Wer hat den Radarkasten abgefackelt? Nicht der Geblitzte

Ein Autofahrer wird geblitzt, als er mit 195 km/h über die Autobahn brettert. 40 Minuten später brennt die Radaranlage. Wer dafür verantwortlich ist, wird wohl für immer ein Rätsel bleiben.

Handydaten entlasteten die Beschuldigten: Eine Radaranlage dieser Art wurde in Wädenswil angezündet.

Handydaten entlasteten die Beschuldigten: Eine Radaranlage dieser Art wurde in Wädenswil angezündet. Bild: Keystone

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Der zur Tatzeit 20-jährige Portugiese war am späten Samstagabend auf dem Weg in den Ausgang in Zürich. Vieles spricht dafür, dass er sich auf der Autobahn mit einem Landsmann ein Rennen lieferte. Kurz nach Wädenswil wurde der 20-Jährige, mit 195 km/h unterwegs, vom dortigen Radar erfasst. 17 Sekunden später raste sein Kollege mit 168 km/h in die gleiche Falle.

Warum es «100 Prozent sicher» kein Rennen war, konnte der junge Mann erklären. Sein Kollege sei ja erst 17 Sekunden später an der gleichen Stelle vorbeigekommen. Für die Raserfahrt selber hatte er «keine Erklärung» und lieferte dann doch eine: «Man ist jung und macht halt dumme Sachen.»

Fünf Monate das Billett weg

Die «dumme Sache» kostete ihn für fünf Monate den Führerausweis mit anschliessender einjähriger Probezeit. Zudem kassierte er dafür eine bedingte Geldstrafe von 120 Tagessätzen.

Doch um all das ging es Ende der letzten Woche vor dem Zürcher Obergericht nur am Rande. Denn etwa 40 Minuten nachdem der junge Raser geblitzt wurde, brannte der Radarkasten. Irgendjemand hatte einen Brandbeschleuniger, vermutlich Benzin, in die Kabine des Geräts geschüttet, einen Lappen angezündet und diesen mit einem Ast ans Gerät gehalten. Die Radaranlage wurde zerstört, es entstand ein Schaden von etwa 165'000 Franken.

Zweifel an Aussagen der Beschuldigten

Für die Staatsanwaltschaft und das Bezirksgericht Horgen war der Fall klar: Für den Schaden waren der 20-Jährige und drei seiner Kollegen verantwortlich. Tatsächlich sprach nicht nur die zeitliche Nähe zwischen Radarblitz und Radarzerstörung für die Täterschaft. Der 20-Jährige, in Begleitung eines Beifahrers, hatte sofort einem Kollegen in Zürich telefoniert. Dieser kam mit einem weiteren Kollegen zum vereinbarten Treffpunkt, einem Parkplatz bei der Autobahnausfahrt Thalwil.

Zu viert diskutierte man, was man tun könnte, um der drohenden Strafe zu entgehen. Die jungen Männer gaben in der Untersuchung zu, man habe darüber gesprochen, den Radarkasten zu stehlen oder zu zerstören. Aber das habe man natürlich nur im Spass gesagt. Fest steht aber auch, dass sich die Vierergruppe mit zwei Autos auf den Weg machte, den Radarkasten zu suchen. Man habe ihn nur suchen wollen, um ihn anzuschauen, sagte der 20-Jährige. Man habe ihn aber nicht gefunden. Dann seien alle nach Hause gefahren.

Solches Verhalten, meinte das Bezirksgericht Horgen, «entspricht nicht der allgemeinen Lebenserfahrung». Das Gericht hatte «keine ernsthaften Zweifel», dass die vier Kollegen für den Brand verantwortlich waren. Unter anderem wegen Sachbeschädigung mit grossem Schaden verurteilte es den 20-Jährigen zu zehn Monaten Gefängnis, die drei Kollegen zu je acht Monaten.

Nur ein «komischer Zufall»

Vor Obergericht verlangten die vier Beschuldigten einen Freispruch. «Wir alle vier waren es nicht. Es ist einfach ein komischer Zufall», sagte der 20-Jährige. Ihre Verteidiger wiesen daraufhin, dass die jungen Männer gar nicht genügend Zeit hatten, um die Tat zu begehen. Eine Verteidigerin wies zudem daraufhin, zwischen Freitagmittag und Samstagnacht seien 878 Fahrzeuge vom gleichen Radargerät geblitzt worden. Keiner der anderen Fahrzeuglenker sei überprüft worden. «Die Polizei hat es sich leicht gemacht.»

Das Handy hat sie entlastet

Tatsächlich sprach das Obergericht alle vier Beschuldigten vom schwersten Tatvorwurf frei. Entscheidend dafür war eine sogenannte Randdatenanalyse: Dank der rückwirkenden Teilnehmeridentifikation konnte nämlich nachträglich eruiert werden, zu welcher Zeit und an welchen Antennenstandorten die Handys der Beschuldigten eingeloggt waren. Man kannte die genauen Uhrzeiten, man kannte die zurückgelegten Strecken der Beschuldigten. Man wusste, wann der Radar das letzte Bild gemacht und wann das Gerät den automatischen Brandalarm ausgelöst hatte. Fazit des Obergerichts: Was die Anklage behauptet, ist angesichts der zurückgelegten Strecken zeitlich nicht möglich. Die analysierten Daten passen «viel eher» zur Version der Geschichte, welche die Beschuldigten erzählten.

Zweites Fazit: Drei der Beschuldigten erhalten zwischen 1800 und 4600 Franken Schmerzensgeld für die bis zu drei Wochen dauernde Untersuchungshaft. Den zwei nicht amtlich verteidigten Beschuldigten werden Prozessentschädigungen von insgesamt knapp 33'000 Franken ausbezahlt. Drittes Fazit: Es wird wohl nie geklärt werden, wer das Radargerät aus welchen Gründen angezündet hat. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 03.12.2012, 08:03 Uhr)

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