Auch eine kleine Kirche muss etwas leisten

Der Mitgliederschwund zwingt die reformierte Kirche zum Rückbau. Dabei droht sie ihre Aufgabe aus dem Blick zu verlieren.

Dramatischer Mitgliederschwund: Das Fraumünster und die St.-Peter-Kirche in der Stadt Zürich. Foto: Reto Oeschger

Dramatischer Mitgliederschwund: Das Fraumünster und die St.-Peter-Kirche in der Stadt Zürich. Foto: Reto Oeschger

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Im Kanton Zürich befindet sich die reformierte Kirche im Umbau. Der Strukturreformprozess «Kirchgemeindeplus», 2012 initiiert, soll bis 2023 abgeschlossen sein. Gerade hat der Kirchenrat eine Landkarte vorgelegt, wie die Zürcher Kirchenlandschaft künftig aussehen soll. Es wird nur noch 39 Kirchgemeinden geben statt wie heute 174. Der Einschnitt ist drastisch, das Wort «Paradigmenwechsel» keine Übertreibung. In der Stadt Zürich haben die Stimmbürger der 34 Kirch­gemeinden 2014 entschieden, sich zu einer einzigen Kirchgemeinde mit 80'000 Mitgliedern zu vereinen.

Die Reform löst allerdings an der Basis Skepsis aus. Selbst Pfarrer und Entscheidungsträger lassen sich nicht begeistern. So wies die Synode im letzten November den Bericht des Kirchenrats zu «Kirchgemeindeplus» zurück und forderte mehr Klarheit. Der nun nachgereichte Zusatzbericht samt Reformplan mochte das Kirchenparlament nur «zur Kenntnis» nehmen, explizit aber nicht «zustimmend». Jetzt geht er in die Vernehmlassung.

Kleiner, ärmer, älter

Dass etwas geschehen muss, leuchtet allen ein. Die reformierten Kirchen werden kleiner, ärmer und älter. Der Mitgliederschwund ist dramatisch. Gehörten in den Siebzigerjahren noch 630'000 Zürcher zur reformierten Kantonalkirche, also gut 70 Prozent der Wohnbevölkerung, sind es heute noch 445'000 (30,4 Prozent). Jährlich verliert die Zürcher Kirche weit über 5000 Mitglieder. Das statistische Amt des Kantons prognostiziert bis 2040 einen weiteren Mitliederrückgang um 22 Prozent.

Strukturreformen münden immer in die gleiche Forderung: Die kirchlichen Einheiten sollen grösser werden, Gemeinden sollen fusionieren. Was sie aber an administrativen Aufgaben zusammenführen, ist mit ausgedünnter Anteilnahme erkauft. Die Volketswiler Pfarrerin Gina Schibler ist nicht allein mit ihren Bedenken: Bei Megafusionen entstünden «Kirchgemeindenungetüme» von 10'000 Mitgliedern, flächenmässig riesige Gemeinden ohne gewachsene Strukturen. Man verliere die lokalen Ehrenamtlichen. Es wüchsen bei grossen Gemeinden vor allem Büro­kratie und Administration, Kirchenleitungs- und Verwaltungsstellen befänden sich weit weg von den Menschen. Auch Pfarrer Willi Honegger aus Bauma warnt: Man könne den Menschen nicht den Glauben näherbringen, wenn man die Kirche von ihnen entferne. Immerhin hat der Kirchenrat eingelenkt, dass die Kirchgemeinden nicht zwingend fusionieren müssen, sondern alternativ auch in Verbänden oder interkommunalen Kooperationen zusammenarbeiten können. Die gewichtige Frage, wie die Kirche künftig ihre Liegenschaften bewirtschaften, wie sie die vielen Kirchen, Kirchgemeinde- und Pfarr­häuser nutzen und umnutzen will, ist noch nicht beantwortet.

Inhalte im Hintergrund

Zudem droht die Strukturdiskussion zum dominierenden kirchlichen Thema zu werden. Lädt die Kirche zu Synoden, Konferenzen und Medieninformationen ein, geht es fast immer um «Kirchgemeindeplus». Die Reform drängt die eigentlichen Inhalte in den Hintergrund. Bezeichnend: Als es 2014 darum ging, einer reformierten Stadtakademie den Segen zu geben, legte die Synode das schon weit gediehene Projekt als unausgegoren und nicht finanzierbar ad acta. Dabei würde der Kirche ein Thinktank zu diakonischen, sozial- und migrationspolitischen Fragen gut anstehen. Zumal es das Tagungszentrum Boldern, einstiges Zugpferd der Zürcher Kirche, in der alten Form nicht mehr gibt. Die Gefahr ist auch gross, dass die Zürcher Kirche ihre Strukturreform als zeitgemässe Aktualisierung der Reformation verkaufen will. Denn zu einer solchen fordert das grosse Jubiläum «500 Jahre Reformation» die Kirche in den kommenden Jahren heraus.Dabei sind die Kirchen, auch wenn sie kleiner, älter und ärmer werden, gesellschaftlich noch immer eine Grösse. Das zeigte die letztes Jahr vom Schweizerischen Pastoralsoziologischen Institut veröffentlichte Reputationsstudie, die den Kirchen gute Noten ausstellt, der reformierten Kirche noch bessere als der katholischen Schwesternkirche. Dass die Kirche in der Bevölkerung noch immer viel Goodwill geniesst, beweist auch das überraschend günstige Abstimmungsresultat zu den Kirchensteuern für juristische Personen. Die Zürcher Stimmberechtigten lehnten 2014 die Volksinitiative «Weniger Steuern fürs Gewerbe» der Jungfreisinnigen mit 71,8 Prozent Nein-Stimmen deutlich ab.

Kirche als Stellvertreterin

Das bedeutet: Von den Kirchen wird immer noch viel erwartet. Auch einer immer kleiner werdenden Kirche kommt in der Gesellschaft eine tragende Rolle zu. Die britische Religionssoziologin Grace Davie erklärt das mit dem Konzept der Stellvertreterreligion: Die kirchliche Religion und ihre Repräsentanten übernehmen eine Stellvertreterrolle für die Gesamtgesellschaft in Sachen Diakonie und Moral. Der Bürger delegiert – nicht zuletzt mit den Kirchensteuern – das eigene mangelnde Engagement für Soziales und Werte an die Kirche.

Deshalb ist es richtig, dass der Kirchenrat bei der Strukturreform nicht auf eine reine Beteiligungskirche setzt. Vielmehr verfolgt er den dritten Weg zwischen einer Beteiligungskirche von engagierten Gläubigen und einer institutionellen Dienstleistungskirche auch für laue Christen. Kirchenferne sollen den kirchlichen «Service public» ebenfalls beanspruchen dürfen. Diesen aber kann die Kirche nur bieten, wenn sie ihre zentralen Angebote aufrechterhält. Sie kann es sich nicht leisten, mit dem Abbau von Kirchgemeinden auch die Inhalte abzubauen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.07.2016, 23:24 Uhr

Artikel zum Thema

Enormer Reformdruck

Analyse Flügelkämpfe zwischen Reformern und Bewahrern stellen den Reformwillen des Papstes infrage. Die Familiensynode ist eine Nagelprobe. Mehr...

Römische Revolution

Die katholische Kirche ist reformfähig. Das bewies sie letztmals vor 50 Jahren, als sie die Glaubensfreiheit anerkannte und die Juden nicht länger als «Kinder des Teufels» sah. Mehr...

Schwerer Rückschlag für Bistum Zürich

Das Fazit der grossen Umfrage von Bischof Huonder fällt überraschend und – aus Sicht der Zürcher Katholiken – ernüchternd aus. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

TA Marktplatz

Kommentare

Weiterbildung

Kostenlose E-Books

Laden Sie in unserem Weiterbildungs-Channel kostenlos Ebooks herunter.

Die Welt in Bildern

Get up, stand up! Drei Stand Up Paddler geniessen das Sommerwetter auf dem Genfersee bei Allaman (27. Mai 2017).
(Bild: Valentin Flauraud) Mehr...