«Wie gehts?»

Zürichs männerfreundlichste Strasse ist die Zähringerstrasse. Denn nirgendwo wird Mann häufiger nach seinem Befinden gefragt. Seine Antwort sollte er sich gut überlegen.

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Einfach durchgehen geht nicht – auf der Zähringerstrasse, nachts um halb zehn. Zu fünft stehen sie an der Ecke, und auf der anderen Strassenseite hat es auch noch ein paar. Sexdienerinnen aus dem Ausland, dem Dialekt nach aus dem östlichen. «Wie gähts?» So viel Deutsch haben sie gelernt, und bestimmt einige Verben dazu. Doch hören will man die nicht, man will da nur durch. Wie?

Der Anfängerlauf. Naive Männer, denen Rotlichterfahrung fehlt, geniessen die unerwartete Aufmerksamkeit, die ihnen die Frauenwelt plötzlich entgegenbringt. Verwirrt blicken sie zum Kollegen: «Hast du gesehen? Die hat mich extrem lange angeschaut!» Irgendwann begreifen sie, was dessen Grölen bedeutet. Und weshalb die Frauen so offenherzig gekleidet sind.

Der Umweg. Der empfiehlt sich, wenn man diese «Wiegähtserei» als unsäglich empfindet. Sei es als Tourist, weil man für sich und seine Liebste ein Weekend in «the romantic old town» gebucht hat. Oder, weil man gerade einen dieser Tage hat. Einen, an dem einem die Welt in die Schuhe blasen kann, aber sicher nicht ... – es empfiehlt sich, die Zähringerstrasse weiträumig zu «umfahren».

Der Starrlauf. Augen zu und durch, heisst es. Nur, mit geschlossenen Augen stolpert man nach drei Schritten schon in die erste Gastarbeiterin. Was tun? Den Blick auf den Boden oder starr in die Ferne richten. Tolle Taktik. Nur, die Welt ausblenden heisst nicht, dass diese einem dieselbe Gnade gewährt. – «Wie gähts?» – Die Steigerung wäre der Tempo-Starrlauf. Doch Achtung: Bei Tempo 23 ist das Risiko, die Damen reihenweise umzurennen, relativ hoch.

Der Messelauf. Deshalb besser Augen auf. Der Gang durch die Zähringerstrasse wird so zu einem Spazieren durch eine Verkaufsmesse. Freundliche Hostessen, die sich energisch unterhaken, «wie gähts?» flöten, und einem Wünsche von den Augen lesen, die man nicht hat. Wichtig: Es ist ein Unterschied, ob man sofort «sähr gut» sagt, oder noch ein paar Schritte zuwartet. Im ersten Fall muss damit gerechnet werden, dass man den Dienstleistungskatalog erstens erklärt erhält und zweitens, dass die Messdienerin ihren Vortrag bereits als Vertragsabschluss interpretiert.

Die Kaugummitour. Welch erstaunliche Wirkung doch ein Kaugummi entfalten kann. Man wickle ihn dann aus, wenn einem die bekannte Grussformel an den Kopf geworfen wird. Folgendes kann dann passieren: Die Fragerin fällt aus der Rolle und fragt, ob sie nicht auch – «natürlich». Dafür gibts einen Luftkuss und keine weiteren Belästigungen.

Der Zickzacklauf. Alkohol ist das Viagra des Mutes und sich diesen antrinken hat schon manches Problem gelöst. Nicht dieses. Weil mit jedem Schluck die gerade Linie ungerader wird und der Mut für ganz anderes erwachen könnte.

Der Zieleinlauf. Es gibt Männer, deren Weg an den Arbeitsplatz der Frauen führt. Deren Strategien: Die Gepeinigten schreiten auf direktem Weg und mit eingezogenem Hals auf den Eingang zu. Der Connaisseur schwatzt auf der Strasse herum. Der Glotzer grölt von der Strasse aus ins Schaufenster hoch.

Der Nachbarlauf. Wer neben einem Puff wohnt, muss dreimal nett Nein sagen und demonstrativ die Haustür aufschliessen. Dann haben ihn die Horizontal-Gewerblerinnen unter «freundlicher Nachbar» abgespeichert. Und mit diesen macht man keine Geschäfte, sondern Konversation. So ergibt sich eine klassische Win-Win-Situation. Der Nachbar wird gegrüsst. Und die Frauen können mit einem Mann sprechen, der ihnen in die Augen schaut.

Der Frauenlauf. Und zum Schluss: Wie ist er eigentlich für Frauen, der Spaziergang durch Strassen wie die Zähringer? Die nicht ganz repräsentative Umfrage ergab: «Wie gähts» höre man eigentlich nie. Wenn man was höre, dann schon eher ein raues «hau ab!».

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 04.12.2012, 09:59 Uhr)

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