«Dieser Artikel ist ein Skandal»

In ihrer neusten Ausgabe stellt die «Weltwoche» Professoren an den Pranger, die angeblich Irrlehren verbreiten. Tagesanzeiger.ch/Newsnet fragte bei den angeklagten Zürcher Dozenten nach.

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Gestern hat die «Weltwoche» eine Liste von in der Schweiz lehrenden Professoren und Professorinnen publiziert, die angeblich eine Gefahr für die Öffentlichkeit darstellen. Unter dem Deckmantel der Wissenschaft verbreiteten die Akademiker «politisch durchtränkte Irrlehren», schreibt die Zeitung. Die Kampagne begann vor zwei Wochen mit einem ähnlichen Artikel.

Anklage wegen Verschwendung von Steuergeldern

So ist Clà Riatsch, Professor für rätoromanische Sprache an der Universität Zürich, ins Visier der «Weltwoche» geraten. Der Grund: Er unterrichtet auf Kosten der Steuerzahler ein Fach, das nur sehr wenige Studierende belegen. Lediglich vier Studenten (inklusive Doktoranden) studierten gegenwärtig an Riatschs Lehrstuhl, schreibt die «Weltwoche». Trotzdem schaffe das Romanische Seminar jedes Jahr mit Steuergeldern etwa dreissig neue rätoromanische Bücher an, die niemanden interessierten. Weiter wirft die Wochenzeitung Riatsch vor, sich für Subventionen für das Rätoromanische starkzumachen und sich in Bündner Abstimmungskämpfen für die Retortensprache Rumantsch Grischun einzusetzen.

Der Angeklagte ist empört: «Dieser Artikel ist ein Skandal. Alle Behauptungen und Zahlen sind schlicht und einfach falsch! Momentan sind an meinem Lehrstuhl 15 Studierende eingeschrieben, 3 davon neu ab diesem Herbstsemester. Wie die ‹Weltwoche› auf ihre Zahlen kommt, ist mir schleierhaft.»

Ohne Lehre keine Lehrer

Zum Vorwurf, sein Fach sei überflüssig und Verschwendung von Steuergeldern, meint Professor Riatsch, es sei sicher nicht falsch, die Frage zu stellen, ob ein Fach mit so wenig Studierenden wie Rätoromanisch an einer öffentlichen Universität angeboten werden solle. Aber in diesem Fall gebe es gute Argumente dafür: «Die Schweizer und Schweizerinnen bekennen sich zur Förderung aller Landessprachen inklusive des Rätoromanischen. So steht es auch in der Bundesverfassung. Jede Landessprache braucht eine linguistische Infrastruktur, damit sie nicht verloren geht. Wenn niemand mehr Rätoromanisch studieren kann, gibt es bald keine Rätoromanisch-Lehrer mehr. Schon jetzt klagen die Bündner Gemeinden über einen Mangel an rätoromanischen Lehrkräften.»

Die Behauptung, Riatsch sei ein Subventionsjäger und Kämpfer für Rumantsch Grischun, löst beim Angeschuldigten nur Kopfschütteln aus. «Diese Anschuldigungen überraschen mich sehr. Ich habe nichts mit der Subventionierung bündnerromanischer Sprachorganisationen zu tun und habe mich dazu noch nie öffentlich geäussert.» In Bündner Abstimmungskämpfe habe er sich nie eingemischt, stellt Riatsch klar.

Besonders stört ihn auch die Verunglimpfung der rätoromanischen Literatur. Diese pauschal als nicht wertvoll abzutun, zeuge von Unwissen und Arroganz. Es gebe einige hervorragende rätoromanische Schriftsteller, deren Werke aber leider wegen der Sprache einer grösseren Leserschaft verwehrt blieben.

Anklage wegen Anklagens

Angeklagter Nummer zwei ist David Gugerli, Professor für Technikgeschichte an der ETH Zürich. Dass der ETH-Professor auf der schwarzen Liste auftaucht, ist einer Kolumne zu verdanken, die er vor einer Woche für die deutsche Wochenzeitung «Die Zeit» geschrieben hat. Gugerli prangert darin die öffentliche Blossstellung von Andersdenkenden an. «Ohne die ‹Weltwoche› namentlich zu nennen, unterstellt er ihr dieselben Methoden, die in Nazi-Deutschland in Pogromen, Schauprozessen und Judenmorden endeten», schreibt die «Weltwoche».

Auf die Anfrage von Tagesanzeiger.ch/Newsnet, was er von den Vorwürfen der Wochenzeitung halte, gibt sich Professor Gugerli wortkarg: «Ich habe alles gesagt, was es zu diesem Thema zu sagen gibt. Es steht in meinem Artikel.»

Anklage wegen Behinderung des Freihandels

Die dritte Angeklagte ist Christine Kaufmann, Professorin für Völker- und Europarecht an der Universität Zürich. Sie ist eine dezidierte Verfechterin der Menschenrechte, die nach Ansicht der «Weltwoche» schon längst «zum Gegenstand ideologischer Aufblähung» verkommen sind.

Die «Weltwoche» stört sich insbesondere daran, dass die Völkerrechtsprofessorin für das derzeit verhandelte Freihandelsabkommen zwischen der Schweiz und China eine «Pflicht zur Abklärung der menschenrechtlichen Implikationen» fordert. Damit könnten Schweizer Firmen gezwungen werden, sicherzustellen, dass in ihren chinesischen Partnerfirmen Frauen und Männer gleich viel verdienten, schreibt die «Weltwoche». Das sei anmassend.

Christine Kaufmann weilt derzeit in Indonesien. Eine schriftliche Anfrage von Tagesanzeiger.ch/Newsnet zur Stellungnahme blieb unbeantwortet.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 19.10.2012, 12:23 Uhr)

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