Wie der Kanton das Velo fördert

Der Kanton Zürich will das Velofahren fördern. An einem Ort setzt er deshalb auf Videoüberwachung, wie Anselm Schwyn vom Amt für Verkehr erklärt.

In diesem Jahr setzt der Kanton auf Veloparkplätze: Räder am Hauptbahnhof Zürich.

In diesem Jahr setzt der Kanton auf Veloparkplätze: Räder am Hauptbahnhof Zürich. Bild: Keystone

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Im Veloförderprogramm, das Ende 2009 veröffentlicht wurde, zeigte der Kanton auf, was er tun möchte. Was ist seither gemacht worden?
Für das Förderprogramm haben wir einen Rahmenkredit von 20 Millionen Franken für den Zeitraum von zehn Jahren zur Verfügung. In diesem Jahr haben wir die Koordinationsstelle Veloverkehr mit drei Leuten eingesetzt, die die Massnahmen umsetzen soll. Wir haben alle öffentlichen Veloparkierungsanlagen im Kanton erhoben und eine Tagung zu diesem Thema durchgeführt. Grundsätzlich setzt der Kanton unabhängig vom Programm zehn Millionen Franken jährlich für den Ausbau der Radwege ein.

Welche Massnahmen wollen Sie denn umsetzen?
Da gibt es einen ganzen Strauss. Einerseits ist es wichtig, dass wir auf verschiedenen Ebenen arbeiten. Veloförderung fängt ja ganz im Kleinen an. So ist es zum Beispiel wichtig, dass man Voraussetzungen schafft, die es dem Einzelnen überhaupt möglich machen, für eine kurze Strecke das Velo anstatt das Auto zu nehmen. Dies fängt schon damit an, dass es beispielsweise zu Hause und am Zielort eine gute Parkiermöglichkeit für das Velo hat. Wenn man dieses erst aus dem Keller holen muss, benutzt man es wahrscheinlich weniger. Ebenso, wenn an der ÖV-Haltestelle keine Möglichkeit besteht, das Velo sicher und trocken abzuschliessen und ohne Beschädigungsgefahr einen Tag stehen lassen zu können. Alleine dazu muss man verschiedene Akteure miteinbeziehen.

Aber wichtig ist den Velofahrern doch vor allem, dass sie schnell und ungestört vorankommen. Parkplätze lösen doch die Probleme der Velofahrer nicht.
Das ist ja auch nur eine Massnahme. Gute Velowege sind wichtig. Wenn das Velo aber auf kürzeren Strecken eine Alternative zum Auto darstellen soll, dann braucht es auch gut geschützte Parkplätze zu Hause, bei Bahnhöfen oder bei Einkaufszentren. Dazu müssen Sie mit Hausbesitzern, den SBB, den Gemeinden und anderen Akteuren zusammenarbeiten. In diesem Jahr haben wir uns darauf konzentriert. An eine Velotagung, die wir zum Thema gemacht haben, kamen Vertreter von 8o Zürcher Gemeinden.

Trotzdem: Leser, die uns beschrieben, wie sie mit dem Velo ihren Arbeitsweg bestreiten, nerven sich vor allem darüber, dass sie keine Priorität geniessen. Ein direktes Durchfahren ist kaum möglich.
Das kann ich nachvollziehen. Aber auch die anderen Verkehrsteilnehmenden haben ja nicht freie Fahrt. Dies ist immer auch ein Abwägen verschiedener Interessen, der Hauptverkehrsströme und des Zusammenspiels der Verkehrsmittel. Auch in Bezug auf den öffentlichen Verkehr muss man aufpassen, damit die Pendler ihre Anschlüsse pünktlich erreichen. Hier ist natürlich wichtig, dass Busse zu den S-Bahn-Anschlüssen möglichst direkt vorankommen. Wir prüfen aber in Zusammenarbeit mit den Gemeinden, wie wir das Radnetz optimieren können und wo wir das Velo prioritär behandeln können. Im Vergleich zu den letzten Jahrzehnten hat ein Umdenken in Richtung Velo stattgefunden. Wir schauen heute jeden Verkehrsknotenpunkt auch danach an, wie man den Veloverkehr optimieren kann.

Eine weitere Kritik unserer Leser: Der Ausbau der Velowege scheint kein Konzept zu haben. So seien beispielsweise Trottoirs, die es zu überqueren gilt, mal abgeflacht, mal nicht. Baut man da einfach mal drauflos?
Nein, natürlich machen wir klare Vorgaben. Wir arbeiten im Kanton mit Strassenbaustandards. Bei den Trottoirs haben wir wieder verschiedene Interessen, die aufeinandertreffen. Einerseits die Velofahrer, die eine möglichst abgeflachte Kante wollen. Andererseits Blinde, die eine spürbare Kante brauchen, um sich orientieren zu können. Hier müssen wir stets Kompromisse finden.

Sie sagen, Sie arbeiten eng mit den Gemeinden zusammen: Mit welchen Gemeinden sind Sie denn besonders zufrieden?
Wir stehen erst am Anfang, eine Bewertung wäre zu früh und steht mir auch nicht zu. Natürlich ist es so, dass in grösseren Städten und Gemeinden beispielsweise in den Agglomerationen der Handlungsdruck im Verkehr grösser ist und man dort auch mehr macht. Eine kleine Gemeinde hat weniger Verkehr und damit weniger Bedarf, als dies in den Agglomerationen von Zürich oder Winterthur der Fall ist. Aber auch in kleinen Gemeinden ist der Wille da, etwas zu machen.

Was wird denn wirklich konkret gemacht?
Wir sind an verschiedenen Orten, zum Beispiel im Limmattal, daran, zu schauen, wie man möglichst direkte Routen für Velos in die Stadt einrichten könnte. Die Agglomerationen sind sowieso sehr wichtig. Hier ist eine enge Zusammenarbeit mit den Städten das A und O. In den Agglomerationsprogrammen, durch die der Bund die Kantone finanziell zur Lösung von Verkehrsproblemen unterstützt, sind in allen Regionen Velomassnahmen enthalten. Aber auch beim Freizeitverkehr. Wir haben gerade jetzt einen Radweg zwischen Andelfingen und Ossingen eingerichtet, der künftig weiter Richtung Trüllikon ausgebaut werden wird. Ein anderes Beispiel ist Adliswil: Hier untersuchen wir zwischen den zwei Kreiseln im Ort, welche Massnahmen einen möglichst sicheren Verkehrsfluss für alle Beteiligten ermöglichen.

Wie untersuchen Sie das?
Dies geschieht in mehreren Schritten. Vor Ort ist eine Kamera aufgehängt, die den Verkehr beobachtet. Nun schauten wir beispielsweise an, wie die Velofahrer und Autofahrer auf die gelben Velostreifen reagieren. Fühlen sich die Radfahrer sicher oder weichen sie aufs Trottoir aus? Akzeptieren die Autofahrer den Velostreifen oder nutzen Sie ihn als breitere Spur? Danach werden die gelben Streifen entfernt und durch einen dunkelgrauen Bodenbelag ersetzt, der den Velostreifen markiert. Diese Situation wird weiter beobachtet. Am Ende können wir genau beurteilen, welche Massnahme von allen Beteiligten am besten akzeptiert wird.

In diesem Jahr haben Sie sich die Förderung von Parkierungsmöglichkeiten auf die Fahne geschrieben. Was wird im nächsten Jahr kommen?
Im Vordergrund steht ein Pilotprojekt mit der Region Winterthur. Wir entwickeln einen Masterplan, der definiert, wo man dort direkte Velorouten anlegen kann, auf denen die Radfahrer mit Priorität vorankommen. Das muss nicht immer entlang von Hauptstrassen sein, weil man dort oft wenig Platz hat. Das Ziel ist natürlich, dass man einen solchen Masterplan dann auch in anderen Regionen erstellen kann. Zudem wollen wir auch in der kantonalen Verwaltung selbst unsere Hausaufgaben machen. Auch die 35'000 Angestellten sollen die Möglichkeit haben, das Velo auf dem Weg zur Arbeit als Alternative zum Auto zu sehen. Dazu brauchen aber auch wir Parkplätze, Duschen usw. Ich denke, wir können hier selber noch einiges verbessern, wenn wir die Veloförderung ernst nehmen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 06.11.2012, 13:44 Uhr)

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«In den Agglomerationen ist eine enge Zusammenarbeit mit den Städten das A und O»: Anselm Schwyn, Sprecher des Amtes für Verkehr. (Bild: PD)

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