Zürcher Gymnasien müssen Millionen sparen

Schüler, Lehrer und Rektoren protestieren gegen diesen «Bildungsabbau». Wie schlimm ist dieser wirklich?

Die Zürcher Gymnasien müssen bald mit weniger Geld rechnen: Mathematiklektion in Winterthur. Foto: Doris Fanconi

Die Zürcher Gymnasien müssen bald mit weniger Geld rechnen: Mathematiklektion in Winterthur. Foto: Doris Fanconi

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Dem Kanton Zürich geht es finanziell schlecht. Trotz Minusteuerung steigen seine Ausgaben stetig weiter an. Inzwischen sind sie auf über 15 Milliarden Franken jährlich angewachsen, und laut den Prognosen wird es im gleichen Stil weitergehen. Nun zieht der Regierungsrat wieder einmal an der Bremse. Besser gesagt: Er ist dazu gesetzlich verpflichtet, weil der Haushalt sonst in den nächsten Jahren aus dem Gleichgewicht gerät. Zwei Möglichkeiten stünden zur Wahl: die Einnahmen erhöhen und die Ausgaben senken. Weil Steuererhöhungen im bürgerlichen Parlament chancenlos sind, bleibt nur das Sparen – und zwar nicht zu knapp. 700 Millionen Franken sollen es jährlich sein.

Diese Botschaft des Regierungsrats hat in den Schulen für Verunsicherung gesorgt, besonders in den Mittelschulen. Sie sollen insgesamt 18 Millionen Franken sparen, was pro Schule gegen eine Million Franken ausmachen dürfte. Noch im letzten Herbst traf man sich zu Krisensitzungen, und schnell war man sich einig: Diese Sparübung wird nicht einfach erduldet. Es wurde ein Manifest für das «gemeinsame Umdenken» und gegen die «kurzfristige Sparpolitik» formuliert.

Dieses haben inzwischen fast 14'000 Personen unterzeichnet, unter ihnen alle massgeblichen Führungspersönlichkeiten der Zürcher Bildungsinstitutionen. Darüber hinaus gibt es haufenweise Ermunterungen von teils prominenten Sympathisanten: «Bildung öffnet die Augen und eröffnet Welten», schreibt etwa Ex-Fussballer und Student Ricardo Cabanas. Alt-Stapi Elmar Ledergerber (SP): «Bravo und danke. Die spinnen, die Römer.» Zuspruch gibts auch von unerwarteter Seite: «Wer Bildung sät, kann ein Leben lang ernten», schreibt der Freisinnige Antoine Berger, der vor Weihnachten im Kantonsrat beim Sparen noch kräftig mitgeholfen hatte.

Nun folgt am Mittwoch der Höhepunkt des Widerstandes, der «Tag der Bildung». Es soll ein kreativer Protest mit Konzerten, mit Suppenküchen, mit offenen Türen in übergrossen Klassen, mit Politdiskussionen und mit einer Kundgebung am Bürkliplatz sein.

Privat finanzierter Protest

Neben der Zustimmung gibt es allerdings auch Kritik. Die SVP-Kantonsräte Hans-Peter Amrein und Rolf Zimmermann sprechen in einem parlamentarischen Vorstoss von «Nötigung der Schüler» und verlangen Sanktionen gegen die «Agitatoren» in den Mittelschulen. Chris­toph Wittmer, Rektor der Kantonsschule Enge und Präsident der Schulleiterkonferenz, sagt dazu: «Wir haben eine scharfe rote Linie gezogen.» Eine Teilnahme an den Aktionen sei für die Schüler freiwillig. Zudem sei kein einziger Steuerfranken aufgewendet worden. Auch die professionelle Manifest-Website sei ausschliesslich über Spenden­gelder finanziert. Die von Wittmer erwähnte rote Linie ist allerdings Pflicht, betont Marc Kummer, Chef des Mittelschul- und Berufsbildungsamtes. Er verweist dabei auf die Gesetze, wonach staatliche Schulen politisch neutral sein müssen und die Interessen des Kantons zu wahren haben.

Die Frage ist bloss, welches die Interessen des Kantons sind. Ist Sparen tatsächlich wichtiger als eine gute Bildung? Und: Steht den Schulen genügend Geld zur Verfügung, um eine gute Bildung anzubieten? Die Zahlen sagen Ja: Im Kanton Zürich werden 30 Prozent aller öffentlichen Gelder (Kanton und Gemeinden) für die Bildung aufgewendet. Damit ist Zürich im Vergleich zu anderen Kantonen grosszügig. Nur St. Gallen, Thurgau und Freiburg erreichen ähnliche Werte. In den Universitätskantonen Genf und Bern zum Beispiel sind es nur 23 und 25 Prozent.

Wenn man die Schweiz als Ganzes mit anderen Ländern vergleicht, zeigt sich ein ähnliches Bild: Von den Staatsaus­gaben (Bund, Kantone und Gemeinden) fliessen über 15 Prozent in die Bildung. Damit erreicht die Schweiz im Vergleich mit den anderen Industrienationen einen absoluten Spitzenwert. Deutschland zum Beispiel, wo die Hochschulen fast ausschliesslich staatlich finanziert sind, investiert nur 10 Prozent in die Bildung. In Italien sind es gut 7 Prozent, und selbst das Pisa-Spitzenreiterland Finnland steckt «nur» 11 Prozent in seine Schüler. Auch wenn man die Ausgaben pro Schüler oder Student in absoluten Zahlen vergleicht, ist die Schweiz spitze.

Stetig steigende Ausgaben

Und wie steht es nun um die Zürcher Mittelschulen? Im letzten Jahr wurden für einen Zürcher Gymnasiasten netto 22'140 Franken ausgegeben. Wie ein Blick zurück zeigt, ist dieser Wert in den letzten zehn Jahren mehrheitlich gestiegen. 2005 lagen die Ausgaben pro Schüler noch unter 20'000 Franken. Einzig im Jahr 2010, ebenfalls ein Sparjahr, sind die Ausgaben pro Schüler kurz eingebrochen.

Auch die angekündigte Sparrunde wirkt sich im Finanzplan (KEF) aus. Im laufenden Jahr werden die Ausgaben pro Schüler um rund 200 Franken sinken und bis 2019 ungefähr konstant bleiben. Wenn die Mittelschulen also 18 Millionen «sparen» müssen, ist damit vor allem gemeint, dass das geplante Kostenwachstum gestoppt wird. Vor drei Jahren waren jährliche Nettoausgaben von 24'500 Franken pro Schüler vorgesehen.

Grössere Schulklassen?

Marc Kummer vom Mittelschul- und Berufsbildungsamt bestätigt diese Zahlen, relativiert sie aber gleichzeitig: «Die effektiven Kosten pro Mittelschüler sind nicht gestiegen.» Das Kostenwachstum sei in den letzten drei Jahren fast ausschliesslich auf die Sanierungsbeiträge für die Pensionskasse BVK zurückzuführen, und zuvor habe die Lohnrevision für höhere Ausgaben gesorgt.

Dennoch begründet der Regierungsrat seinen Sparbeschluss von 18 Millionen Franken damit, dass die Mittelschulen eine jener zehn «Leistungsgruppen mit dem höchsten absoluten Wachstum» seien. Zu diesen Top Ten gehören neben den Volks- und Berufsschulen auch die Polizei, das Sozialamt, der ZVV sowie die Spitäler.

Wie die Mittelschulen 18 Millionen Franken sparen werden, ist noch ungewiss. Der Regierungsrat wird seine konkreten Vorschläge erst im Frühling präsentieren. In den Mittelschulen werden dennoch bereits Planspiele gemacht, wie das Geld gespart werden könnte. Im Fokus stehen Freifächer und teure Projektwochen. Denkbar sind allerdings auch grössere Schulklassen. Kein Thema sind laut Marc Kummer die Einführung von Schulgeldern oder die Verlängerung der Ferien, wie sie im Kanton Luzern verfügt worden sind.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 10.01.2016, 22:46 Uhr)

Kommentar

Noch lange nicht in der Steinzeit

Die Zürcher Mittelschulen wehren sich mit einem «Tag der Bildung» gegen einen Sparauftrag von 18 Millionen Franken. Der Abbau führe zu Qualitätsverlust, schmälere die Chancen der Jugend und gefährde den Wohlstand, warnen Lehrer und Rektoren. Und eine Gruppe von Mittelschülern hat bei Youtube einen Rap aufgeschaltet mit dem Titel «Zrugg id Steiziit».

18 Millionen Franken sind zwar keine Kleinigkeit, es sind immerhin rund 5 Prozent des Budgets für die Mittelschulen. Doch diese Kürzung wird die Zürcher Gymnasien nicht umhauen. Noch immer sind sie besser dotiert als die Mehrzahl der Gymis im Land, vom Ausland nicht zu reden.

Wie weit weg die Zürcher Mittelschulbildung von der Steinzeit ist, dokumentiert exemplarisch der Protest-Rap: professionell gemacht, perfekt vorgetragen. Ein Beweis der hohen Qualität der Gymnasien sind die Studierenden an den Zürcher Hochschulen. Mit herausragenden Leistungen sind sie die Basis dafür, dass ETH und Universität zu den besten Hochschulen in Mitteleuropa gehören. Das Niveau kann nicht wegen einer 5-Prozent-Kürzung in die Steinzeit abdriften. Das wissen die Lehrer und Rektoren selber am besten. Kommt hinzu, dass nicht dort die besten Leistungen erbracht werden, wo die Budgets am höchsten sind. Das ist wissenschaftlich belegt. Sonst müssten koreanische oder finnische Schulen mehr Geld zur Verfügung haben als jene in Zürich. Knappe Ressourcen können auch Innovationstreiber sein.

Der Widerstand gegen die Sparübung ist gleichwohl kein Ärgernis, denn im Grundsatz stimmt die Kritik: Gute Bildung ist nicht gratis und muss Priorität haben – gerade im Kanton Zürich, der mehr als alle andern auf kluge und kreative Köpfe angewiesen ist. Sie garantieren Fortschritt und sozialen Frieden. Wenn diese Botschaft ankommt, war der Protest erfolgreich. Wenn nicht, droht im Herbst bei der nächsten Kürzungsrunde echter Schaden für den Wissensstandort Zürich.

Daniel Schneebeli

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