Streitbare Nacherzieherin

Sie sagt, sie könne schwierigste Jugendliche in einem Jahr zur Vernunft bringen. Doch in der Fachwelt stösst Sefika Garibovic mit ihren Methoden auf Kritik.

Selbstbewusst und streitbar: Sefika Garibovic. Foto: Doris Fanconi

Selbstbewusst und streitbar: Sefika Garibovic. Foto: Doris Fanconi

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Es war vor vier Jahren, als die grosse, schlanke, rothaarige Frau einem breiten Publikum bekannt wurde. Damals beherrschte der jugendliche Straftäter mit dem Pseudonym Carlos die Schlagzeilen im Kanton Zürich und bald darauf auch landesweit. Da erklärte Sefika Garibovic selbstbewusst: «Ich bringe Carlos in einem Jahr ins Berufsleben.»

Den Tatbeweis konnte Sefika Garibovic nicht erbringen, die zuständigen Behörden liessen sie nie mit Carlos arbeiten – doch seither ist sie, die schon zuvor wegen ihrer pointierten Aussagen gern von Medienschaffenden befragt wurde, in Fernsehen und Zeitungen dauerpräsent, wenn es um den Umgang mit schwierigen Kindern und Jugendlichen geht. Sie wurde zu den Silvestervorfällen in Köln befragt, zu Mobbing an den Schulen und zur Loyalität von Secondos im Militärdienst. Ihr Sachbuch «Konsequent Grenzen setzen» erschien bei Orell Füssli und wurde in zahlreichen Medien besprochen.

Die Ärzte diagnostizierten eine psychische Krankheit. Sefika Garibovic fand: «Dieser Junge ist nur schlecht erzogen.»

Unlängst war sie erneut in den Schlagzeilen, diesmal ging es um einen Zwölfjährigen aus Wettswil am Albis, der einen Monat lang in der psychiatrischen Kinderstation Brüschhalde rund um die Uhr von einem privaten Sicherheitsdienst überwacht wurde, damit er weder sich noch anderen etwas antat. Die Ärzte diagnostizierten eine psychische Krankheit. Sefika Garibovic fand: «Dieser Junge ist nur schlecht erzogen.»

Wer ist diese Frau, die mit markigen Worten gegen die «Sozialindustrie» wettert, die Heim und Kinderhort auch schon als «Internierung» bezeichnet hat – und doch sagt: «Alle Fachleute sind gut»? Die angibt, sie sei in weit über 90 Prozent aller Fälle erfolgreich? Was ist an ihrer Methode dran, die andere Fachleute für «wenig Erfolg versprechend» und teilweise sogar «gefährlich» halten?

Austherapiert – gibt es das?

Ein Treffen mit der 58-Jährigen in ihrem winzigen Büro in Zug. Man kann kaum die erste Frage stellen, schon legt sie los: «Ich behandle austherapierte Kinder, und diese Kinder brauchen mich!» Sie redet mit so unbändiger Energie, man müsste jeden zweiten ihrer Sätze mit vier Ausrufezeichen versehen.

«Austherapiert» ist ein Begriff, den Sefika Garibovic oft braucht. Er stammt ursprünglich aus der Krebsbehandlung, gemeint sind damit Patienten, bei denen kein Medikament mehr wirkt. In Sozialpädagogik, Psychologie und Sozialarbeit wird das Wort üblicherweise nicht verwendet. Ein Jugendlicher möge therapieunwillig sein und für die Fachleute im Moment nicht mehr erreichbar, aber das heisse nichts für die Zukunft, sagt Marc Graf, Direktor der Forensisch-Psychiatrischen Klinik Basel: «Bei Jugendlichen sind die Verläufe nie gradlinig, oft stabilisieren sie sich in der Adoleszenz spontan, oder sie lassen sich wieder auf Hilfe ein.»


«Austherapiert» ist ein Begriff, den Sefika Garibovic oft braucht. Er stammt ursprünglich aus der Krebsbehandlung.

Sefika Garibovic hält am Wort «austherapiert» fest: «Das sind kerngesunde Kinder, die wieder und wieder abgeklärt wurden, die man mit Ritalin behandelt und in die Psychiatrie gesteckt hat. Dahinter steckt eine Industrie!» Garibovic ist überzeugt, dass zumindest bei den Kindern, mit denen sie arbeitet, die meisten Diagnosen von psychischen Erkrankungen Fehldiagnosen sind. Für diese Kinder und ihre Eltern sei sie die letzte Hoffnung, sagt Garibovic. Ihnen verspricht sie, die Kinder vor dem Heim zu bewahren. «Kinder gehören zu ihren Eltern», sagt sie. Pro Jahr behandelt sie rund zehn Kinder und ihre Familien, dazu kommen etliche Einzelgespräche mit Rat Suchenden.

Übernimmt sie einen Fall, stellt sie eine Bedingung, die bei anderen Fachleuten auf heftige Kritik stösst: Alle laufenden Therapien sind per sofort zu beenden, Medikamente sind einzustellen. «Das ist unprofessionell», sagt Psychiater Marc Graf, «und bei schweren psychischen Störungen auch gefährlich. So wenig wie ein Medikament allein psychische Probleme lösen kann, so wenig helfen Heilsversprechen und egozentrisches Wunschdenken.» Ursula Keller vom Fachverband Sozialpädagogische Familienbegleitung findet es grundsätzlich problematisch, wenn jemand allein mit schwierigen Familien arbeitet: «Es geht um so viel im Kindesschutz, da ist das Vieraugenprinzip unerlässlich.» Sonst bestehe die Gefahr von Fehleinschätzungen und Übergriffen.

Garibovic sieht das anders. «Es verwirrt Kinder und Eltern nur, wenn zu viele Fachleute mitreden», sagt sie. Deshalb laufe jeweils die gesamte Kommunikation über sie – das verhindere auch, dass Eltern von jeder Fachperson nur das hörten, was sie wollten. Wer gut ausgebildet sei, könne das allein, könne die Familien «dekodieren» und die richtigen Schlüsse daraus ziehen. Und sie betont: «Ich übernehme die ganze Problematik.» Die 150 Franken pro Stunde, die sie dafür verlangt, seien gerechtfertigt – auch wenn sie damit im Vergleich zu anderen Familienbegleitungen nicht besonders günstig sei: «Ich bin dafür ausgebildet. Ich habe an drei Universitäten studiert.»

Kurs, nicht Studium

Tatsächlich klingt der Flyer, der in ihrem Büro aufliegt, beeindruckend, ebenso das Curriculum auf ihrer Website. Drei Nachdiplomstudien listet sie auf: eines in systemisch orientierter Sozialpädagogik und Therapie in St. Gallen, eines in interkultureller Kommunikation und Konfliktlösung in Luzern und eines in Sexualmedizin und -therapie in Basel. Als Berufe gibt sie unter anderem Sozialpädagogin, systemisch orientierte Therapeutin und Expertin für Nacherziehung an.

Nur: Eine anerkannte Grundausbildung in Sozialpädagogik hat Garibovic nicht, sie ist Forstingenieurin. Ein Nachdiplomstudium in systemisch orientierter Sozialpädagogik und Therapie gibt es in St. Gallen nicht. Zwar war Garibovic dort an der Fachhochschule, aber nur für einen Nachdiplomkurs. «Das ist ein grosser Unterschied», sagt Reto Eugster, Leiter des dortigen Weiterbildungszentrums. «Ein Nachdiplomstudium dauert mindestens zwei Jahre, ein Nachdiplomkurs umfasst nur 20 Präsenztage. Und er qualifiziert nicht für eine therapeutische Tätigkeit.» Eugster will Garibovic nun auffordern, den korrekten Titel der Weiterbildung zu verwenden. Darauf angesprochen, stutzt Sefika Garibovic kurz. Dann betont sie, ihre Abschlüsse seien belegbar. Später im Gespräch wird sie sagen: «Ein Diplom allein nützt diesen kaputten Seelen nichts.»

Nur: Eine anerkannte Grundausbildung in Sozialpädagogik hat Garibovic nicht, sie ist Forstingenieurin.

Viel wichtiger sei, wie man mit den Kindern umgehe: «Was es braucht, ist Zeit, eine Beziehung aufzubauen. Und Erziehung. In vielen Familien steht die Hierarchie auf dem Kopf. Da braucht es kein Ritalin, sondern Regeln.» Hier setze sie an. Und zwar mit Autorität und einer klaren Linie. Sie kann einem Jugendlichen schon mal sagen: «Du musst dich unterordnen.» Und Eltern erklären, ihr Erziehungsstil sei allein schuld an den Schwierigkeiten ihres Zöglings.

Das kommt bei manchen Fachleuten schlecht an. Sie empfinden Garibovics Auftreten als abwertend, ja sogar beleidigend, und das könne auf Dauer nicht funktionieren. «Sozialpädagogische Familienbegleitung hat zum Ziel, Eltern zu stärken, damit sie ihre Verantwortung gegenüber den Kindern wahrnehmen können» sagt Ursula Keller, selbst eine erfahrene Familienbegleiterin. «Dazu ist eine wertschätzende Haltung gegenüber den Eltern Voraussetzung. Direktive, wertende Anweisungen bringen vielleicht kurzfristig Entspannung. Langfristig schwächen sie die Autorität der Eltern und ihre Verbindung zum Kind.»

Fachleuten empfinden Garibovics Auftreten als abwertend, ja sogar beleidigend gegenüber den Eltern, und das könne auf Dauer nicht funktionieren.

Garibovic sagt, sie kommuniziere direkt, aber sie mache niemandem Vorwürfe: «Viele Eltern sind erleichtert, wenn ich ihnen sage, dass das Problem nicht bei ihrem Kind liegt.» Allerdings, das räumt sie ein: Manche Eltern kommen mit ihrer Art nicht klar. Einzelne fühlten sich angegriffen, wollten sich nicht verändern, andere verstünden nicht, was sie von ihnen erwarte, oder sie hätten keine Kraft mehr. Etwa ein- bis zweimal im Jahr beende sie oder die betroffene Familie die Zusammenarbeit noch in der Probezeit.

Erfolgsquote lässt aufhorchen

In mehr als neun von zehn Fällen habe sie aber Erfolg. Das lässt aufhorchen. «Keine andere Institution würde für sich eine solche Quote in Anspruch nehmen», sagt André Woodtli, Chef des Zürcher Amtes für Jugend und Berufsberatung und als solcher für Familienbegleitungen und Fremdplatzierungen zuständig. Ohnehin sei Erfolg schwer zu messen: «Man muss, um das seriös zu machen, die Betroffenen nach Abschluss der Behandlung über Jahre immer wieder kontaktieren.» Garibovic kann ihre Zahlen nicht belegen, hält aber fest, die Erfolgskontrolle erfolge «nicht im Nachhinein, sondern während der Behandlung. Ich schreibe regelmässig Berichte, und es gibt laufend Austauschsitzungen.» Und nach Abschluss der Fälle? Sie sagt: «Viele melden sich selbst wieder bei mir, andere rufe ich an.»

Matthias Pfeiffer, Schulleiter der Primarschule im solothurnischen Derendingen, würde Garibovic jederzeit wieder engagieren.

Wie aber beurteilen jene, die mit Garibovic schon mehrfach zusammengearbeitet haben, ihre Methoden? Matthias Pfeiffer, Schulleiter der Primarschule im solothurnischen Derendingen, ist davon überzeugt. Zwar findet er das forsche Auftreten der Nacherzieherin gewöhnungsbedürftig: «Aber man merkt schnell, dass das zu ihrem Konzept gehört. Wenn man sich darauf einlässt, funktioniert es sehr gut.» Sie habe schon in fünf Fällen erreicht, dass Kinder in der Schule tragbar wurden, mit denen die Lehrkräfte mehr als nur am Anschlag waren. Er führt das auf ihre Autorität und ihr Engagement zurück; notfalls sei sie auch mitten in der Nacht erreichbar. Er würde Garibovic jederzeit wieder engagieren.

Ein etwas anderes Bild zeichnet Jürg Lienhard, Oberrichter an der Kammer für Kindes- und Erwachsenenschutz im Kanton Aargau. Einzelne Aargauer Kesb übertragen Garibovic hin und wieder Fälle, in der Regel auf Wunsch der Eltern. Kooperation sei das Allerwichtigste, wenn eine Familienbegleitung erfolgreich sein soll, so Lienhard: Da seien die Behörden manchmal bereit, es mit Angeboten zu versuchen, die nicht dem üblichen Standard entsprächen in der Hoffnung, so eine Fremdplatzierung abwenden zu können. Zur Zusammenarbeit mit Garibovic sagt Lienhard, die Bilanz sei eher durchzogen: «Es gab nur wenig Fälle, bei denen Frau Garibovic Teil der Lösung gewesen ist.» In anderen habe ihre Intervention die Lage nicht verbessert. Mehrfach sei sie gar nicht zum Zug gekommen, obwohl sie sich um ein Mandat beworben habe, denn ihre therapeutischen Konzepte seien oft «oberflächlich und wenig differenziert».

Dass sie selbst umstritten ist, betrachtet sie als Auszeichnung: «Jeder, der Missstände anprangert, hat Gegner.»

Auch die für den Wettswiler Jungen zuständige Kesb Affoltern am Albis liess sich von Garibovics Angebot nicht überzeugen. Dieses sei zu wenig durchdacht gewesen, sagt eine Person, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen will. Garibovic kontert: «Ich muss ein Kind zuerst kennen lernen können, bevor ich sagen kann, wie ich mit ihm arbeite.» Und sie sagt, Behörden würden ihr wohl kaum Fälle übertragen, wenn ihre Methode nicht funktionieren würde.

Im Übrigen findet sie fachliche Diskussionen müssig: «Alle Fachleute sind gut, wir arbeiten einfach nach unterschiedlichen Methoden.» Dass sie selbst umstritten ist, betrachtet sie als Auszeichnung: «Jeder, der Missstände anprangert, hat Gegner.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.07.2017, 23:41 Uhr

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