Zürich
«Wir sollten uns Genossenschaften für Reichere überlegen»
Interview: Christoph Landolt. Aktualisiert am 06.07.2011 33 Kommentare
Daniel O. Maerki ist Geschäftsführer des Schweizerischen Verbands für Wohnungswesen (SVW) Zürich. Er vertritt die Interessen von 230 Genossenschaften mit rund 60'000 Wohnungen.
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Herr Maerki, Ihr Verband hat untersucht, ob und wie die Genossenschaften Belegungsvorschriften durchsetzen. Warum eigentlich? Es wird immer wieder diskutiert, ob in den Genossenschaftswohnungen die falschen Leute wohnen. Das ist nicht der richtige Ansatz, die Frage ist falsch gestellt. Genossenschaften sind Miteigentümerschaften und entscheiden selbst, was sie mit ihren Wohnungen machen.
Sie werden von der öffentlichen Hand subventioniert, indem sie den Boden günstig im Baurecht bekommen. Ja, aber sie bezahlen dafür sehr wohl ihren Beitrag. Die Genossenschaften haben einen Leistungsauftrag. Sie verpflichten sich, nicht zu spekulieren, die Kostenmiete zu halten. Sie bieten auch Pflegeleistungen an, stellen Gemeinschaftsräume zur Verfügung. Diese Leistungen entlasten die öffentliche Hand. Und der Staat profitiert, wenn er sein Land nur im Baurecht gibt. Er behält die Verfügungsgewalt über den Boden, er gehört ihm nachher noch immer.
Trotzdem: Warum haben Sie diese Erhebung gemacht? Der Grund ist schon der, dass wir unsere Argumentation auch abstützen wollten. Das Resultat ist klar: Die Genossenschaften schauen sehr wohl, dass es nicht ausufert. Wenn 90 Prozent der gemeinnützigen Wohnbauträger Belegungsvorschriften haben, ist das ein sehr deutliches Votum.
Die Hälfte der Genossenschaften steht den Mietern ein Zimmer mehr zu, als Personen in der Wohnung wohnen. Andere definieren eine Quadratmeterzahl pro Person. Wie hoch ist die? Das kommt stark auf die Genossenschaft an, verallgemeinern kann man das nicht. Die Genossenschaft Kalkbreite zum Beispiel rechnet mit 35 Quadratmetern pro Person. Die Mieter von Genossenschaftswohnungen beanspruchen im Schnitt 37 Quadratmeter, auf dem freien Markt sind es 50 Quadratmeter pro Person. Das Thema Verdichtung ist für uns ein wichtiges Thema. Die Genossenschaften fragen sich, ob auch sie immer grösser, immer teurer bauen müssen.
Belegungsvorschriften für Neumieter haben die meisten Genossenschaften. Wie sieht es aus, wenn bestehende Mieter den Vorschriften nicht mehr genügen? Nur 26 Prozent der Genossenschaften verpflichten ihre Mieter nicht zu einem Wechsel. Das betrifft vor allem kleinere Genossenschaften ohne professionelle Geschäftsstelle. Wenn man die Zahl der Bewohner in einem Haushalt im Auge behalten will, bedeutet das für die Immobilienverwaltung natürlich einen Aufwand.
Sie sagen «nur» 26 Prozent. Man könnte das auch als viel anschauen. Die Genossenschaften müssen das doch höchstselbst entscheiden. Viele Genossenschaften haben sich gegenüber niemandem zu irgendetwas verpflichtet. Ich gehe davon aus, dass die 26 Prozent ein Mix sind aus einerseits privaten Genossenschaften, die nicht subventioniert wurden, und andererseits Härtefällen, wo ältere Personen, die schon lange in ihrer Wohnung sind, nicht mehr umziehen müssen.
Was passiert in der Regel, wenn ein Partner auszieht oder die Kinder flügge werden? Die allermeisten Genossenschaften versuchen, mit den Betroffenen eine konsensuale Lösung zu finden. Man sucht das Gespräch, unterbreitet alternative Vorschläge, bietet kleinere Wohnungen an. Erst dann wird eine Frist gesetzt.
Können Genossenschaften ihre Genossenschafter rauswerfen? Wenn keine Lösung gefunden wird und es in den Statuten vorgesehen ist, wird das schon gemacht.
Wie habens die Genossenschaften mit den Erfolgreichen? Reiche wohnen nicht unbedingt in einer Genossenschaftswohnungen, das ist so. Ich fände es gut, wenn mehr Gutverdienende sich für die Genossenschaftsidee begeistern liessen. Für Leute, die mitbestimmt wohnen wollen, für die der Solidaritätsgedanke wichtig ist, ist das Genossenschaftsmodell attraktiv. Wir sollten uns überlegen, nicht nur für den Mittelstand zu bauen, sondern auch für Reichere. Das würde vor allem dort Sinn machen, wo das Land von Privaten kommt.
Welche Rolle spielt das Thema soziale Durchmischung? Das Thema ist sehr wichtig, die Stadt Zürich leistet mit ihrem hohen Anteil an gemeinnützigem Wohnungsbestand einen wichtigen Beitrag, es ist aber auch in den Umlandgemeinden ein wichtiger werdendes Thema, z.B. in den Seegemeinden. Letztes Jahr wurde zum Beispiel in den Seegemeinden Männedorf, Wädenswil und Küsnacht über neue Genossenschaftsüberbauungen abgestimmt. Das Problem ist, dass die Lehrer, die Beamten oder die Mitarbeiter des Spitals nicht mehr in der Gemeinde selbst wohnen können, weil es nichts Bezahlbares mehr gibt. Es findet eine Verdrängung statt, die sich auch auf das Dorfleben auswirkt. Hier können die Genossenschaften sehr viel beitragen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 06.07.2011, 12:52 Uhr
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33 Kommentare
Dieses zunehmende Klassendenken wird dem sozialen Frieden der Schweiz - etwas vom Wertvollsten, auch für die Wirtschaft - nicht dienlich sein. Bisher waren auch die Reichen gerne in der Schweiz, weil sie gänzlich unbehelligt und locker ihrer Tagesaktivität nachgehen konnten. Tja... Antworten
Auch Genossenschaften müssen - genau wie private Vermieter - schauen, dass sie zu ihrem Geld kommen, sprich, dass die Mieten bezahlt werden ! Deshalb haben sie sie auch gerne ein paar sichere Zahler in ihren Reihen und nicht nur AHV-Empfänger, Arbeitslose und Arme ... ein guter Mietermix ist das A und O, auch für Genossenschaften. Antworten
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