Zürich

Wie Regine Aeppli den überforderten Lehrern helfen will

Von Daniel Schneebeli. Aktualisiert am 18.01.2010 16 Kommentare

Regierungsrätin Regine Aeppli (SP) lässt jetzt untersuchen, warum Lehrer so viel Überstunden leisten. Und sie wehrt sich gegen das Sparen bei der Bildung.

Regine Aeppli: «Die Bevölkerung will nicht bei der Bildung sparen.»

Regine Aeppli: «Die Bevölkerung will nicht bei der Bildung sparen.» (Bild: Sophie Stieger)

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Laut Arbeitszeiterhebung des Lehrerverbandes leisten Zürcher Lehrpersonen im Jahr über 300 Überstunden. Ist das für Sie glaubhaft?
Die Zahlen beruhen auf Selbstdeklarationen. Der Berufsauftrag der Lehrpersonen ist ausschliesslich über die Zahl der Lektionen definiert. Alle übrigen Arbeiten sind mitgemeint, aber umfangmässig weder bestimmt noch erfasst. Wegen der Klagen über die hohe Belastung habe ich im letzten Sommer den Auftrag gegeben, mit allen Partnern im Schulfeld die Belastung genau anzuschauen und Entlastungsmassnahmen vorzuschlagen. Zürcher Lehrpersonen sollen übers Jahr nicht mehr arbeiten müssen als andere kantonale Angestellte.

Gemäss Vertrag sollen die Lehrer 1950 Stunden jährlich arbeiten. Sie erwarten keine Überstundenleistung von den Lehrern?
Von Angestellten in den Lohnklassen 19 bis 21, in denen die Volksschullehrpersonen angestellt sind, darf schon eine gewisse Überzeitleistung erwartet werden - aber sicher nicht 300 Stunden und nicht regelmässig.

Es gibt Leute die sagen, die Lehrpersonen würden einfach auf hohem Niveau jammern. Sagen Sie das auch?
Nein. Ich bin überzeugt, dass der Lehrerberuf anstrengender geworden ist. Die Klassen sind heute viel heterogener, im Schulzimmer sind oft mehrere Personen anwesend, die sich untereinander absprechen müssen. Die individuelle Förderung jedes Kindes ist eine grosse Herausforderung. Dazu kommen die hohen Erwartungen der Eltern. Die Lehrpersonen stehen im Zentrum dieses Spannungsfeldes. Das wird als Belastung wahrgenommen, nicht zuletzt deshalb, weil Lehrpersonen nach meiner Wahrnehmung den Anspruch haben, ihren Auftrag besonders gut zu erfüllen.

Die Arbeitszeitstudie sagt, dass Zürcher Lehrer dreimal mehr Überstunden leisten als ihre Kolleginnen und Kollegen in anderen Kantonen. Können Sie sich das erklären?
Nein, das kann ich mir nicht ohne weiteres erklären. Ausser den Unterrichtsstunden kann man die verschiedenen Bereiche über die Kantone hinweg kaum vergleichen.

Man könnte Überstunden auszahlen oder die Arbeitszeit reduzieren.
Überstunden können nur ausgezahlt werden, wenn sie angeordnet und erfasst sind. Es sind zurzeit zwei Revisionen unterwegs, um hier mehr Transparenz und Konstanz zu schaffen: eine kleine Besoldungsrevision, welche den Stufenanstieg von der Konjunktur abkoppelt, und eine Neudefinition des Berufsauftrags. Im Projekt «Belastung - Entlastung» diskutieren wir über weitere Massnahmen, zum Beispiel auch darüber, die Lektionenzahl zu reduzieren. Die einzige Vorgabe, die ich dem Projektleiter gemacht habe, ist, dass die Massnahmen im Ergebnis kostenneutral sein müssen. Das heisst, Neuerungen müssten aus Umlagerungen finanziert werden.

Könnten Sie sich Kostenumlagerungen von der Bildungsverwaltung in die Schule vorstellen?
Wenn Sie im Finanzplan nachschauen, sehen Sie, dass die Bildungsverwaltung lediglich 2,5 Prozent des Aufwands der Bildungsdirektion ausmacht.

Es lohnt sich also nicht, darüber nachzudenken?
Das will ich nicht sagen. Wenn in der Bildungsverwaltung Arbeiten gemacht werden, die überflüssig sind, soll darauf verzichtet werden. Es ist mein erklärtes Ziel, unnötigen administrativen Aufwand abzubauen. Alle reden davon, aber bisher hat mir noch niemand gesagt, welcher administrative Aufwand eine unnötige Belastung darstellt. Das will ich jetzt genau wissen. Ich weiss zum Beispiel, dass unsere Statistik von den Schulen Daten verlangt. Wenn das die Lehrpersonen und die Schulleitungen belastet, soll man hier zurückfahren. Ich will, dass die Lehrerinnen und Lehrer ihre Arbeitskraft in erster Linie für die Schüler und für den Unterricht einsetzen können.

Ganz oben auf dem Sorgenbarometer der Lehrer ist die integrative Förderung. Ist sie gescheitert?
Die integrative Förderung ist sicher der anspruchvollste Teil der Volksschulreform. Zwei Drittel der Schulen arbeiten allerdings schon seit langem, zum Teil seit über 10 Jahren integrativ. Schwierig ist es vor allem für jene, die nicht an die Integration glauben. Das Gelingen von Integration hängt auch von der persönlichen Haltung ab. Integration ist aber kein Dogma. Ein Kind wird in der Regelklasse integriert, wenn es sinnvoll ist. Kleinklassen bleiben möglich, das ist auch im Volksschulgesetz so vorgesehen.

Es gibt zu wenig Lehrmittel für den integrativen Unterricht.
Ja, da besteht Verbesserungsbedarf. Die neuen Lehrmittel werden darauf ausgerichtet. Aber es braucht auch Sofortmassnahmen. Der Bildungsrat hat letzte Woche beschlossen, beim Lehrmittelverlag eine Internetplattform einzurichten, auf der erfahrene Lehrpersonen ihre selbst erarbeiteten Unterrichtsmaterialien andern zur Verfügung stellen können.

Gibt es in der Schule zu viele Hierarchien?
In den Schulen herrscht traditionsgemäss eher eine basisdemokratische Kultur. Der Kanton muss dafür sorgen, dass alle Schüler unabhängig von der Finanzkraft einer Gemeinde guten Unterricht erhalten. Das ist unsere Hauptaufgabe.

Sie könnten aber Ihre Befehle auch direkt an die Schulleitungen weitergeben. Schulpflegen braucht es dafür nicht.
Die Schulen sind in den Gemeinden verankert. Die Schulhäuser werden von den Gemeinden gebaut. Die Gemeinden sind auch für die Bereitstellung von Tagesstrukturen verantwortlich, und sie nehmen die Aufsicht über die Schulen wahr.

Mit dem angekündigten Sparprogramm müssen Sie den Aufwand um 10 Prozent senken.
Wenn man den Aufwand um 10 Prozent senken will, müssen Leistungen abgebaut werden. Beim Sparprogramm 2004 hat der Kantonsrat alle Volksinitiativen gegen die Kürzungen in der Volksschule rückgängig gemacht. Das hat mich zweierlei gelehrt: Erstens, die Bevölkerung will nicht bei der Bildung sparen, zweitens der Kantonsrat muss den Leistungsabbau mitverantworten.

Aber Sie haben sich im Regierungsrat selber einen Sparauftrag gegeben.
Wir werden dem Kantonsrat Sparmassnahmen vorschlagen. Er muss sie beschliessen. Nach meiner Einschätzung ist die Volksschule praktisch immun gegen Sparvorhaben.

Sehen das Ihre Regierungskollegen gleich?
Meine Regierungskollegen haben miterlebt, was aus den Sparbeschlüssen von 2004 im Bereich der Volksschule geworden ist.

Das heisst aber, dass Ihre Kollegen in der Regierung mehr sparen müssen, wenn es in der Schule nicht geht.
Ich werde Sparvorschläge unterbreiten. Ich habe im Kantonsrat gesagt, ein solches Sparprogramm kann die Regierung nicht alleine durchziehen. Letztlich entscheidet das Volk, welche Leistungen es will und was es dafür zu zahlen bereit ist. Ich glaube einfach nicht, dass man Leistungen für unseren Nachwuchs abbauen will. Die Förderung der Jugend ist unsere wichtigste Investition in die Zukunft.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.01.2010, 08:06 Uhr

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16 Kommentare

Jan Maurer

18.01.2010, 07:40 Uhr
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Viele Projekte führten zur Überlastung.Und nun gibt es noch weitere Projekte,um festzustellen, ob weitere Projekte notwendig sind... Ich schlage "Lean Management" vor. Jede Aktivität muss der Frage "Was bringt es dem Schüler?" stand halten. Dann dürfte einiges an Schabernack wegfallen. Antworten


Thomas Pfister

18.01.2010, 07:52 Uhr
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Welcher Lehrer leistet 1950 Stunden pro Jahr ? 52 Wochen @ 5 Tage ergäbe 7.5 Std pro Tag, die 14 Wochen Ferien nicht mit eingerechnet. Ink Ferien wären das 10.25 Std pro Tag. Es würde mich schon interessieren, wie man da auf 300 Ueberstunden pro Jahr kommt. Der Stundenplan ist hzt standart. Ich will den Lehrerberuf nicht schlecht machen - aber, Politiker, hört auf zu jammern. Antworten



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