Wie Obdachlose im Flughafen Kloten leben

Der Zürcher Flughafen ist für die meisten Menschen eine Reisedrehscheibe. Doch für einige ist er Obdach, Bett und Waschraum.

Auf Patrouille: An den Wochenenden sind zwei SIP-Leute am Flughafen Kloten unterwegs.

Auf Patrouille: An den Wochenenden sind zwei SIP-Leute am Flughafen Kloten unterwegs. Bild: Sabina Bobst

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wenn um halb elf Uhr abends die letzten Passagiere mit ihren Rollkoffern durch die Gänge des Flughafens hasten, wenn Läden und Cafés langsam schliessen, dann treffen sie ein: Männer und Frauen, die hier ihre Nacht verbringen. Nicht Touristen, die einen der ersten Flüge erwischen müssen, sondern ­Menschen, die kein anderes Obdach haben. Je nach Jahreszeit nächtigen zwischen fünf und fünfzehn Menschen am Flughafen. Ist es draussen sehr kalt, sind es sogar noch mehr. Manche kommen nur sporadisch, andere verkehren seit Jahren hier.

An diesem Samstagabend machen wir uns auf die Suche nach ihnen. Wir begleiten Mario Rüegg und Noemi ­Allemann von der SIP Züri auf ihrer ­Patrouille. Die SIP kombiniert aufsuchende Sozialarbeit mit ordnungsdienstlichen Aufgaben, die drei Buchstaben stehen für «Sicherheit, Intervention, Prävention». Ursprünglich ein Dienst der Stadt Zürich, bietet die SIP ihre Leistungen vereinzelt auch anderen Gemeinden an. Die Stadt Kloten hat letztes Jahr eine Vereinbarung für Patrouillen im Flughafen Zürich abschlossen. Jeden Freitag, Samstag und Sonntag sind zwei SIP-Leute hier von halb elf bis zwei Uhr früh unterwegs.

Nicht alle wollen Hilfe

Wir sehen uns als Erstes im Flughafen-Shopping um. Schon nach wenigen Metern deutet Mario Rüegg diskret auf einen Mann, der neben sich einen Rollkoffer stehen hat und Zeitung liest. Er sieht aus wie ein normaler Fluggast. «Er ist schon lange hier», sagt Rüegg, «und möchte keinen Kontakt.» Die SIP-Leute respektieren das, solange sie nicht den Eindruck haben, den Betroffenen gehe es schlechter. Aber es ist eine Gratwanderung, sagt SIP-Betriebsleiter Christian Fischer. Denn die SIP hat auch einen Auftrag: die Betroffenen wenn möglich mit den zuständigen Stellen ihres letzten Wohnortes zu vernetzen, damit sie Unterstützung und eine Unterkunft bekommen. Hin und wieder braucht es dafür sanften Druck. Doch das hilft nicht bei allen, so Fischer: «Manche Menschen wollen keine Hilfe.»

Beim Aufgang zum Busbahnhof treffen wir auf einen älteren Mann mit abgetragener Kleidung. Er hat einen schütteren Bart, sein Mund ist fast zahnlos. Der Mann stellt sich als Herr Ackermann* vor. Mario Rüegg fragt, ob er die SIP kenne. «Ja, ja», beteuert Herr Ackermann, «ich brauche keine Hilfe.» Rüegg checkt seine Liste: Darauf sind alle Obdachlosen, mit denen die Patrouillen Kontakt hatten, mit Name, Signalement und kurzer Beschreibung verzeichnet. Ein unverzichtbares Instrument, denn nicht immer gehen die selben SIP-Leute am selben Ort auf Patrouille.

Auf die Frage, ob er mir ein bisschen aus seinem Leben erzählen möge, lehnt Herr Ackermann erst ab. Dann besinnt er sich, doch, wenn er zehn Franken bekommen könnte, würde er erzählen. Trotz unseres freundlichen Nein redet er weiter. Er sei von Interpol angestellt, seine Arbeit geheim. Zudem fahre er Skirennen, leider sei er aber verunfallt. Seither erhalte er eine IV-Rente.

Sie reden sich das Leben schön

So wie Herr Ackermann reden sich viele SIP-Klienten ihr Leben schön. Viele träumen davon, einmal zu verreisen – der Flughafen ist auch ein Ventil für ihre Sehnsüchte.

Seit zweieinhalb Jahren am Flughafen: Peter mit zwei SIP-Leuten. Foto: Sabina Bobst

Auch Peter würde gern verreisen, am liebsten in einem alten Camper ans Mittelmeer fahren. Mit dabei sein müsste Laszlo, sein bester Freund, ebenfalls obdachlos. Peter gehört zu den wenigen, die halbwegs glaubhaft erzählen. Sein ausgemergeltes Gesicht ist das eines Junkies: ohne Mimik, so als wären alle Nerven längst taub, mit unstetem Blick.

Seit zweieinhalb Jahren haust Peter am Flughafen; ein Zimmer im betreuten Wohnen hat er verloren, weil er einen anderen bei sich übernachten liess. Ist dieses Leben nicht hart? Peter zuckt die Schultern. Immerhin ist es hier sicher und warm, die Toiletten sind sauber. Anderseits sind die Nächte kurz und unruhig. Nie ist es richtig dunkel, ständig dudelt Musik aus versteckten Lautsprechern. Putzequipen, Polizei, Securitas und die SIP-Leute stören den Schlaf. Privatsphäre gibt es keine. Spätestens um fünf weckt die Polizei die Leute und schickt sie weg.

Und dann? Was machen Menschen wie Peter und Laszlo tagsüber? Das wollen die zwei Männer nicht genauer erläutern, und auch die SIP-Vertreter wissen es nur von einigen wenigen. Es gebe einzelne, die würden arbeiten, sagt Mario Rüegg: «Manche haben sogar ein geregeltes Einkommen.»

Gute Freunde: Peter (rechts) und Laszlo. Foto: Sabina Bobst

Und dann ist da noch der, den sie «den Glarner» nennen. Er hat ein Generalabonnement und fährt den ganzen Tag Zug. Und die anderen? Manche hängen irgendwo herum. Von vielen aber weiss es nicht einmal die Sip.

Vom Flughafen toleriert

Mittlerweile ist es nach Mitternacht, wir sind im Terminal 1 unterwegs. Es hat etwas Surreales, durch die verwaisten Hallen, vorbei an leblosen Check-in-Schaltern und durchs menschenleere Restaurant Asia zu gehen, dessen Tische für den nächsten Tag gedeckt sind. Rüegg und Allemann leuchten in jede Nische. Obwohl es unzählige Möglichkeiten gäbe, sich an unerlaubten Orten zu verkriechen, halten sich die Randständigen an die Regeln. Sie wissen: Tun sie es nicht, droht Hausverbot. Der Flughafen toleriert sie auf Zusehen hin, solange die Situation stabil bleibt.

Nur einmal treffen wir auf eine Obdachlose, die in einem abgesperrten Bereich schläft, auf der Polsterbank in einem Café. Sie schreckt mit einem spitzen Schrei hoch, als die SIP-Leute sie ansprechen. Dann schaut sie mit grossen Augen um sich, eine zierliche Frau mit sorgfältig zum Knoten geschlungenem Haar. Sie wirkt gepflegt, und doch gehört sie zu jenen, die seit Jahren am Flughafen leben. Nein, sie brauche nichts, sagt sie, und mit den Medien wolle sie nicht reden. Dann sucht sie ihre Sachen zusammen, zieht an einen anderen Schlafplatz. Wie kann jemand, der obdachlos ist, so adrett daherkommen? Mario Rüegg lächelt: «Viele waschen ihre Kleidung in den Toiletten, und sie machen auch die Körperpflege da.» Später treffen wir auf eine weitere langjährige Flughafenobdachlose, sie hat ihre frisch gewaschene Kleidung über einen Gepäcktrolley gehängt. «Hat Wahnvorstellungen, fühlt sich am Flughafen sicher», so lautet der Eintrag in der Liste.

Wo die zwei Frauen herkommen, weiss niemand. Menschen wie sie sind mit ein Grund, warum die Stadt Kloten die SIP für die Rundgänge beauftragte. Denn wenn diese Menschen irgendwann medizinische Hilfe oder Pflege brauchen, wird Kloten kostenpflichtig. So wie bei jener Frau, die über zehn Jahre lang am Flughafen lebte, bis sie dement wurde. Seither zahlt ihr Kloten den Aufenthalt im Pflegeheim. Denn niemand weiss, wo die Frau herkommt.

* Alle Namen der Obdachlosen geändert. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 10.01.2016, 21:30 Uhr)

Stichworte

Artikel zum Thema

640 Franken pro Stunde – Kloten vertreibt Hobbyfilmer

Spotter Andy Ruesch versteht die Welt nicht mehr: Mit seinen Aviatik-Videos erreicht er zehntausende Fans, nun soll Schluss sein. Sind seine Drehs schlicht zu gut? Mehr...

Kloten hob Nachtflugsperre an Weihnachten für Königsfamilie auf

Drei grosse Maschinen aus Katar landeten zur Unzeit in Zürich. Was war der Grund? Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

TA Marktplatz

Werbung

Kommentare

Blogs

Welttheater Kein Schnee, kein Sturm
Sweet Home Kleine Feste
Mamablog Wie kann Versöhnungssex romantisch sein?

Anzeigen

Die Welt in Bildern

Der Wüstenbesuch: Die britische Premierministerin Theresa May am zweiten Tag des Gulf-Cooperation-Council-Gipfels in Manama, Bahrain. Am diesjährigen Treffen werden regionale Themen, etwa die Situation in Jemen und Syrien, sowie auch die vermeintliche Bedrohung aus dem Iran besprochen. (7. Dezember 2016).
(Bild: Carl Court / Getty) Mehr...