Zürich
«Wer Junge wegsperrt, züchtet Verbrecher»
Von Marianne Bosshard. Aktualisiert am 30.05.2011 18 Kommentare
Hansueli Gürber
Der Adliswiler Hansueli Gürber (60) stand während 22 Jahren der Jugendanwaltschaft Horgen vor. Seit vier Jahren ist er als leitender Jugendanwalt der Stadt Zürich tätig und war bis vor kurzem auch Pressesprecher der städtischen Jugendanwaltschaft. Gürber wuchs in Albisrieden auf und spielte jahrelang Handball, reiste viel und beobachtete mit seinen fünf Kindern in fernen Ländern immer wieder Reptilien. Zu Hause hegt er einen kleinen Zoo mit Hawaiianischen Gänsen, Schildkröten, Fröschen, Leguanen, Salamandern oder einer Boa. (mab)
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Terraristik-Börse
Den Reptilien eine Lobby geben
Boas, Königspythons, Frösche, Leopardgeckos oder Bartagamen: An der Terraristik-Börse im Horgner Schinzenhof stehen am Samstag Reptilien im Fokus. Es ist bereits die 45. Reptilien-Ausstellung, die Hansueli Gürber in Horgen oder Cham organisiert. Was vor über zehn Jahren als Börse für Liebhaber begann, hat sich in der Zwischenzeit zum Publikumsmagneten gemausert: Über 1000 Neugierige, darunter auch viele Familien, besuchen Gürbers Börsen. Eine Breitenwirkung, die dem Jugendanwalt zusagt: Möchte er den Reptilien doch in seiner Börse eine Lobby verschaffen und Vorurteile gegenüber den Tieren abbauen. (mab)
Terraristik-Börse: Samstag, 5. Juni, 10 bis 16 Uhr im Schinzenhof Horgen, Alte Landstrasse 25
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Ich bin überrascht. Ich habe damit gerechnet, Sie mit langen Haaren anzutreffen.
Aus Versehen sind meine Haare momentan viel zu kurz. Mein Erscheinungsbild hat nämlich schon eine Bedeutung. Ich versuche damit den Erwartungen zu widersprechen. Ein Jugendanwalt mit langen Haaren – das verblüfft Jugendliche und Eltern. Das öffnet, denn es bringt das Gegenüber dazu, die vorbereitete Strategie über Bord zu werfen.
Was reizt Sie an Ihrem Beruf?
Dass ich mitten im «Gstrütt» bin. Es ist eine Mischung aus juristischer, sozialer und pädagogischer Tätigkeit. Man jongliert zwischen Geschädigten, Jugendlichen, Eltern, der Öffentlichkeit und den Medien. Früher, als ich als Richter arbeitete, fehlte mir das. Der Richter sitzt oben, der Angeklagte unten. Da findet keine Auseinandersetzung statt.
Das sind scharfe Worte.
Die Richter haben eine andere Aufgabe. Aber ich finde, dass die den Strafvollzug kennen sollten. Auch wenn der Job einfacher ist, wenn man jemandem sechs Jahre «Kiste» gibt und sich nichts darunter vorstellen kann. Jedoch muss man sich keine Illusionen machen: Ein 19-jähriger, hübscher Jüngling wird im Gefängnis zum Stricher und ist dort besser eingedeckt mit Heroin als auf jeder Gasse.
Das 2007 eingeführte Jugendstrafrecht hat die maximale Strafdauer auf vier Jahre hinaufgesetzt. Ein falscher Schritt in Ihren Augen?
Das Wichtige ist nicht das Strafmass, wichtig sind die Schutzmassnahmen. Denn wenn man Jugendliche hermetisch abriegelt, züchtet man Verbrecher. Man hat vielleicht ein paar Jahre Ruhe, aber ausgespuckt wird dann ein knallharter Knacki. Kritisch finde ich vor allem, dass im neuen Strafrecht Schutzmassnahmen wie ein Aufenthalt im Jugendheim nur noch bis ins Alter von 22 Jahren und nicht mehr bis 25 möglich sind. Ein knapp 18-jähriger Mörder, der sich weigert, an sich zu arbeiten, und gemütlich seine vier Jahre abhockt, muss unter Umständen nach null Lernprozess mit 22 Jahren entlassen werden.
Stimmt das Bild, dass Jugenddelikte immer brutaler werden?
Medien und Politik verzerren es. Wir sind heute an einem Punkt angelangt, an dem es zu einem Haftgrund werden kann, wenn die Presse von einem Delikt erfährt. Ich war 13 Jahre lang Pressesprecher und weiss, wie schwierig es ist, eine positive Meldung in die Medien zu bringen. Im vergangenen Jahr zum Beispiel nahm die Jugendkriminalität um 20 Prozent ab, eine Meldung, die auf Seite 7 landete.
Worauf führen Sie diese starke Abnahme zurück?
Ich habe das Gefühl und die Hoffnung, dass nun eine neue Generation Jugendlicher kommt, die sich gerade durch weniger Gewalt abgrenzen will. Aber man muss auch sehen, dass 60 Prozent der Jugenddelikte absolute Kleinigkeiten sind. Weitere 30 Prozent sind intensivere Delikte wie Diebstahl. Aber dem Alter entsprechend haben auch diese damit zu tun, Grenzen auszuloten.
Und die restlichen 10 Prozent?
Das sind Delikte, die vor einem absolut chaotisch-desolaten Familienhintergrund entstehen. Hier müssen wir genau hinschauen. Denn Jugendliche werden immer aus einer Riesenansammlung von Enttäuschungen, Beziehungsabbrüchen und Ohnmachtsgefühlen heraus kriminell.
Sie sagten einst, ein Jugendlicher brauche fünf Chancen, um von der schiefen Bahn wegzukommen. Riss der Geduldsfaden nie?
Nein, es muss einfach eine positive Tendenz sichtbar sein, wie in einem aktuellen Fall: ein Jugendlicher, der sich auf das Knacken von Superautos spezialisiert hat. Vier Jahre ist er bereits bei mir. Waren es früher schon mal 40 Delikte in zwei Wochen, vergehen heute fünf Monate ohne Diebstahl. Das einzelbetreute Wohnen hat Wirkung gezeigt.
Er klaut, und man beschenkt ihn mit einer Wohnung?
Ich kann nachvollziehen, dass das stört. Aber man muss entscheiden, ob man auf Vergeltung aus ist oder man einem Jugendlichen die Chance gibt, sich zu entwickeln. Ein offenes, betreutes Wohnen zum Beispiel löst bei Jugendlichen die Bereitschaft aus, an sich zu arbeiten: Sie haben plötzlich etwas zu verlieren. Und es ist eine Massnahme, die nur halb so teuer ist wie ein Heimplatz.
Sie waren Richter, Staatsanwalt, spezialisiert auf Drogendelikte, Leiter der Jugendanwaltschaft Horgen. Was war für Sie die prägendste Zeit?
Nach meinem Studium arbeitete ich als Aufseher und später als Rechtsberater für die Gefangenen des Gefängnisses in Regensdorf. Die atmosphärische Dichte einer «Kiste» erlebt man nirgends sonst.
Wie meinen Sie das?
Obwohl es im Knast oft friedlicher als in jedem Grossbetrieb ist, erlebte ich Extremsituationen. Wie beruhige ich einen, der Kölnischwasser säuft, seinen Grind immer wieder auf den Tisch schlägt? Vieles läuft dann nach ganz archaischen Regeln ab, das Nonverbale wird unheimlich wichtig. Das merke ich auch in meiner heutigen Arbeit mit Jugendlichen immer wieder.
Ihr Zuhause ist auch atmosphärisch dicht – auf tierische Art: Sie züchten Reptilien.
Tiere faszinierten mich schon immer. Als ich zwölf Jahre alt war, kaufte ich meine erste Schlange. Eine, die nur Fisch ass. Denn Mäuse zu verfüttern, hätte ich nicht übers Herz gebracht. Dann wuchs es: Feuersalamander, Frösche, Leguane. Ich brauchte drei Jahre, bis das erste Jungtier aus einem Ei meines Geckos schlüpfte.
Sie züchteten bereits als Kind?
Ja, mein Zimmer war ein einziges Terrarium. Heute kann bei den Reptilien selbst der Zoo Zürich nicht mehr mit mir mithalten. 70 Terrarien habe ich. Mit 100 Schlangen, sicher 20 Echsen und 30 Schildkröten. Zuerst waren alle im Untergeschoss meines Hauses oder im Garten untergebracht. Als meine Kinder flügge wurden, expandierte ich in den oberen Stock.
Können Sie nachts ruhig schlafen?
Sicher. Jeder Goldhamster ist viel gefährlicher als Reptilien. Der kann die ganze Fingerkuppe abbeissen. Ein Schlangenbiss hinterlässt nur vier blutende Punkte. Giftige Schlangen hatte ich nie.
Das Plüschige ist wohl nicht so Ihres?
Ich mag Schlangen, gerade weil alle Leute sie «gruusig» finden. Das liegt in meiner Eigenart: Wenn viele einer Meinung sind, reizt es mich, eine Konträrposition einzunehmen. Leguane sind aber wie Hunde. Als ich klein war, ass meiner zwei Wochen lang nicht, wenn ich in den Ferien war. Und er schlief in meinem Bett.
Ist Ihnen schon mal ein Tier ausgebüxt?
Drei Riesenblindschleichen aus dem Balkan gruben sich einmal einen Tunnel aus einem Terrarium im Garten. Aber das waren die einzigen Ausreisser. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 29.05.2011, 21:52 Uhr
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18 Kommentare
Medien und Politik verzerren das Bild, dass die jugenddelikte immer brutaler werden? Also, das ein wehrloser alter Mann noch immer im Koma liegt, wird von den Medien und Politik verzerrt. Mmmh also als ich noch ein jugendlicher war, hatten wir nicht solche Nachrichten gelesen. Dieser Herr Gürber lebt glaube ich noch etwas zu viel mit seinen Reptilien zusammen. Antworten
Eine faszinierende Person, dieser Hansueli Gürber. Er ist wie Dünger für die Jugendkriminalität.
Erfolgsfall nach dem „gesunden Menschenverstand???“ von Hansueli Gürber: Ein Jugendlicher, der Wehrlose zum Krüppel zusammenschlug und ausgeraubt hat. Vier Jahre war er bereits bei ihm. Waren es früher schon mal 40 Delikte in zwei Wochen, vergehen heute fünf Monate ohne neue schwere Delikte.
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