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Zum Fall Paula O.: «Sie handeln aus einer Not heraus»

Von Matthias Meili. Aktualisiert am 17.12.2009

Menschen wie Paula O., die dreist unwahre Geschichten auftischen, sind nicht immer böswillig. Wenn sie krank sind, spricht die Psychiatrie von Pseudologia phantastica und Münchhausen-Syndrom.

1/10 Paula O. vermummt vor dem Gericht
Vermummt und in Begleitung ihres Vaters fuhr die Brasilianerin Paula O. am Mittwoch ans Bezirksgericht in Zürich. Sie wurde für ihre Lügengeschichte zu einer bedingten Geldstrafe verurteilt.
Bild: Walter Bieri/Keystone

   
Seit Oktober 2009 ist er leitender Arzt beim Forensisch- Psychiatrischen Dienst der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich: Elmar Habermeyer.

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Herr Habermeyer, leiden alle Menschen, die haarsträubende Lügengeschichten erzählen, an Pseudologia phantastica?
Das ist ein sehr umstrittenes Krankheitsbild und extrem selten; die Diagnose wird heute fast nicht mehr verwendet.

Aber es kommt vor?
Menschen mit diesem Syndrom erzählen meist völlig übertriebene Lügengeschichten, um in einem bestimmten Personenkreis Aufmerksamkeit zu erregen. Man kennt es zum Beispiel bei Gefängnisinsassen, die ihren Kollegen erzählen, sie seien Napoleon, oder die nur noch auf Englisch angesprochen werden möchten.

Lügen, die jeder sofort durchschaut...
Ja, das Verhalten grenzt oft ans Hochstaplerische. Sie haben eine extreme Sehnsucht, im Mittelpunkt zu stehen. Es handelt sich oft um Menschen mit einer histrionischen Persönlichkeit, Menschen also, die man früher als hysterisch bezeichnete.

Ist die sogenannte Pseudologia phantastica nicht dasselbe wie das Münchhausen-Syndrom?
Nein, denn die Patienten fügen sich keinen körperlichen Schaden zu. Beim klassischen Münchhausen-Syndrom dagegen fügen sich die Betroffenen selber einen körperlichen Schaden zu, oder imitieren psychische Symptome, um in die Krankenrolle schlüpfen zu können. Dahinter liegt ein starkes Bedürfnis nach Zuwendung und Pflege, die sie beim Arzt oder im Spital erfahren. Die Betroffenen handeln dabei nicht in böser Absicht, sondern aus einer Not heraus.

Aber auch diese Leute erfinden Geschichten?
Diese Geschichten dienen dazu, die sich selbst zugefügte Verletzung oder die Krankheit zu erklären. Es ist hier eigentlich nicht angebracht, von einer Lügengeschichte zu sprechen, denn für die betroffenen Personen ist die ganze Geschichte real.

Wer leidet denn am Münchhausen-Syndrom?
Oft setzt es im jüngeren Erwachsenenalter ein, nicht selten nach einem Krankenhausbesuch. Die Menschen erleben das Kranksein, den Spitalaufenthalt als wohltuend und möchten dies wieder erleben. Dadurch verfestigen sich ihre Strategien auf der Suche nach Zuwendung, Anerkennung und nach dem Umsorgtsein. Ich weiss von einer Frau, die immer wieder eine Wunde manipulierte, damit sie nicht zuwachsen konnte. Am Schluss musste ihr Bein amputiert werden.

Wie diagnostiziert man die Krankheit?
Die Diagnose ist schwierig, das Syndrom kommt nur sehr selten vor. Und in vielen Fällen liegt auch tatsächlich ein körperliches Leiden schon vor. Der Patient verzögert oder verhindert dann nur den Heilungsprozess, um länger in Spitalpflege zu bleiben.

Gibt es ein klares Bild des Münchhausen-Syndroms?
Nein, die Diagnose beschreibt auch weniger eine Störung als vielmehr eine Verhaltenstendenz, die durch ein dahinterliegendes Leiden bedingt ist, zum Beispiel eine Borderline-Störung. Das Münchhausen-Syndrom erachte ich vorwiegend als Ausdruck einer solchen psychischen Erkrankung, die etwa aus schlechten Erlebnissen in der frühesten Kindheit oder im Beziehungsleben herrührt.

Entsprechend behandeln Sie auch nicht das Syndrom selber, sondern die zugrunde liegende Störung.
Ja, denn mit der Diagnose ist dem Betreffenden noch nicht geholfen. Wir müssen verstehen, was dahinterliegt und entsprechende Strategien finden. Wenn jemand zum Beispiel leidet, weil er in seinem sozialen Umfeld zu wenig Aufmerksamkeit erhält, möchten wir mit ihm konstruktivere Mechanismen erarbeiten, wie er mit anderen in Kontakt treten oder Wünsche nach Zuwendung äussern kann. Wenn jemand ein Problem mit dem Selbstbild hat, arbeiten wir an der Identitätsbildung. Auf keinen Fall darf unser Ziel sein, Patienten konfrontativ der Täuschung überführen zu wollen. Für sie ist die Welt, in der sie sich bewegen, sehr real, und sie tun alles, um die Geschichte aufrechtzuerhalten.

Können Menschen mit dem Münchhausen-Syndrom geheilt werden?
Bei der Behandlung muss man berücksichtigen, dass das Syndrom nicht von einem Tag auf den anderen verschwindet. Beim Verlauf wechseln oft stabile Phasen mit Rückschlägen ab.

Mit Elmar Habermeyer sprach Matthias Meili (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.12.2009, 04:00 Uhr

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