Die Zielkonflikte am Flughafen

Im Zürcher Luftraum kommt es immer wieder zu gefährlichen Annäherungen. Dies, weil die Situation am Flughafen geprägt ist von Akteuren mit verschiedenen Interessen.

Die Flughafenbetreiber sind nur einer von vielen Interessengruppen: Die Rolltreppe zum Check-in.

Die Flughafenbetreiber sind nur einer von vielen Interessengruppen: Die Rolltreppe zum Check-in. Bild: Keystone

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Im Folgenden eine Übersicht der Akteure am Flughafen und ihrer Interessen:

Flughafen Zürich AG:
Klare Regelung der Prioritäten

  • Rolle: Die Flughafen Zürich AG ist eine börsenkotierte Aktiengesellschaft. Sie betreibt im Auftrag des Bundes den Flughafen.
  • These: Die Flughafen Zürich AG muss einen reibungslosen Flugbetrieb sicherstellen. Weil die Kleinfliegerei finanziell nicht ­attraktiv ist und sie den ohnehin komplexen Flugbetrieb belastet, will der Flughafen sie aus seinem Luftraum ­ausschliessen. Zudem ist er als AG gewinnorientiert und will einen möglichst grossen wirtschaftlichen Erfolg vor­weisen. Der Flughafen stellt die wirtschaftlichen Aspekte deshalb vor die ­Sicherheit.
  • Stellungnahme: «Die These, wonach die Flughafen­betreiberin wirtschaftliche Aspekte vor ­Sicherheit stellt, ist völlig unhaltbar und entspricht in keiner Weise den Tatsachen. Die Flughafen Zürich AG ist für einen sicheren, nachfragegerechten und qualitativ überzeugenden Flugbetrieb verantwortlich. Dabei hat die Sicherheit die oberste Priorität. Unser geltendes Betriebsreglement, das sich auf den Sachplan des Bundes abstützt, gibt eine klare Prioritätenregelung der verschiedenen Verkehrsteilnehmer vor. Linien- und Charterverkehr und Business ­Aviation haben Vorrang vor der Kleinfliegerei. Sobald die Flugzeuge der ­Kleinaviatik einem sicheren und effizienten Betrieb im Wege stehen, sind entsprechend Massnahmen zu ergreifen, um die vorgegebene Prioritätenregelung sicherzustellen.»


Sicherheitsuntersuchungsstelle:
Unabhängigkeit als kostbarstes Gut

  • Rolle: Die Sicherheitsuntersuchungsstelle (Sust) ist eine ausserparlamentarische Kommission. Die Untersuchungen der vom Bazl und von den Strafverfolgungsbehörden unabhängigen Organisation haben ausschliesslich zum Ziel, die Sicherheit zu erhöhen.
  • These: Die Experten der Sicherheitsuntersuchungsstelle sind Anwälte der Sicherheit. Sie verfassen in ihren Berichten Sicherheitsempfehlungen und legen den Finger auf Defizite. Die Sust hat aber keine Weisungsbefugnisse. Damit fehlt ihr der Hebel, um sich genügend Gehör zu verschaffen und Verbesserungen punkto Sicherheit durchzusetzen.
  • Stellungnahme: «Das Vorgehen der Sust, Sicherheitsdefizite zu benennen und Sicherheitsempfehlungen auszusprechen, ohne selber in das Verkehrssystem einzugreifen, entspricht einer international üblichen Gewaltenteilung. Das kostbarste Gut einer Sicherheitsuntersuchungsstelle sind ihre Unabhängigkeit und ihre Neutralität bei der Untersuchung von Zwischenfällen. Auch wenn sich Sicherheitsempfehlungen formal an die Aufsichtsbehörde richten, sind die beteiligten Organisationen, aber auch Politik und Öffentlichkeit aufgerufen, abzuwägen, welche Risiken sie tolerieren wollen. Wir hoffen, dass es gelingt, die hinlänglich bekannten Probleme gemeinsam anzugehen, denn Sicherheit können wir meist nicht durch isolierte Massnahmen nachhaltig verbessern.»


Bundesrat:
Bei der Sicherheit sind alle gefordert

  • Rolle: In den Verantwortungsbereich des Departements für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (Uvek) fällt die Luftraumstruktur und die Bewilligung des Betriebsreglements des Flughafens.
  • These: Die Südstarts von Piste 16 mit einem geraden Weiterflug würden die Routen entflechten und damit das Unfallrisiko senken. Der Bund will oder kann sich aber nicht gegen die Fluglärmgegner im Süden durchsetzen.
  • Stellungnahme: «Sicherheit hat für den Bund oberste Priorität. Daher bestehen in Zürich bei den An- und Abflugmöglichkeiten und Kapazitäten klare Einschränkungen im Vergleich zu Flughäfen mit Parallelpisten. Leider wurde in den vergangenen Jahren der Fokus der öffentlichen Diskussion meist auf den Lärm und nicht auf die Sicherheit gesetzt. Nach einem schweren Vorfall im Jahr 2011 wurde vom Bazl gemeinsam mit Skyguide und dem Flughafen ein Prozess mit verschiedenen Massnahmen aufgegleist, um die Sicherheit zu erhöhen. Der Bund prüft ausserdem Pistenverlängerungen und Südstarts geradeaus ab Piste 16 und erörtert die daraus resultierenden Sicherheitsgewinne. Solche Massnahmen sind im Interesse eines sicheren Flugbetriebs offen auszuleuchten und zu diskutieren. Wir setzen alles daran, Unfälle zu vermeiden. Der Bund ist dabei aber auf die Unterstützung des Flughafens, des Kantons und der Bevölkerung angewiesen. Bei der Sicherheit sind alle gefordert!»


Kanton Zürich:
Möglichst wenig Lärmbetroffene

  • Rolle: Der Kanton Zürich ist mit drei Personen im Verwaltungsrat des Flughafens vertreten. Unter anderen sitzt Carmen Walker Späh (FDP) als Vorsteherin der Volkswirtschaftsdirektion im Gremium.
  • These: Der Kanton ist laut Gesetz am Aktien­kapital des Flughafens beteiligt. Er muss sich für dessen verkehrs- und betriebswirtschaftliche Interessen engagieren. Gleichzeitig ist er für den Schutz der Bevölkerung vor Emissionen verantwortlich. Der Kanton gewichtet den Lärmschutz stärker als die Sicherheit. Darum wehrt er sich gegen die sicherheitsfördernden Südstarts geradeaus ab Piste 16.
  • Stellungnahme: «Das kantonale Flughafengesetz verpflichtet den Kanton zur Förderung der Wettbewerbsfähigkeit des Flughafens sowie zum Schutz der Bevölkerung vor schädlichen oder lästigen Auswirkungen des Flugbetriebs. Entsprechend achtet er darauf, die Zahl der vom Fluglärm Betroffenen möglichst klein zu halten. Der Kanton setzt voraus, dass der Flughafen von den zuständigen Stellen sicher betrieben wird. Sollte der Bund am heutigen Flugbetrieb etwas ändern wollen, dann erwartet die Volkswirtschaftsdirektion fundierte Entscheidungsgrundlagen. Dazu gehören die genauen Routenführungen sowie präzise Aussagen zu den Auswirkungen auf die Bevölkerung, auf die Erreichbarkeit des Wirtschaftsstandorts Zürich sowie auf die Komplexität des Flugbetriebs. Erst dann ist eine seriöse Stellungnahme möglich.»


Skyguide:
Sicherheit ist nicht verhandelbar

  • Rolle: Die Aktiengesellschaft ist für die Sicherheit am Schweizer Himmel verantwortlich und steht unter der Aufsicht des Departements für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation. Dem Bund gehören 99,91 Prozent der Aktien.
  • These: Es obliegt den Experten von Skyguide, die An- und Abflugverfahren zu vereinfachen. Im internationalen Vergleich zählt Skyguide zu den teuersten Flugsicherungen. Das setzt das Unternehmen unter Kostendruck. Ein Verkehrswachstum am Flughafen steigert die Einnahmen von Skyguide. Die Flugsicherung nimmt ihre Verantwortung, die Verfahren zu vereinfachen, aus finanziellen Gründen zu wenig wahr.
  • Stellungnahme: «Der Auftrag von Skyguide ist die Gewährleistung der Sicherheit und Effizienz des Flugverkehrs. Vereinfachte aviatische Verfahren würden dies unterstützen und wären meist umweltschonender. Sie werden aber durch politische und regulatorische Auflagen verhindert. Bessere An- und Abflugverfahren aufzubauen, ist weniger eine Frage von Geld, sondern vielmehr eine Frage der Rahmenbedingungen und des gemeinsamen Willens der Akteure. Investitionen für einfachere Verfahren sind in der Regel lohnenswert. Um die Sicherheit zu gewährleisten, muss Skyguide vermehrt kapazitätseinschränkende Massnahmen ergreifen. Dies wirkt sich eher dämpfend auf die Einnahmen der AG aus – aber Sicherheit ist nicht verhandelbar.»


Aerocontrol:
Lärmpolitik hinter Sicherheit stellen

  • Rolle: Die Gewerkschaft vertritt 200 bei Skyguide in Zürich tätige Lotsen.
  • These: Die Lotsen arbeiten am Flughafen Zürich in einem fehleranfälligen Betriebssystem. Das Pistenkreuz und die verschiedenen Überschneidungen der Flugrouten in der Luft führen immer wieder zu gefährlichen Situationen. Der fatale Fehler, der zu einer Katastrophe führt, würde typischerweise dem Flugverkehrsleiter oder den Piloten unterlaufen. Der Fokus der Lotsen liegt deshalb ausschliesslich auf dem Aspekt Sicherheit. Sie vergessen, dass der Flughafen in einer urbanen Region liegt, in der Menschen ein Bedürfnis nach Ruhe haben.
  • Stellungnahme: «Die Lärmpolitik darf nicht höher gewichtet werden als die Sicherheit. Die Verfahren am Flughafen Zürich sind heute mehrheitlich auf die lärmpolitischen Bedürfnisse der Bevölkerung ausgerichtet. Verschiedene kritische An­näherungen haben gezeigt, dass die Flugsicherung an ihre Grenzen stösst. Die heutigen Betriebskonzepte können nicht mit der nötigen Fehlertoleranz betrieben werden und weisen eine zu hohe Komplexität auf. Würden die Verfahren vereinfacht und die Flugwege getrennt, könnte der Flughafen sicherer betrieben werden. Der Start auf der Piste 16 mit anschliessendem Geradeausflug würde viele Probleme lösen und ist deshalb unumgänglich. Aerocontrol fordert, dass die Lärmpolitik endlich der Sicherheit untergeordnet wird.»


Aeroclub der Schweiz:
Engere Begleitung der Freizeitpiloten

  • Rolle: Aeroclub ist der Verband der Leichtaviatik. Er vertritt die Ballon-, Motor-, Segel- und Fallschirmfliegerei. Die Piloten dieser Sparten nutzen neben den Linienjets den Zürcher Luftraum.
  • These: Jüngst stieg die Zahl der Freizeitpiloten, die unerlaubt in den Zürcher Luftraum einflogen. Sie provozieren dabei fahrlässig gefährliche Annäherungen. Der Aero-Club macht sich für die Freiheit am Zürcher Himmel stark und nimmt damit in Kauf, dass schlecht vorbereitete Piloten die Passagierjets gefährden.
  • Stellungnahme: «Am Zürcher Himmel gibt es keine Freiheit, für die sich der Aero-Club starkmachen könnte. Die Luftraumstrukturen sind klar definiert, und daran haben sich Piloten und die Flugsicherung zu halten. Sie tragen die Verantwortung für ihr Handeln und nehmen diese auch wahr. Fehlbares Verhalten Einzelner wird nicht toleriert. Die Luftraumstrukturen und eine sorgfältige Flugplanung sind wichtige Bestandteile der Pilotenausbildung. Die Luftraumverletzungen haben in Zürich seit 2011 um fast die Hälfte abgenommen, und nur in den seltensten Fällen führen diese zu einer gefährlichen Annäherung. Trotzdem ist jeder Vorfall einer zu viel. Der Verband, seine Sparten und Flugschulen legen deshalb Wert auf Sensibilisierung und Weiterbildung. Skyguide könnte mit einer engeren, unkomplizierten Begleitung der ­Piloten ebenso dazu beitragen, Vorfälle weiter zu reduzieren.»


Swiss:
Politische Auflagen belasten Kapazität

  • Rolle: Die Fluggesellschaft ist in Zürich heimisch und der grösste aviatische Kunde des Flughafens.
  • These: Einerseits waren die Maschinen der ­Airline mehrfach in Vorfälle verwickelt, bei denen sich Flugzeuge gefährlich nahe kamen. Andererseits steht die Fluggesellschaft Swiss wegen der wachsenden Konkurrenz aus den Golfstaaten unter Druck. Auch die Gebühren, die Skyguide erhebt, belasten die Rechnung der Fluggesellschaft. Die Airline fordert eine maximale Sicherheit zu einem minimalen Preis.
  • Stellungnahme: «Für die Swiss hat Sicherheit oberste Priorität. Aufgrund der politischen Auflagen gehen Massnahmen zur Erhöhung der Sicherheitsmarge vor allem zulasten der Kapazität (Bewegungen pro Stunde). Die Swiss braucht zur wirtschaftlichen Durchführung ihrer Flüge aber hohe Stundenkapazitäten, um die für die Schweizer Wirtschaft und den Tourismus wichtigen weltweiten Direktverbindungen aufrechtzuerhalten. Potenziale sind vorhanden, werden aber aus lokalpolitischen Gründen nicht ausgeschöpft. Es braucht einen pragmatischen Ansatz, bei dem alle Parteien am gleichen Strick ziehen: hohe Sicherheitsmarge bei hoher Stundenkapazität.»
(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 07.08.2015, 09:27 Uhr

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