Die brennenden Felder im Zürcher Weinland

In den letzten beiden Nächten verwandelte sich das Land von Bauer Andres Wegmann in ein Flammenmeer.

Mystischer Anblick: In den Weinreben lodern die Kerzen. (Video: Mario Von Ow)

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Am Himmel leuchten die Sterne in dieser klaren und bitterkalten Nacht. Andres Wegmann versammelt auf seinem Hof in Andelfingen drei Helfer, zwei weitere werden folgen. Eine halbe Stunde später stehen sie alle mit Bunsenbrenner ausgerüstet in seinen Weinreben oder zwischen seinen Aprikosen- und Kirschbäumen.

Fast andächtig, aber zügig und bestimmt gehen der Bauer und seine Helfer zwischen den Reihen der Steinobstbäume und Reben entlang und entzünden alle paar Meter ein kleines Feuer. Innerhalb kürzester Zeit sieht es aus, als ob das ganze Feld brennen würde. Es herrscht absolute Stille. Nur ab und zu knistern und knacken die Flammen.

«Bereits in der letzten Nacht sind erste Frostschäden an den Pflanzen entstanden», sagt Wegmann. Jetzt geht der Kampf gegen die Kälte weiter. Feuer ist für Bäume eine Bedrohung. Eigentlich. Hier sind die Flammen ein Schutz. Wegmann setzt sogenannte Frostkerzen ein, die in besonders kalten Nächten die Pflanzen beheizen und damit die Ernte retten sollen.

Das Paraffinwachs in den Metallbehältern brennt bis zu 8 Stunden. «Letztes Jahr haben wir in der Frostnacht Ende April 90 Prozent unserer Weintrauben verloren», erzählt Wegmann. Damals habe er nur die besonders anfälligen Aprikosen und ein Teil der Kirschen geschützt – nicht aber seine Reben. Nebst einer Fläche von Steinobst, die ungefähr einem Fussballfeld entspricht, galt es jetzt, zusätzlich eine noch etwas grössere Fläche Weintrauben zu schützen. «Das geht ins Geld», sagt Wegmann. Eine Kerze kostet rund 12 Franken. Dieses Jahr hat Wegmann über 2000 Franken ausgegeben – für eine Frostnacht.

«Alles lässt sich nicht steuern – wir arbeiten mit der Natur und sind uns solche Launen gewöhnt.»Andres Wegmann, Landwirt

Weil der Frühling bisher so warm war und die Vegetation deshalb weiter fortgeschritten ist als üblich, trifft die Kälte die Pflanzen besonders empfindlich. Ob die Massnahmen am Ende fruchten, weiss Wegmann noch nicht. «Alles lässt sich nicht steuern», sagt er. «Wir arbeiten mit der Natur und sind uns solche Launen gewöhnt.» Es gelte daher, das Bestmögliche zu machen – und zu hoffen, dass das reiche.

Immer wieder schaut Wegmann auf die an den Reben und Bäumen aufgehängten Thermometer. Um halb zwei las er noch minus 0 und 1 Grad ab – um halb vier morgens ist die kritische Grenze von minus 2 Grad bereits unterschritten. Wegmann entzündet weitere Feuer – er hat jeden zweiten Behälter für den kältesten Teil der Nacht aufgespart. Bis kurz nach dem Sonnenaufgang um halb sieben wird die Temperatur weiter fallen. Für Wegmann und einen seiner Helfer ist die Nacht also noch lange nicht vorbei. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.04.2017, 13:28 Uhr

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