Zürich
Zwillingsmord: «Sie durften nie an einen Kindergeburtstag»
Von Simon Eppenberger. Aktualisiert am 12.03.2010
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Am Obergericht Zürich werden zurzeit die Nachbarn der getöteten Zwillinge befragt. «Die Familie lebte sehr zurückgezogen und die Kinder waren sehr wenig draussen», sagte eine Nachbarin. Mutter Bianca B. war offenbar sehr streng. «Es herrschte Drill und Ordnung, die Kinder mussten machen, was sie sagte», so eine Nachbarin aus Horgen.
Die Zeugin hat selber Kinder. «Sie spielten aber nicht gerne mit Céline und Mario», wie die Frau weiter sagte. In einem Punkt waren die Aussagen mit einer weiteren Nachbarin auffallend deckungsgleich: «Die Kinder durften nie an einen anderen Kindergeburtstag.»
«Du bist schuld, das ist nur wegen dir»
Bianca B. wird weiter als eine «perfekte Hausfrau» beschrieben. Die Kinder seien immer anständig gewesen und «sehr sauber» gekleidet. Die Wohnung war immer «blitzblank», so die Nachbarin. Eine Zeugin sagt, sie habe in der Tatnacht einen Streit gehört. Bianca B. habe demnach sinngemäss gesagt, «Du bist schuld, das ist nur wegen dir». Daraufhin habe Franz B. erwidert: «Nein, das ist gar nicht wahr.»
Ein solcher Streit ist bisher von keiner Seite erwähnt worden. Auch als der Richter darauf hinwies und nachfragte, ob sie sicher sei, so etwas gehört zu haben, bleibt die 39-jährige Mutter dreier Kinder dabei. Ja, das habe sie gehört. Sie dachte, es handle sich um einen normalen Streit und ging zu Bett.
Gefasst und detailliert Auskunft gegeben
Bereits zuvor kam eine erste Nachbarin zu Wort. Sie wohnte im Stock über der damaligen Familie B. In der Tatnacht waren sie und ihr Mann durch Klingeln an der Türe geweckt worden. «Bianca sass auf der Treppe und weinte, wirkte danach aber gefasst», sagte die Nachbarin. Die Mutter habe sehr viele Details über den Einbruch gewusst und der Notärztin breitwillig über das Essen am Tag zuvor Auskunft gegeben. «Ganz anders Franz. Der war total neben den Schuhen.»
Weiter bestätigte sie die Untersuchung der Polizei, wonach die Wohnungstüre zweimal von innen verschlossen war. Dies habe Franz auch so gesagt, so die Nachbarin. Auf die Frage nach dem Umgang der Mutter mit den Kindern sagte die Frau, dass das Verhältnis ab dem Sommer 2007 schlechter geworden sei. «Vor allem bei Mario. Er hat sich total von der Mutter abgewendet.» Zudem beschrieb sie die wiederholten Operationen und Krankheitsgeschichten als belastend. «Und die Kinder mussten am Morgen immer alleine aus dem Haus, mit einem Schlüssel um den Hals.»
Anwältin fällt Richter ins Wort
Vor der Nachbarin sagte der Vater Franz B. aus. Die Anwältin seiner Ex-Frau wollte Dutzende Details von Vater Franz B. wissen. Der Richter sah den Sinn der Fragerei nicht ein. «Das haben sie nun schon X-Mal gefragt», sagte er. Als er später die Anwältin erneut zu korrektem Verhalten anhält, redet ihm diese ins Wort. «Würden sie mich ausreden lassen», sagt der Richter und weist sie erneut auf das angebrachte Vorgehen hin.
Die Fragen der Anwältin bringen wenig Neues zutage. Als sie von Franz B. wissen will, ob er mit seiner damaligen Ex-Frau Oralsex hatte, verweigert er die Aussage - dies ist sein Recht, wie der Staatsanwalt am Morgen sagte.
Vater von Schuld der Mutter überzeugt
«Ich kann es nicht beweisen, aber für mich steht fest, dass sie es war», sagte Franz B. am Freitagvormittag vor dem Geschworenengericht in Zürich. Anzeichen, dass seine heutige Ex-Frau zu einer solchen Tat bereit gewesen wäre, bemerkte der heute 41-Jährige keine. «Sie hatte uns gern, war hilfsbereit und umsorgte uns.»
Zuvor befragte ihn der Staatsanwalt detailliert zum Vorleben und der Tatnacht. Nachdem Bianca B. am Mittwoch aussagte, mit zwei Männern aussereheliche Beziehungen geführt zu haben, gab Franz B. an, davon überhaupt nichts gewusst zu haben. «Ich hätte meine Hand ins Feuer gelegt, dass sie treu ist», sagte er. Von den Affären erfuhr er erst während der Ermittlungen nach dem Tod der Kinder. «Das war sehr demütigend.»
«Er war eiskalt»
Als er zur Tatnacht befragt wurde, beschrieb er exakt, wie seine Frau ihn um etwa zwei Uhr weckte und sagte, dass da etwas nicht stimme. «Ich stand auf und bemerkte, dass die Schlafzimmertüre zu war. Sonst war sie immer offen. Aus Marios Zimmer schimmerte Licht in den Gang. Ich ging hinein und sah ihn da liegen, mit einem Kissen auf dem Kopf. Ich nahm es weg und sah, dass er rot-weisse Flecken im Gesicht hatte. Er war eiskalt. Es war furchtbar.»
Bei der Schilderung ringt der Maschinist mit den Worten. Als er dasselbe über Céline sagt, bricht er in Tränen aus, streicht sie sich aber bald wieder aus den Augen, räuspert sich und fährt fort. «Es war eiskalt in der Wohnung, das Fenster stand offen.»
Er rief die Polizei und die Sanität. Die Tonbandaufnahme seines Anrufs wurde vor Gericht abgespielt. In absoluter Stille lauschten die Geschworenen und Zuhörenden der Aufnahme des Notrufs. «Bei uns ist eingebrochen worden und unsere Kinder sind umgebracht worden. Beide Kinder sind tot, beide», stösst eine verzweifelte Stimme aus bevor sie in Schluchzen ausbricht.
Wiederbelebungsversuche an den bereits kalten Kindern nahm er keine vor. Franz B. ging nach draussen, um die Rettungskräfte hereinzulassen. Als er zurückkehrte, sass seine Frau im Treppenhaus und weinte.
Haft war wie Abschottung
Später werden beide in Haft genommen. Franz B. sitzt drei Monate hinter Gittern. Die Zeit beschreibt er als extrem belastend, gleichzeitig fühlt er sich aber auch «abgeschottet». Die Eltern und seine beiden Brüder und die Schwester besuchen ihn, Bekannte schreiben «überraschend viele» Briefe.
Während den Aussagen ihre Ex-Mannes sitzt die Angeklagte regungslos auf ihrem Stuhl. Zwei, drei Mal bespricht sie sich kurz mit der Anwältin. Ihren ehemaligen Mann schaut sie nicht an. Er blickt ein paarmal kurz zu ihr rüber, ansonsten konzentriert er sich auf die Fragen des Staatsanwalts.
DNA-Spur als erstes Indiz?
Gestern brach die Angeklagte beim Anblick der Bilder ihrer toten Zwillinge in Tränen aus. Gezeigt worden waren sie von Bruno Vonlanthen, dem stellvertretenden Leiter des Instituts für Rechtsmedizin.
Volanthens wenig überraschendes Fazit: Céline und Mario wurden erstickt. Dabei seien mit «nicht unerheblicher mechanischer Gewalt die Kopföffnungen» mit einem Kissen oder einem anderen weichen Gegenstand «abgedeckt» worden. Bei Céline sei nicht auszuschliessen, dass sie gewürgt wurde. Die Körper der Kinder müssten massiv fixiert worden sein.
Die Befragung des Experten brachte auch ein erstes Indiz, das auf die Mutter als Täterin hindeuten könnte. Bereits am ersten Prozesstag war bekannt geworden, dass unter Marios Fingernägeln DNA-Spuren von Bianca B. gefunden worden waren. Das sei doch nichts Aussergewöhnliches, meinte die Angeklagte. Selbstverständlich habe sie ihre Kinder berührt, beispielsweise wenn sie sie mit Crème eingerieben habe.
Kinder wehrten sich «wie wahnsinnig»
Diese Darstellung zog Vonlanthen in Zweifel. Dass mit blossem Berühren und Streicheln DNA unter die Fingernägel gerate, «reicht eher nicht». Die DNA-Spur, so der Rechtsmediziner, «kann als Folge von Abwehrbewegungen angesehen werden». Die Notärztin, die in der Todesnacht an den Tatort gerufen worden war, hatte dem Geschworenengericht zuvor erklärt, sie gehe davon aus, dass sich Mario «wie wahnsinnig gewehrt haben muss».
Tagesanzeiger.ch/Newsnetz berichtet laufend über den Prozess.
(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 12.03.2010, 16:49 Uhr


