Bibeln für Flüchtlinge

Die Freikirchen engagieren sich im Kanton Zürich stark in der Freiwilligenarbeit für Flüchtlinge. Das wirft die Frage auf: Wo beginnt Mission?

Blau markiert sind christliche Betreuungsangebote für Migranten im Rahmen der Schweizerischen Evangelischen Allianz: Deutschkurse, Migrantencafés, Kleiderstuben etc.


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Der tote Junge am Strand: Das Bild ging um die Welt. Der Appell von Papst Franziskus folgte postwendend: Die religiöse Gemeinschaft möge mehr für die Flüchtlinge tun. Dies führte ab Herbst 2015 zu einer rasanten Zunahme von Freiwilligenprojekten, die von religiösen Organisationen initiiert wurden. Vorne mit dabei sind neben den staatlichen Kirchen die Freikirchen. Sie engagieren sich vor allem für Flüchtlinge im laufenden Verfahren. Denn die Gemeinden sind gerade hier auf Freiwillige angewiesen: Sie haben vom Kanton keinen spezifischen Auftrag, Flüchtlinge zu integrieren, und werden daher für ihre Angebote finanziell nicht entschädigt.

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Eine digitale Landkarte der freikirchlichen Fachstelle «Asyl und Migration» verzeichnet rund 34 Angebote in 20 Gemeinden des Kanton Zürichs. Die Angebote stammen von Freikirchen sowie von freikirchlichen Hilfswerken, Vereinen und Einzelpersonen. Laut ihren Webauftritten folgen sie dem Motto: «Der Herr, euer Gott, hat die Fremden lieb, darum sollt auch ihr die Fremden lieben.»

Anleitung zum Christentum

Ein Beispiel eines solchen freikirchlichen Engagements findet sich in Bülach. Eine Wendeltreppe führt zum Kellerraum, welchen der Verein Intro hier seit 2010 gemietet hat. Wer in den Raum gelangen möchte, passiert einen Tisch, auf dem Bibeln in Arabisch, Farsi und das eritreische Tigrinya aufgelegt sind. Darunter liegen Handzettel in diesen Sprachen. Sie enthalten Anleitungen, wie der Leser sich zum Christentum bekehren kann, und beantworten Fragen, die sich gerade Muslime zum Christentum stellen könnten. Die Stadt Bülach bietet mit der reformierten und der katholischen Kirche zusammen an zwei Tagen die Woche Deutschkurse an. Das ist wenig. In diese Lücke springt der Verein Intro, der an zwei Tagen Deutschkurse und einmal die Woche einen Migrantentreff anbietet. Finanziert wird das Angebot über Spenden von Christen aus der Region.

Die Stimmung im Raum ist entspannt. Neben drei Freiwilligen besuchen an diesem Abend rund zehn Asylsuchende den Migrantentreff. Die meisten kommen aus Eritrea. Eine Gruppe spielt Tischfussball, während die anderen auf den Sofas mit ihren Handys beschäftigt sind. M. aus Afghanistan kommt seit gut einem Jahr regelmässig zum Treff. Er sei früher Muslim gewesen, möchte aber heute keiner Religion mehr angehören. «Das Angebot gefällt mir sehr gut», sagt er in gebrochenem Deutsch. Er ziehe den Deutschunterricht des Vereins jenem der Stadt Bülach vor, da die Lehrer hier fröhlicher seien. Ihm sei bewusst, dass Intro eine Kirche sei. Viel Kirchliches merke er aber nicht, einzig als er krank gewesen sei, habe man ihm das Gebet angeboten.

«Werbende Gemeinschaften»

«Missionierung wird heute oft mit der Vorstellung von Gewalt und Zwang verbunden», sagt der Religionsexperte Georg Otto Schmid von der evangelischen Informationsstelle Relinfo. «Das ist etwas, was Freikirchen fernsteht. Sie verstehen sich aber klar als werbende Gemeinschaften.» Mitglieder von Freikirchen seien überzeugt vom eigenen Glauben und möchten ihn allen Menschen weitergeben. «Konflikte entstehen dort, wo Werben als Belästigung aufgenommen wird oder christlich werbende Gemeinschaften sich nicht als ­solche deklarieren», so Schmid.

Hansjörg Schärer, Mitglied des Vereinsvorstands von Intro, sagt über sich selbst, dass er Christ sei. Früher arbeitete er im kirchlichen Dienst in Tansania. Heute leitet er die freikirchliche Fachstelle «Asyl und Migration». Mit den Deutschkursen und dem Migrantentreff möchten die Mitglieder gegen Fremdenfeindlichkeit angehen und den Asylsuchenden zeigen, dass es auch Schweizer gebe, die sich für sie engagieren und einsetzen. «Die Arbeit ist motiviert durch die Liebe von Gott, die wir in unserem Herzen spüren», sagt Schärer. Gespräche über Gott kämen zustande, der Glaube werde aber niemandem aufgezwungen. «Wir halten uns an den Verhaltenskodex der Schweizerischen Evangelischen Allianz.» Dort steht, dass von den Flüchtlingen keine religiösen Pflichten verlangt werden dürfen und die christlichen Freiwilligen jede Form von religiösem Machtmissbrauch zu unterlassen haben.

Kontrollen nur nach Hinweisen

Das Papier entstand 2014 auf Initiative der Schweizerischen Evangelischen Allianz, einem Verband, dem die Mehrheit der Freikirchen angehört. Der Kodex plädiert weiter für die Achtung der Meinungs-, Gewissens- und Religionsfreiheit. «Basierend auf der Glaubensfreiheit ist das feinfühlige Weitergeben von Glauben grundsätzlich erlaubt», sagt Marc Jost, Generalsekretär der Allianz. Er ist der Meinung, dass Freikirchen, die ein Angebot ausserhalb eines staatlich subventionierten Auftrags bieten, frei sein sollten, den christlichen Glauben zu thematisieren.

Für Religionsexperte Schmid haben Freikirchen die Pflicht, sich als solche auszugeben. Dieser Deklarationsauftrag sei dann erfüllt, wenn den Flüchtlingen klar sei, dass sie eben keine Kirche, sondern eine Freikirche vor sich hätten. Dies sei schwierig, da Asylsuchende das Konzept «Freikirche» aus ihren Heimatländern oft nicht kennen würden.

Für die Kontrollen der Freiwilligenarbeit unter Flüchtlingen sind in erster Linie die Gemeinden zuständig. Sie werden dann aktiv, wenn sich Asylsuchende bei den Betreuern beschweren oder Beschwerden von aussen an sie gelangen. «In Bülach ist bisher keine eingegangen», sagt Daniel Knöpfli, Leiter Soziales und Gesundheit. Auch bei der Schweizerischen Evangelischen Allianz nicht: «Missständen jeglicher Art, die an den Verband herangetragen werden, wird nachgegangen», versichert Marc Jost. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 22.01.2017, 23:25 Uhr)

Legende zur Karte


  • Gelbes Haus: eidgenöss. Empfangs- und Verfahrenszentrum / unter Bundesaufsicht

  • Gelber Koffer: Durchgangszentrum / Transitzentrum / Empfangsstelle

  • Gelbe Pinnadel: Not(hilfe)unterkunft

  • Gelber Tropfen: Asylzentrum / Asylunterkunft

  • Gelber Tropfen mit Punkt: Asylunterkunft des Bundes

  • Blauer Tropfen: christliches Betreuungsangebot

  • Blaues Infozeichen: christliche Beratungsstelle

Durchgangszentren

Kein Zutritt für Freikirchen

In den kantonalen Durchgangszentren haben Freikirchen keinen Zutritt. Den beiden Landeskirchen und geprüften muslimischen Organisationen ist es in beschränktem Umfang erlaubt, Seelsorge anzubieten. Asylsuchende können dazu eine Besuchserlaubnis erfragen, die von den Behörden überprüft wird.

Im Bundesasylzentrum Juch in Zürich-Altstetten sind in einem Pilotversuch seit Juli 2016 eine muslimische Seelsorgerin und zwei muslimische Seelsorger angestellt. Sie wurden von der Vereinigung der Islamischen Organisationen in Zürich (Vioz) empfohlen und teilen sich ein 70-Prozent-Pensum, das vom Bund finanziert wird. Weiter haben seit Eröffnung des Zentrums zwei ausgebildete Seelsorger der reformierten und der katholischen Kirche Zugang zu den Asylsuchenden. Ihre Arbeit wird von den Landeskirchen finanziert. (saf)

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