Wohin die Strassenprostituierten ausweichen

Heute stellte die Stadt ihre Zwischenbilanz zur Neuregelung der Strassenprostitution vor – und wertet diese positiv. Hilfsorganisationen schlagen aber Alarm.

Für viele Prostituierte keine Alternative: Strichplatz mit Sexboxen in Altstetten.

Für viele Prostituierte keine Alternative: Strichplatz mit Sexboxen in Altstetten. Bild: Keystone

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Für die Stadt läuft in Sachen Strassenprostitution alles bestens. Den Strich am Sihlquai habe man problemlos aufheben können, gab die Stadt heute an einer Medienkonferenz bekannt. Der neue Strichplatz verhindere, dass Sexarbeiterinnen anderer Nationalitäten von ungarischen Zuhältern vertrieben würden, was beim Sihlquai geschehen sei. Deshalb gebe es eine «grössere Bandbreite hinsichtlich Herkunftsländern». Zudem seien die Strassenprostituierten nicht in andere städtische Strichzonen, also in das Niederdorf oder die Brunau, abgewandert.

Dass die Frauen nicht auf andere Strassenstriche ausweichen, bestätigen die Anwohner der betroffenen Gebiete. Wie Jean-Marc Hensch, Präsident des Quartiervereins Enge, erklärt, gebe es in der Brunau keine Ansammlung von Prostituierten: «Als der Sihlquai geschlossen wurde, versuchten Einzelne, dort anzuschaffen. Nun sehen wir keine mehr.» Im Niederdorf wird nach wie vor angeschafft, allerdings nicht mehr als vor der Sihlquai-Schliessung, wie Quartiervereinspräsident Peter Rothenhäusler erklärt: «Wir können keine Veränderung feststellen.»

Wie die Stadt allerdings angibt, schaffen auf dem Strichplatz aber nur halb so viele Sexarbeiterinnen an wie zuvor am Sihlquai. Wohin also haben sich die Frauen verlagert? Derzeit kann dies niemand mit abschliessender Sicherheit beantworten. Allerdings hat Rebecca Angelini, Sprecherin der Fachstelle für Frauenhandel und Frauenmigration, «Hinweise darauf, dass einige von ihnen in Hotels, einzelne Zimmer oder Grossclubs ausgewichen sind».

Salons unter Druck

Wie der «Tages-Anzeiger» heute bereits berichtete, stehen gerade diese Einzelzimmer und Salons derzeit unter massivem Druck. «Viele Kleinsalons scheitern an den hohen Anforderungen für eine Bewilligung. Die Gefahr, dass die Frauen in die Illegalität verdrängt werden, ist gross. Dort sind sie aber noch ungeschützter vor Ausbeutung und Gewalt», erklärt Angelini. Dies gelte in starkem Masse auch für Sexarbeiterinnen, die bisher nur in Salons angeschafft hätten.

Cornelia Zürrer Ritter, Leiterin der Rahab-Arbeit der Heilsarmee Zürich, bestätigt diese Beobachtung. Zwar geht sie davon aus, dass ein Teil der ungarischen Strassenprostituierten ins Ausland ausgewichen ist. Aber: «Die Frauen, die blieben, sind verzettelt und viel weniger sichtbar.» Früher habe man verschiedene Häuser gekannt, in denen – meist nach Nationalitäten getrennt – Prostituierte arbeiteten. Mit dem harten Vorgehen der Stadt gegen die Salons und hohen Bussen beim Anschaffen auf der Langstrasse verlören die Frauen ihre Existenzgrundlage und müssten sich verstecken: «Sie haben grosse Angst und praktisch keine Chance, einen legalen Ort zum Arbeiten zu finden.»

Strichplatz keine Alternative

Laut Zürrer Ritter ist der Strichplatz in Altstetten vor allem für Prostituierte, die «bisher bis zu 20 Jahre in Salons anschafften», keine Alternative. Einige hätten dies ausprobiert, «sie verdienen dort aber weniger Geld und halten die Arbeitsbedingungen für menschenunwürdig». Zudem gebe es dort höchstens Platz für 30 Prostituierte. «Es gibt aber viel mehr Sexarbeiterinnen.» Auch stimme es laut den Prostituierten nicht ganz, dass die Zuhälter beim Strichplatz keinen Einfluss mehr hätten: «Sie bewegen sich nach wie vor im Umfeld des Strichplatzes, einfach nicht so offensichtlich, oder lassen sich durch Capo-Frauen vertreten.» Diese sind eine Art Aufseherinnen aus den Reihen der Prostituierten selbst, die die Frauen für Zuhälter überwachen.

Das jetzige Versteckspiel der Sexarbeiterinnen führe dazu, dass es für die Hilfsorganisationen viel schwieriger sei, an die Frauen heranzukommen. «Bei Opfern von Menschenhandel braucht es Zeit und Geduld, um eine Beziehung aufzubauen», erklärt Zürrer Ritter. Dies sei derzeit kaum mehr möglich. «Wir müssen zuerst herausfinden, wo sich die Frauen nun bewegen.»

Flora Dora steht hinter städtischer Politik

Doch nicht alle Hilfsorganisationen schätzen die Situation gleich ein. Ursula Kocher, Leiterin der Beratungsstelle Flora Dora, erklärt: «Wir sind sowohl auf den Strassenstrichen der Stadt als auch im Langstrassenquartier präsent und stehen nach wie vor in sehr engem und gutem Kontakt mit den Prostituierten.» Zwar gebe es wegen der vermehrten Kontrollen verunsicherte Sexarbeiterinnen. «Unsere Aufgabe ist es, weiterhin Aufklärungsarbeit zu betreiben und so die Unsicherheiten aus dem Weg zu räumen.»

Dass die Strassenprostituierten in illegale Zimmer und Salons ausweichen, sieht Kocher nicht: «Es stimmt, dass zu Hochzeiten bis zu 46 Prostituierte am Sihlquai anschafften. Die Zuhälter haben einen Grossteil dieser Frauen abgezogen, aber nicht in die Illegalität, sondern zum Teil ins Ausland.»

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 22.10.2013, 14:17 Uhr)

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