellen. Oft sind es gleich vier, fünf oder sechs Mediziner, die sagen, so könne ein Kind nicht leben. Unter diesem Druck würden sich die meisten Eltern für eine Operation entscheiden.

Hatten Sie einfach Glück mit einem Arzt, der Ihnen die Wahl liess?
Nein, ich bin wahrscheinlich frech genug. Der Arzt sagte klar, das Kind werde ausgegrenzt, wenn man es nicht operiere, es werde keine Sexualität entfalten können, es sei das soziale Aus. Er ist noch heute dieser Meinung. Bei unserem Kind war eine Geschlechtsanpassung medizinisch nicht nötig. Ich musste mich also fragen: Wie kann ich mir anmassen zu bestimmen, ob unser Kind ein Junge oder ein Mädchen sein soll. Sie soll sich selbst entscheiden können.

Sie sagen «sie», wenn Sie über ihr Kind sprechen...
Wenn sich die Schulklasse nach Geschlechtern aufteilen muss, steht sie zu den Mädchen. Im Pass steht weiblich, also sagen wir «sie». Wenn sie aber eines Tages kommt und sagt, sie wolle ein Junge sein, ist das auch gut. Heute ist sie zehn und es ist ihr schlichtweg Wurst, ob sie ein Mädchen oder ein Junge ist. Sie interessiert sich für anderes und kann sich annehmen, wie sie ist.

Hatten sich einzelne der düsteren Prognosen ihres Arztes auch bewahrheitet?
Nein, wirklich nicht. Wir gehen sehr offen damit um und erklären den Leuten, was los ist. Ganz anders wäre das, wenn wir das Gefühl hätten, mit unserem Kind sei etwas nicht richtig und wir müssten das verheimlichen. Darunter würden wir leiden.

Der Vorstoss im Zürcher Kantonsparlament ist ein sehr kleiner Schritt. Wie soll es nun weitergehen?
Das Thema muss weiter enttabuisiert werden. Es muss gesetzlich verankert werden, dass an intersexuellen Kindern keine kosmetischen Operationen mehr vorgenommen werden. Diese Entscheidung gehört zu den höchst persönlichen Rechten eines Menschen. Ausserdem sollten auch Lehrmittel aufzeigen, dass es zwischen männlich und weiblich zahlreiche Varianten von Intersexualität gibt. Auch Kinder ohne eindeutiges Geschlecht müssen sich im schulischen Umfeld wiederfinden können.

Für viele Eltern dürfte die Vorstellung schrecklich sein, ein intersexuelles Kind grosszuziehen. Bei Ihnen klingt das alles recht einfach. Lassen Sie nicht einfach etwas aus?
Nein, es ist einfach. Das Wichtigste ist, dass man sieht, was man hat und das zu schätzen weiss. Wir haben zu essen, ein Dach über dem Kopf und ein gesundes Kind. Was will ich mehr. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 30.10.2009, 10:56 Uhr

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