Ein Atlas, um den Planeten zu retten

Generationen entdeckten über den Schulatlas gebeugt die Welt. Braucht es das Buch in Zeiten von Google Maps noch? Ja, meinen die Herausgeber – und die anderen?

Nutzen ­privat eher das Handy: Schüler im Zürcher Schulhaus Sumatra erkunden den neuen Atlas. Foto: Andreas Eggenberger

Nutzen ­privat eher das Handy: Schüler im Zürcher Schulhaus Sumatra erkunden den neuen Atlas. Foto: Andreas Eggenberger

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Auch wenn man es gerne vergisst: Es gab einmal eine Zeit ohne Easyjet und Google Maps, da befand sich das Tor zur Welt für den fernwehgeplagten Binnenlandbewohner zwischen zwei Buch­deckeln. Der Schweizer Schulatlas: Das waren, nüchtern betrachtet, vielleicht nur Linien, Schraffuren, Farbflächen und Buchstaben. Aber im Kopf fügten sie sich zu Bildern zusammen. Zu einer Welt, die man mit Augen und Fingern durchstreifte, von den Eiswüsten durch die Tundra bis in die Oasen des Niltals. Eine Welt, die an Kühnheit, Opulenz und weitem Atem alles übertraf, was man heute beim allzeit möglichen Realitätsabgleich zu Gesicht bekommt.

Solche Bilder müssen auch der Zürcher Bildungsdirektorin Silvia Steiner durch den Kopf gegangen sein, als sie gestern den neuen Schweizer Weltatlas für die Sekundarstufe vorstellte. «Ich konnte stundenlang über solchen Karten verweilen», erinnerte sie sich an ihre Jugendzeit. «Wir haben mit dem Atlas die Welt erkundet.» Diese emotionale Bindung zum Buch wird der Grund sein, weshalb es eines der wenigen Lehrmittel ist, das oft auch lange nach der Schulkarriere noch seinen Platz im Bücher­regal behauptet.

Reduktion aufs Wesentliche

Mit 430 Karten auf 256 Seiten plus Satellitenbildern und Infografiken hat der neue Atlas fast den doppelten Umfang der ersten Ausgabe, die 1910 erschienen ist. Trotzdem, und auch trotz der hochwertigen Produktion stellt sich die Frage, ob ein solches Buch im Informationszeitalter eine Berechtigung hat.

Kartograf Lorenz Hurni, der den ­Atlas mit seinem Team von der ETH Zürich erarbeitet hat, ist davon überzeugt. Und zwar deshalb, weil es heute darauf ankomme, aus der Überfülle an Informationen jene auszuwählen, die zum Verständnis der Welt relevant sind. ­«Anders als bei Google geht es im Atlas nicht darum, wo sich die nächste Pizzeria befindet.» Dieser Prozess der Reduktion auf das Wesentliche habe rund die Hälfte der fünfjährigen Arbeitszeit ­ausgemacht.

«Anders als bei Google geht es im Schweizer Weltatlas nicht darum, wo sich die nächste Pizzeria befindet.» Lorenz Hurni, Kartograf und Chefredaktor

Das Buch sei als Basisprodukt immer noch die übersichtlichste Darstellungsform. Es wird aber begleitet von elektronischen Zusatzelementen: zum Beispiel interaktive Karten, deren Informationsebenen sich ein- und ausblenden lassen. Vor allem aber sei der Atlas ein didaktisches Mittel: Im Unterschied zu vielen Informationsquellen im Internet kommt der Inhalt hier nicht wie in einer Wühlkiste daher, sondern wird möglichst eingängig ver­mittelt.

Das ist auch notwendig. Denn die Welt mag zum globalen Dorf geschrumpft sein, aber die Fragen sind grösser geworden, die Probleme komplexer. Die Kopfreisen, die man mit diesem neusten Schulatlas unternimmt, sind ganz anderer Art als früher. Wer mit der Erstausgabe von 1910 in die Welt aufbrach, war von der Mentalität her ein Entdeckungsreisender, der den eng ­gefassten Kreis des Vertrauten verlässt und sich erst einmal grob orientieren muss. Was ist wo?

Das beginnt aus heutiger Optik schon im Mittelland, das als «Schweizer Hochebene» beschriftet war – was klingt, als sei das die Heimat von Figuren aus der Feder Karl Mays. Und so ging das weiter: Stadt, Land, Fluss. Ein paar Angaben zu Klima und Vegetation. Ein Verkehrsnetz, das jenseits Europas auf Kamelen, Elefanten, Yaks und Lamas beruhte. Und Völkerkarten, auf denen sich allerlei «Hottentotten» und «Neger» tummelten (was sie übrigens in der Ausgabe von 1981 immer noch taten).

Mehr als Orientierung

Im Vergleich dazu werden die Schüle­rinnen und Schüler der Gegenwart zu Ökotouristen, die unter fach­kundiger Anleitung die Welt verstehen lernen. Das liegt auch daran, dass der Atlas auf den Lehrplan 21 ausgerichtet ist: Nicht mehr nur simple Orientierung und ­Faktenwissen sind gewünscht, sondern Kompetenzvermittlung. Zum Beispiel sollen die Leserinnen und Leser die Nutzungsmöglichkeiten von Lebensräumen einschätzen und erklären können, den Einfluss der Menschen auf Ökosysteme erkennen oder die Treiber der Migration verstehen. Dabei hilft den Jugendlichen eine Vielzahl an Spezialkarten, zum Beispiel solche zu Bevölkerungsdichte, Energieverbrauch, Bildungsstand oder Landwirtschaft.

Im Zürcher Schulhaus Leutschenbach hat eine Klasse gestern demonstriert, wie das funktioniert: Mit Atlas und ­interaktiven Zusatzinstrumenten gingen sie dem Jahrhundert-Hochwasser von 2005 auf den Grund. Und obwohl sie ­privat eher das Handy benutzen, um sich über die Welt zu informieren, fand zumindest diese handverlesene Schar von Musterschülern: Im Atlas fänden sich durchaus Informationen, die ihnen sonst entgehen würden. Und, ja, die spröden Linien und Buchstaben der ­Karten liessen auch heute noch Bilder im Kopf entstehen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.06.2017, 14:57 Uhr

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