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Wird Weltliteratur zum Porno, wenn 14-Jährige sie lesen?

Von Liliane Minor. Aktualisiert am 20.10.2011 59 Kommentare

Ein Deutschlehrer landete vor Gericht, weil eine Mutter literarische Werke für pornografisch hielt. Er wurde deshalb zweieinhalb Jahre freigestellt.

Cover des Buches «Frühlingserwachen» von Frank Wedekind. (Bild: amazon.com)

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«Sie steigt hinunter in den Keller, geht in den Hundestall und legt sich mit ausgebreiteten Beinen auf den kalten Zementboden. Die Kälte steigert noch ihre Wollust, während der Hund sie zwischen den Beinen zu lecken beginnt. (...) Die Erregung ist gross, gesteigert noch durch die Möglichkeit, dass in jedem Augenblick jemand kommen kann, um sie zu beobachten.»

Es waren Textpassagen wie die oben zitierte, die einen 48-jährigen Deutschlehrer in die Mühlen der Justiz brachten. Die Passage stammt aus dem Buch «Dunkler Frühling» von Unica Zürn, einer anerkannten deutschen Schriftstellerin. Der Roman handelt vom schwierigen Erwachsenwerden und vom sexuellen Erwachen, Protagonistin ist ein Mädchen im Alter zwischen zehn und zwölf Jahren, missbraucht und bodenlos einsam.

Für die Mutter einer Drittklässlerin an einem Zürcher Gymnasium war dieser Text nicht Literatur, sondern Pornografie. Ebenso wie andere literarische Werke, die der Lehrer mit seinen Zöglingen behandelte, etwa «Frühlingserwachen» von Frank Wedekind oder «Warum das Kind in der Polenta kocht» von Aglaja Veteranyi. Allen Büchern ist gemeinsam, dass sie die Pubertät und damit auch die jugendliche Sexualität behandeln. Das empfand die Mutter als anstössig. Und das sah offenbar auch die Staatsanwältin so, die zwei Jahre lang gegen den Lehrer ermittelte und schliesslich Anklage erhob.

Sextexte, Sexfilme, Sexbilder

Die Anklageschrift liest sich dramatisch. Der Lehrer habe nicht bloss die erwähnten Bücher mit den 14- bis 15-jährigen Schülerinnen und Schülern gelesen, sondern ihnen in Prüfungen auch Fragen zu Themen wie Inzest, Teenager-schwangerschaft und «sexuelle Handlungen mit Gewalt bis zum Tode» gestellt. Doch damit nicht genug. In einer Abschlussstunde soll er den Jugendlichen gesagt haben, sie dürften sich gegenseitig massieren, während indische Musik lief, Räucherstäbchen brannten und er einen Text vorlas, der mit dem Satz endete: «Dann wurde sie feucht.» Und schliesslich soll er vorwiegend sexuelle Szenen aus Jean-Jacques Annauds Filmklassiker «Am Anfang war das Feuer» gezeigt haben.

Das allein hätte vielleicht für eine Anklage nicht gereicht. Aber bei einer Hausdurchsuchung zeigte sich, dass der Deutschlehrer auf seinem Computer eine Sammlung von Nacktbildern besass – die meisten davon von erwachsenen Menschen, zu einem kleinen Teil aber auch von Kindern. Viele waren längst gelöscht, die Spuren aber noch nachweisbar. Für die Staatsanwältin war der Fall damit klar: Der Lehrer sollte mit 270 Tagessätzen zu 160 Franken bedingt bestraft werden. Gestern stand er dem Einzelrichter Rede und Antwort.

Der Richter wollte genau wissen, wie und weshalb der Lehrer die Texte mit den Schülerinnen und Schülern behandelt habe. Dieser bestritt jeglichen pornografischen Zusammenhang: «Literatur funktioniert nicht wie Pornografie. Pornografie lebt von der Reduktion auf das Sexuelle; Literatur ist ein Bezugsnetz.» Und den Schülerinnen und Schülern seien die Bezüge jederzeit klar gewesen: «Wir haben die Texte immer ganz gelesen. Und es ging nur um den Text als solchen. Es musste niemand über sich selbst reden.»

Ein künstlerisches Interesse

Als «kompletten Unsinn» bezeichnete der Pädagoge die Darstellung von der Abschlussstunde. Die Jugendlichen hätten sich auf eigenen Wunsch an den Schultern massiert. Einen Text mit dem erwähnten Schlusssatz habe er nicht vorgelesen. «Kompletter Unsinn» sei auch die Behauptung, er habe aus «Am Anfang war das Feuer» vorwiegend sexuelle Szenen gezeigt: «Ich habe Szenen vorgeführt, die im Zusammenhang mit dem Sprachverhalten stehen.» Der Film sei wertvoll und stehe in Dutzenden von Gymnasiummediotheken.

Bleibt die Sache mit den Bildern. Für den Lehrer sind sie Aktbilder. Er will sie vor 2002 auf seinen Computer geladen haben, als deren Besitz noch legal war. In jener Zeit habe er sich künstlerisch für Aktbilder aus jedem Lebensalter interessiert. Der Computer des Lehrers zeigt einen späteren Zugriff – unklar ist, ob es sich dabei um den blossen Löschvorgang handelt oder ob der Mann die Bilder auch noch auf seinen Computer lud, als sie bereits verboten waren.

Richter: «Mutter hätte das direkt mit der Schule regeln sollen»

Der Verteidiger des Lehrers verlangte einen Freispruch. Die Untersuchung der Staatsanwältin sei völlig unzureichend. Sie habe nicht einmal die betroffenen Schüler und deren Eltern befragt. Der Richter sah das gleich. Was am Gymnasium passiert sei, hätte niemals so zur Anklage kommen dürfen: «Das hätte die Mutter direkt mit der Schule regeln müssen.» Literatur sei nicht Pornografie und demzufolge auch nicht verboten für unter 16-Jährige. Zudem habe die Untersuchung unerträglich lange gedauert.

Der einzige heikle Punkt seien einzelne Bilder auf dem Computer des Lehrers, so der Richter. Ob er sich damit strafbar gemacht hat, konnte der Richter gestern noch nicht sagen: «Wenn, dann ist die Strafe aber sehr gering.»

Der Rektor des Gymnasiums zeigte sich nach dem Urteil erleichtert. Der Lehrer, der von der Bildungsdirektion seit zweieinhalb Jahren freigestellt ist, sei ein engagierter und beliebter Pädagoge gewesen. Er hält die Vorwürfe für aus der Luft gegriffen: «Wenn so etwas passiert, kommen oft weitere Eltern mit ähnlichen Erlebnissen – hier war das nicht der Fall.» Der Rektor würde den Lehrer am liebsten weiterbeschäftigen.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 20.10.2011, 07:58 Uhr

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59 Kommentare

Mario Menel

20.10.2011, 08:44 Uhr
Melden 54 Empfehlung

Da hat wohl die Mutter der Gymnasiastin ein Problem. Vielleicht mal in die Gegenwart wechslen.
Schade um den fähigen Pädogogen, Aufklärung verhindert vieles später.
Antworten


Erich Baltisser

20.10.2011, 10:43 Uhr
Melden 42 Empfehlung

Die Frage ist doch, ob ein grosser Teil der Gesellschaft nicht einfach ein verklemmtes Verhältnis zur Sexualität und Pornografie hat. Das bestreiten jetzt sicher viele. Es vielleicht sogar selber heiss finden, aber dann mit der Rolle als Mutter in Konflikt kommen und zum Moralapostel konvertieren - muss darunter wirklich die Literatur leiden? Es wäre zu begrüssen, wenn ein Reifeprozess stattfände. Antworten



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