Zürich
Wie eine Kugel das Leben dreier Menschen zerstörte
Von Stefan Hohler. Aktualisiert am 26.01.2012 53 Kommentare
Angeklagter bestreitet Tötungsvorwurf
Der 23-jährige Kosovare, der beschuldigt wird, vor gut drei Jahren die 16-jährige Gymnasiastin Céline Franck ermordet zu haben, ist geständig, den tödlichen Schuss abgegeben
zu haben. Er bestreitet aber jegliche Tötungsabsicht. Dies sagt Mario Bortoluzzi, sein amtlicher Verteidiger. Im Gegensatz zur Staatsanwaltschaft, die auf Mord klagt, plädiert der Rechtsanwalt des Beschuldigten auf fahrlässige
Tötung. Der Verteidiger legt Wert darauf, dass für seinen Mandanten die Unschuldsvermutung gilt.
Der Angeklagte habe seine Freundin im Auto nicht erschiessen wollen, so der Verteidiger. Es habe sich um eine blödsinniges Spiel gehandelt, das dann auf eine absolut tragische Weise endete. Bortoluzzi weist darauf hin, dass die Untersuchung kaum zweieinhalb Jahre
gedauert hätte, wenn der Vorwurf des Mordes so klar wäre, wie dies der Staatsanwalt behauptet. Er erinnert zudem an
die Dutzenden von Zeugeneinvernahmen, die 26 Bundesordner füllen. Der Prozess vor dem Bezirksgericht Uster findet ab dem 6. Februar statt. Das Gericht hat vier Tage für diese Verhandlung reserviert. (hoh)
Die ermordete Gymnasiastin Céline Franck. (Bild: PD)
Anklage auf Mord
Der Prozess gegen den heute 23-jährigen Beschuldigten findet ab Montag, 6. Februar, vor dem Bezirksgericht Uster statt. Für den Prozess sind vier Tage reserviert. Der Staatsanwalt plädiert auf Mord, Gefährdung des Lebens und Verstösse gegen das Waffengesetz. Das Strafmass für Mord liegt zwischen zehn Jahren und lebenslänglich. Der Staatsanwalt wirft dem jungen Mann vor, Céline Franck mit einem gezielten Schuss getötet zu haben. Der Kosovare habe die junge Frau regelrecht hingerichtet, ein eigentliches Motiv sei nicht erkennbar. Der Staatsanwalt betont in der Anklageschrift, dass die Tötung «nicht mit einem (differenzierten) Beziehungsdelikt» in Zusammenhang gestanden sei. Der Beschuldigte habe Céline als lästig empfunden. Denn zum Zeitpunkt, als das Paar im Auto sass, rief eine Parallelfreundin den Beschuldigten an, und die junge Frau beschwerte sich bei ihm darüber. (hoh)
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Den Sonntag, 8. März 2009, kann Stéphane Franck niemals vergessen. Um 6 Uhr morgens läuteten zwei Polizisten an der Tür und weckten ihn und seine Frau. «Setzen Sie sich», sagt einer der Beamten, «Ihre Tochter Céline ist tot, sie wurde ermordet.» Stéphane Franck, 50-jährig und bei einer Zürcher Versicherung angestellt, geht dieser Moment immer wieder durch den Kopf. Knapp drei Jahre sind vergangen, seit die damals 16-jährige Céline von ihrem Freund im Auto auf dem Volki-Land-Parkplatz mit einem Schuss in den Hals getötet wurde. Von einer Minute auf die andere waren drei Leben zerstört worden: das von Céline und diejenigen ihrer Eltern.
An Samstagabend holte der Freund die junge Frau gegen 23 Uhr in der elterlichen Wohnung in Zürich-Hottingen mit dem Auto ab. Dann fuhr das Paar zum Volki-Land, wo der Mann keine Stunde später die Tat beging. Die beiden waren erst seit gut zwei Wochen zusammen. Laut Franck war der Freund ein gut aussehender, gepflegter junger Mann. Céline sei stolz und verliebt gewesen, obwohl seine Biografie total anders war als die ihre. Er, ein 20-jähriger Kosovare, wohnhaft in Oetwil am See, aus einfachen Verhältnissen stammend und als Verkäufer in einem Lebensmittelladen arbeitend. Sie, eine Gymnasiastin aus Zürich, die in zwei Wochen ihren 17. Geburtstag gefeiert hätte. Sie stammte aus einem wohlbehüteten und finanziell gut gestellten Elternhaus und war musisch und kulturell gebildet. Sie habe diesen Partner wohl als Kontrast zu ihrem privaten und sozialen Umfeld gewählt, vermutet Franck.
Freundin als lästig empfunden
Am 6. Februar wird der Beschuldigte vor Gericht stehen. Franck und seine Ehefrau werden anwesend sein. Der Staatsanwalt plädiert auf Mord und schreibt in der Anklageschrift von einer «kaltblütigen Hinrichtung». Der Beschuldigte habe die Freundin als «lästig» empfunden, weil sich diese über seine drei Parallelbeziehungen beschwerte. Dass der junge Mann ein Waffennarr war und rund ein Dutzend Pistolen und Gewehre besass, dass er die Freundin eine Woche vor dem Mord mit einem Messer bedroht hatte, sei erst in der Untersuchung zutage gekommen. Davon habe man nichts gewusst, sagt Franck.
Es wird eine harte Zeit für das Paar: Denn der Prozess bringt den kriminellen Aspekt der Tat wieder zutage. «Es wird uns wieder bewusst, dass Céline so grausam ermordet wurde, und alle Bilder kommen wieder hoch», sagt Franck. In den letzten drei Jahren haben er und seine Frau sich bemüht, diesen unerträglichen Gedanken in den Hintergrund zu stellen. Sie seien zwar täglich an den Verlust der geliebten Tochter erinnert worden. Dabei sei aber der Verlust im Vordergrund gestanden, nicht die Tat. Sie hätten ein sehr inniges Verhältnis zur einzigen Tochter gehabt, dies mache den Abschied umso schmerzhafter. Stéphane Franck besucht das Grab auf dem Friedhof Rehalp wöchentlich ein- bis zweimal. Wenn er auf ehemalige Schulkolleginnen seiner Tochter trifft, die jetzt an der Uni studieren, sei das jeweils wie ein Schlag. Dann kommt ihm jedes Mal der Gedanke: «Was würde Céline heute wohl machen?»
Keine Wut gegen den Täter
Gefragt, ob er Wut auf den Mann empfindet, winkt der Vater ab. «Das bringt nichts.» Auch das Strafmass ist für ihn irrelevant. Obwohl der junge Mann den Eltern Entschuldigungsbriefe geschrieben habe, habe er keine echte Reue gefühlt. Franck war an den Einvernahmen mit dem Täter beim Staatsanwalt anwesend. Damit hat der Täter auch einen Platz in seinem emotionalen Leben eingenommen. Er habe manchmal fast Mitleid mit ihm bekommen. Der junge Mann werde wohl für viele Jahre ins Gefängnis wandern und habe sein Leben ebenfalls ruiniert: «Für einen sinnlosen Mord.»
Die Bluttat hatte auch das Verhältnis des Ehepaars beeinflusst. Seit rund zwei Jahren leben sie getrennt. «Wir konnten die Krise nicht miteinander bewältigen, wir haben uns gegenseitig hinuntergezogen», sagt Franck rückblickend. Eine Zukunft aufzubauen nach solch einem schlimmen Ereignis sei ein egoistischer Prozess. «Jeder muss seinen eigenen Weg finden.» Trotzdem hätten sie weiterhin einen guten Kontakt miteinander. Man verbringe die Ferien gemeinsam oder gehe zusammen in den Ausgang. In der ersten Phase nach der Ermordung sei der Schmerz psychisch und physisch spürbar gewesen. Franck spricht von einem mächtigen Druck auf der Brust, der ihn immer wieder daran erinnerte, dass der Tod der geliebten Tochter nicht nur ein böser Traum ist, sondern Wirklichkeit.
In der späteren Phase der Trauer ist ihm seine Einsamkeit deutlich geworden – dass am Ende jeder selber lernen muss, mit dem schrecklichen Ereignis umzugehen. Auch Freunde und Bekannte könnten einem nicht wirklich weiterhelfen. «Nach dem anfänglichen Schock kehrte bei den anderen bald wieder Normalität ein. Wir blieben zerbrochen», sagt Franck. Sie hätten zwar einen Psychologen bei der Trauerarbeit beigezogen, aber am Schluss sei man halt trotzdem auf sich allein gestellt.
Taufe zwei Wochen vor dem Tod
Was den Vater ständig umtreibt, ist der Umstand, dass sich Céline zwei Wochen vor ihrer Ermordung in der katholischen Kirche St. Anton in Zürich-Hottingen taufen liess – in der gleichen Kirche, in der die Trauerfeier für die 16-Jährige stattfand. Céline habe dies aus eigenem Antrieb gemacht, sagt er. Zudem hat sie fest an das eigene unabänderliche Schicksal geglaubt. Franck beschreibt die Tochter als «tough». Sie sei sehr selbstbewusst gewesen, habe geboxt, sei geritten und habe Cello gespielt: «Céline hat ihr Leben intensiv gelebt, aber es ist noch ein ungelebtes Leben gewesen.» (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 20.01.2012, 06:44 Uhr
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