«Wer angegriffen wird, sollte sich nicht mit einer Waffe verteidigen»
Motivationspsychologin Veronika Brandstätter: «Das Opfer an der Hand nehmen und wegziehen.» (Bild: PD)
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Frau Brandstätter, kürzlich haben Sie in Zürich Kurse in Zivilcourage durchgeführt. Muss man lernen, beherzt einzugreifen, wenn Unrecht geschieht?
Unsere Untersuchungen zeigen, dass dem Grossteil der Bevölkerung das Wissen fehlt, wie man richtig eingreift.
Sind wir Zürcher und Zürcherinnen zu feige, um anderen zu helfen?
Feige ist das falsche Wort. Die meisten haben schlicht Angst.
Ist es den Menschen vielleicht auch einfach egal, wenn jemand angepöbelt wird?
Das kann ich nicht ausschliessen. Wir haben in unseren Studien herausgefunden, dass es soziale Verantwortung, Selbstsicherheit und Einfühlungsvermögen braucht, damit jemand eingreift. Aber selbst von jenen, die diese Eigenschaften haben, bleiben noch viele untätig.
Warum?
Weil es auf die Situation ankommt. Oft scheitert das Einschreiten schon daran, dass niemand bemerkt, dass ein Übergriff passiert.
Das Opfer macht sich nicht bemerkbar?
Genau. Es ist ihm peinlich, dass es angepöbelt wird. Es flüstert mit dem Täter, duzt ihn. Für Aussenstehende, die vielleicht noch Kopfhörer im Ohr haben, klingt das vielleicht wie ein Streit unter Freunden.
Aber die Beobachter könnten ja nachfragen.
In uns ist tief verwurzelt, dass wir die Privatsphäre von andern nicht verletzen wollen. Das ist eine grosse Hemmschwelle. Hinzu kommt, dass man sich in solchen Momenten von den anderen Anwesenden leiten lässt: Wenn die nicht reagieren, warum soll ich zierliche Frau dann etwas tun?
Wenn man eingreifen will, was kann man falsch machen?
Man sollte die Täter auf keinen Fall wegzuziehen versuchen, sie ganz generell nicht berühren. Auch eine eigene Waffe, etwa ein Sackmesser, sollte man nicht benutzen. Das steigert die Aggressivität.
Ein Bespiel: Ich bin nachts unterwegs. Auf der anderen Strassenseite stehen ein paar Jugendlichen um einen Mann. Was tue ich?
Wenn Gewalt im Spiel ist, rufen Sie sofort die Rettungskräfte. Wer unsicher ist, ob eine Situation Gewaltpotenzial hat, hört am besten auf sein Gefühl. Solange keine Gewalt im Spiel ist, kann man zum Beispiel versuchen, dem Opfer die Hand hinzustrecken und es mit einem «Kommen Sie mit» wegzulotsen. Auf eine Diskussion mit dem Täter sollte man sich nicht einlassen.
(Tagesanzeiger.ch/Newsnetz)
Erstellt: 17.11.2009, 15:13 Uhr
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