Zwillingsmord: «‹Wer hat das getan? Warum?›, schrie der Vater immer wieder»

Von Simon Eppenberger. Aktualisiert am 16.03.2010

Am zweiten Tag im Prozess beschrieb der Gerichtsmediziner einen todtraurigen Vater und eine wankelmütige Mutter. Bei den Obduktionsbildern brach die mutmassliche Mörderin Bianca B. in Tränen aus.

1/11 Bianca B. vor dem Geschworenengericht. Die 36-Jährige wurde des mehrfachen Mordes verurteilt.
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Mutmassliche Zwillingsmörderin vor Gericht

Seit Mittwoch, 11. März, wird der Zwillingsmord von Horgen vor dem Zürcher Geschworenengericht verhandelt. Am ersten Prozesstag erzählte die Angeklagte Bianca B. aus ihrem Leben – von einer schwierigen Kindheit, einem eintönigen Alltag und einer gescheiterten Ehe. Sie bestritt, ihre Zwillinge ermordet zu haben. Sie beschuldigt stattdessen den Vater der Kinder. Er habe sie mit der schrecklichen Tat dafür bestrafen wollen, dass sie ihn mit zwei Männern betrogen habe.

Staatsanwalt Markus Oertle klagt auf mehrfachen Mord. Einen Strafantrag will er erst nach den Befragungen im Geschworenengericht stellen. Die Plädoyers der Parteien sind auf den 23. März vorgesehen. Das Urteil wird voraussichtlich am 26. März eröffnet.

Die Tat sorgte 2007 in der ganzen Schweiz für Entsetzen: Am Morgen des Heiligabends 2007 meldeten die Eltern der knapp achtjährigen Zwillinge, ihre Kinder seien umgebracht worden. Polizei und Sanität fanden die beiden Kinder tot in ihren Betten. Die Kinder waren erstickt worden, wie die Untersuchungen ergaben.

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Mit zahlreichen Fotos beschrieb Bruno Vonlanthen, stellvertretender Leiter Forensische Medizin an der Uni Zürich, wie die beiden Zwillinge in Horgen gestorben waren. Als die Bilder der toten und aufgeschnittenen Kinder auf der Leinwand erschienen, brach die angeklagte Mutter Bianca B. am Donnerstagnachmittag in Tränen aus.

Die Zuschauer im Hallenstadion schauten weg oder hielten sich die Hände vor den Mund, während Vonlanthen exakt und flüssig erklärte, was die punktuellen Blutungen bei den Augen, der Magensaft in der Lunge und die Druckspuren am Rücken bedeuteten: «Die beiden Kinder wurden durch massive mechanische Einwirkung erstickt.»

Celine wurde zudem gewürgt, ihre Halsmuskulatur wies Verletzungen auf. Offenbar lag zumindest Mario längere Zeit tot im Bett, da bereits die Totenstarre eingesetzt hatte. Stimmen die Zeitangaben der Eltern, wurden die Zwillinge in der Nacht auf den 24. Dezember wohl zwischen 23 und 2 Uhr getötet.

Nach Nottaufe kremiert

Nach der medizinischen Abhandlung fragte der Staatsanwalt, wie Vonlanthen die beiden Eltern erlebte, als sie sechs Tage nach der Tat die Kinder zum letzten Mal sehen konnten. «Die Mutter durchlebte ein Wechselbad der Gefühle, trauerte, weinte, sah die Situation aber auch sehr realistisch.» Während einer knappen Stunde war sie im rechtsmedizinischen Institut bei den Leichen.

Ganz anders beschrieb Vonlanthen den Vater: «Wer hat das getan? Warum?», schrie er immer wieder. Er machte auf den Rechtsmediziner einen «durchgehend traurigen, bestürzten Eindruck.» Auf die Frage, ob er noch etwas anfügen möchte, schwieg Vonlanthen einen Augenblick. Dann sagte er: «Da wir nicht wussten, ob die Kinder getauft worden waren oder nicht, mussten wir sie nottaufen vor dem Kremieren. Frau B., sie können die neu angebrannten Taufkerzen bei mir abholen.» Die Angesprochene antwortete nicht.

«Wie in einem falschen Film»

Zu Beginn des zweiten Tages sagte die Notärztin aus, welche in die Wohnung der Familie B. gerufen wurde. Die Wohnung wirkte sehr beengend, alles war sauber geordnet und sah aus wie in einem Ikea-Katalog», sagte die Ärztin auf die Frage nach ihrem ersten Eindruck.

Die Situation beschrieb die heute 49-jährige Ärztin insgesamt als «absolut grotesk, wie in einem falschen Film». Dass die Mutter Bianca B. sagte, es sei eingebrochen worden, habe sie «sehr befremdet». Denn in einem Kinderzimmer stand zwar ein Kasten offen und Kleider lagen auf dem Boden. «Doch diese waren fein säuberlich aufgestapelt. Nach einem Einbruch sieht es wohl anders aus», so die Zeugin.

Auch dass ein Fremder durch die Fenster eingestiegen sein soll, erschien der Ärztin als irreal. «Es hatte Reif an den Fenstern, aber keine Spuren eines Einbruchs.» Entgegen früheren Informationen, wonach das Mädchen erst später verstarb, lagen schon beim eintreffen der Ärztin beide Kinder tot in ihren Betten. Die knapp achtjährige Seline trug Windeln. Beide hatten aus der Nase geblutet, auf dem Bett waren Spuren davon zu sehen. Hinweise auf einen Kampf fielen der Frau nicht auf. «Die Kinder lagen da wie Puppen, perfekt angezogen.»

«Niedergeschlagen, aber gefasst»

Die Notärztin bestätigte den Eindruck der drei Polizisten, welche zuvor ausgesagt hatten. Demnach waren die Eltern trotz dem Tod ihrer Kinder nicht zusammengebrochen. «Die Eltern wirkten schockiert und niedergeschlagen, aber gefasst», wie die Beamten am Obergericht sagten.

Vor dem Mittag sagte zudem ein Experte für forensische Toxikologie am Rechtsmedizinischen Institut Zürich aus. Laut seinem Befund hatte Bianca B. zwar in der Zeit vor der Tat opiathaltige Hustenmittel zu sich genommen. Das lag jedoch so weit zurück, dass sie zum Zeitpunkt der Tat nicht unter diesem Medikamenteneinfluss gestanden hat. Bei den beiden Kindern und Vater Franz B. stellt der Toxikologe keine Medikamente oder Drogen fest.

Die Angeklagte Mutter verfolgte die Aussagen ruhig. Nur zweimal beugte sie sich zu ihrer Anwältin Cinthia Sedo hinüber, um sich kurz mit ihr zu besprechen.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 16.03.2010, 10:50 Uhr

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