Ärzte-Nachwuchs aus Osteuropa

Chefärzte erhalten weniger Bewerbungen aus Deutschland. Dafür arbeiten in den Zürcher Spitälern vermehrt Assistenzärztinnen aus osteuropäischen Ländern.

Natàlia Kucsora arbeitet derzeit im Notfall des Spitals Zollikerberg. Foto: Thomas Egli

Natàlia Kucsora arbeitet derzeit im Notfall des Spitals Zollikerberg. Foto: Thomas Egli

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Natàlia Kucsora spricht ausgezeichnet Deutsch. Und sie versteht die Patientinnen auch, wenn diese Mundart reden. Die junge Ungarin hat schnell gelernt. Sie hat es mit 26 Jahren schon weit gebracht. Seit letzten Dezember arbeitet sie in der Chirurgie des Spitals Zollikerberg, vorher war sie ein Jahr lang Assistenzärztin in der Reha-Klinik Diessenhofen TG. Schon während des Studiums an der Universität von Szeged war sie mehrmals für Praktika im Ausland gewesen: in Bulgarien, in Russland und dank eines Erasmus-Stipendiums auch fünf Monate lang in Göttingen. «Dort habe ich richtig angefangen Deutsch zu lernen», sagt Kucsora, «das war hart.» Die Hälfte des letzten Studienjahrs verbrachte sie in der Schweiz, als Unterassistentin in Münsterlingen, Richterswil und Herisau.

Sie sei ein unruhiger Typ und habe immer ins Ausland gewollt, erzählt Kucsora. Ob sie in der Schweiz bleibt, weiss sie noch nicht. «Es ist ein schönes Land und die Stelle hier perfekt. Doch es ist schwierig, einen Freundeskreis aufzubauen, weil ich während der Weiterbildung immer wieder das Spital wechseln muss.»

In den Zürcher Spitälern arbeiten zunehmend Assistenzärztinnen und Assistenzärzte aus osteuropäischen Ländern. Die Ärztegesellschaft des Kantons Zürich stellt in ihrem Jahresbericht fest, dass nicht nur im Fachgebiet Psychiatrie, welches speziell grosse Nachwuchsprobleme hat, sondern vor allem auch in den chirurgischen Fächern die Assistenzstellen «nicht mehr immer mit deutschsprachigen Kolleginnen besetzt werden können». Eine Umfrage von Tagesanzeiger.ch/Newsnet bestätigt diesen Trend. Allerdings versichern die Spitäler, dass die ausländischen Ärztinnen und Ärzte alle gut Deutsch sprechen – eine Voraussetzung für die Anstellung.

Schweizer Nachwuchs fördern

Das Spital Limmattal beschäftigt von allen angefragten Akutspitälern prozentual am meisten ausländische Jungärzte. Zehn kommen aus nicht deutschsprachigen Ländern: aus der Slowakei, Tschechien, Polen, Bulgarien, Kroatien, Ungarn, Griechenland, Italien, Argentinien und Sri Lanka. Sie arbeiten mehrheitlich in der Chirurgie oder in der Frauenklinik. Die Bewerbungen aus Deutschland seien in den letzten zwei Jahren in der chirurgischen wie auch in der medizinischen Klinik zurückgegangen, schreibt das Spital.

Dasselbe stellt Christoph Hofer im Zürcher Stadtspital Triemli fest. Er leitet dort das Ambulante Perioperative Zentrum und ist im Vorstand der Ärztegesellschaft für die Spitalärzte zuständig. «Es bewerben sich weniger Deutsche, dafür mehr Osteuropäer oder Leute mit einem osteuropäischen Diplom», sagt Hofer und meint damit zum Beispiel Deutsche, die in ihrem Land keinen Studienplatz erhielten und nach Ungarn oder Litauen auswichen. Die Qualität der Ausbildung in jenen Ländern könne er nicht generell beurteilen. «Unsere polnische Assistenz­ärztin macht es aber sehr gut.» Von den 191 Assistenzstellen im Triemli sind 88 mit Ausländern besetzt; 52 Assistenzärztinnen und -ärzte sind Deutsche.

Die Ärztegesellschaft beobachtet die Entwicklung mit Sorge und fordert die Politik nachdrücklich auf, den einheimischen Nachwuchs stärker zu fördern. Die Deutschschweizer Universitäten haben zwar seit 2006 die Zahl der Ausbildungsplätze in der Medizin um 45 Prozent erhöht. Doch das genügt bei weitem nicht, um den steigenden Bedarf zu decken. Hofer warnt: «Schon heute kommen weniger Deutsche, und in zehn oder zwanzig Jahren wird auch die Migration aus Osteuropa nachlassen.»

Die Polin Iwona Urbanowska, Assistenzärztin im Spital Limmattal, sieht in ihrem Land bereits Anzeichen für diese Trendumkehr. Sie selber ist gleich nach dem Studium wegen der Liebe in die Schweiz gekommen. Sie könnte sich vorstellen, einmal nach Polen zurückzukehren. Früher seien viele Ärzte nach Deutschland oder Skandinavien ausgewandert, doch inzwischen seien sie im eigenen Land recht zufrieden. «Sie verdienen mehr und haben erträglichere Arbeitszeiten.» Nach wie vor schlecht seien die Bedingungen jedoch für die Patienten, die lange auf einen Arzttermin oder eine Operation warten müssten.

In Ungarn fehlt das Personal

Für Natàlia Kucsora ist es eher keine Option, nach Ungarn zurückzukehren und dort als Ärztin zu arbeiten. Fachlich sei das Land zwar auf der Höhe, aber die Arbeitsbedingungen seien miserabel. «Das Gesundheitswesen ist kein Schwerpunkt unserer Regierung», stellt sie bedauernd fest. Die Infrastruktur der Spitäler sei veraltet, und es gebe viel zu wenig Personal. «Hier in der Schweiz ist eine Pflegefachfrau für 6 Patienten zuständig, in Ungarn für 30 oder mehr – und das bei einem sehr tiefen Lohn.»

Als Assistenzärztin in Ungarn könnte sie sich keine eigene Wohnung leisten und müsste dauernd Überstunden machen, sagt Kucsora. Kein Wunder, verlassen immer mehr junge Ärztinnen und Ärzte das Land. England, Österreich, Deutschland und die Schweiz sind laut Kucsora ihre bevorzugten Ziele. Ungarn rekrutiere dafür in weiter östlich gelegenen Ländern, zum Beispiel in Rumänien. Doch kämen zu wenige, um die Abwanderung kompensieren zu können. Und so steige die Arbeitsbelastung für die Zurückgebliebenen – ein Teufelskreis.

Grosse Unterschiede

In den Zürcher Spitälern sind Ungarinnen nicht häufiger als Polinnen, Tschechinnen oder Griechen. Das zeigt die Umfrage von Tagesanzeiger.ch/Newsnet, die allerdings kein umfassendes Bild ergab. Offensichtlich ist, dass der Ausländeranteil unter den Jungärzten je nach Spital erheblich schwankt. Keine Angaben konnte dazu das Unispital liefern, da es die Nationalität seiner rund 600 Assistenten nicht separat erfasst. In der gesamten Ärzteschaft stellt das Unispital bisher keinen Rückgang der Deutschen fest; ebenso wenig die Psychiatrische Uniklinik. Diesbezüglich sind die beiden grossen universitären Betriebe von der neusten Entwicklung offenbar noch nicht erfasst worden.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 18.08.2015, 23:58 Uhr)

Junge Ärzte

Deutschland will sie selber behalten

In Deutschland gibt es zu wenig Ärzte. 2000 offene Stellen registrierte die Deutsche Krankenhausgesellschaft 2013. Die Gründe sind schnell genannt: Deutschland bietet nur 11'000 statt der jährlich benötigten 16'000 Studienplätze für angehende Mediziner an. Gleichzeitig steigt der Bedarf an medizinischen Leistungen stetig an. Viele ältere Ärzte gehen in Rente, jüngere wandern in Länder aus, in denen sie mehr verdienen können, etwa in die Schweiz. So ist Deutschland längst ein Land geworden, das selbst zunehmend Ärzte aus dem Ausland beschäftigt. 25'000 sind es bereits, dreimal mehr als vor zehn Jahren. Sie kommen vor allem aus Rumänien, Griechenland, Österreich und Polen.

«Selbstherrlichkeit» der Chefs

Angesichts des Mangels bemühen sich Klinikdirektoren und leitende Ärzte vor allem abseits der grossen deutschen Städte heute intensiv um den einheimischen Nachwuchs. Und die Arbeitsbedingungen haben sich vor allem für junge Ärzte deutlich verbessert: Die Löhne sind gestiegen, die gefürchteten «Marathonschichten» gehören der Vergangenheit an, viele Spitäler bemühen sich um besser planbare Dienste, ja sogar um Teilzeitmodelle.

Ein weiterer wichtiger Wunsch bei jungen deutschen Ärzten ist der nach weniger Hierarchie und mehr Teamarbeit. Der Bremer Orthopäde Markus Fröhling ist vor zehn Jahren nach Grossbritannien ausgewandert, um dort für den dreifachen Lohn Knie, Hüften und Wirbelsäulen zu operieren. Ihn lockte das Geld, aber auch die Aussicht, «der unerträglichen Selbstherrlichkeit» seiner Vorgesetzten zu entkommen. Fröhling ist vor zwei Jahren nach Deutschland zurückgekehrt und hat festgestellt, dass sich vieles verändert hat. Die Generation Y, zu der er gehöre, sei nicht mehr bereit, sich brüllenden Chefärzten auszuliefern, sagte er der «Hannoverschen Allgemeinen». Und aufgrund des Mangels könnten sich die jungen Ärzte von heute mit ihren Ansprüchen auch zunehmend durchsetzen. (Dominique Eigenmann, Berlin) (Tages-Anzeiger)

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