Ein Zürcher Tierarzt und seine Frau legen sich mit der Hundemafia an

Josef und Silvia Zihlmann planen in der Nähe des rumänischen Bukarest eine Auffangstation für 3000 Hunde. Eine Stadt für Strassenhunde – und gegen die Korruption.

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Er sei kein Tierschützer, sagt der Veterinär Josef Zihlmann. Sondern lediglich ein Tierarzt, der seinen Beruf ernst nehme. Er nimmt ihn sehr ernst, obwohl es genau genommen nicht mehr sein Beruf ist. Der 72-jährige Zihlmann hat dieses Jahr seine Kleintier-Praxis in Dietikon, die er während über vierzig Jahren führte, verkauft. Allerdings nicht um auszuruhen, sondern um mehr Zeit für seine Mission zu haben: Die Rettung der Streunerhunde in Rumänien.

Bereits vor zwei Jahren hat er zusammen mit seiner Frau Silvia die Organisation Starromania – Schweizer Tierärzte für Rumänien gegründet. Ihm wie ihr ist die Erschütterung ins Gesicht geschrieben, wenn sie von dem Hundeelend in Rumänien erzählen, das sie mit eigenen Augen gesehen haben. Kranke, gequälte, verschmutze, verängstigte, frierende und erfrorene Hunde. Vergiftete und zu Tode geprügelte Hunde – und alles im Namen des Gesetzes.

Spekulation mit Hunden

Wie das sein kann, erzählt Zihlmann später. Erst will er unbedingt aufzeigen, wie man diesem Elend ein Ende bereiten kann. Seine Lösung heisst «Dog Town», liegt dreissig Kilometer ausserhalb von Bukarest und umfasst 3,8 Hektar Land, ist also etwa vier Fussballfelder gross.

Auf dieser einstigen Hühnerfarm ist vor ein paar Jahren von korruptem Nomenklatur-Nachwuchs eine riesiges Hundelager eingerichtet worden, doch hatten die Jungpolitiker sich verspekuliert. Der Plan, mit diesen Hunden viel Geld zu machen, zerschlug sich – die Hunde wurden getötet. Seit einem Jahr liegt nun diese Anlage brach. Und Zihlmanns wollen alles daran setzen, daraus eine Hundepflege-Station wird.

Pflegen, impfen, chippen kastrieren

Die Idee stammt vom rumänischen Tierschutz-Aktivisten Claudiu Dumitriu und ist eigentlich ganz simpel. In Dog Town könnten innert Kürze bis zu 3000 Hunde aufgenommen und versorgt werden. Denn die Infrastruktur besteht bereits: sechs Hallen mit Zwingern, Freilaufgehege und eine optimal ausgerüstete Kleintier-Klinik.

Dog Town könnte jetzt zum Pflegen, Impfen, Chippen und vor allem Kastrieren von Streunerhunden umgenutzt werden, die derzeit noch in schlecht geführten Tierheimen und Tötungsstationen dahin vegetieren. So aufgepäppelt, könnten die Hunde an verantwortungsvolle Tierhalter vermittelt werden.

«Das wäre der Turnaround»

Zihlmann ist überzeugt: «Mit Dog Town würden wir den Turnaround beim Problem mit den Streunerhunden schaffen.» Und anderen Staaten mit ähnlichen Problemen einen Ausweg weisen. Allerdings drängt die Zeit, denn der Besitzer – der einstige Hühnerzüchter – ist dem Projekt zwar wohlgesinnt, doch geht ihm selbst finanziell langsam der Schnauf aus.

«Wir müssen möglichst bald ein Depot von drei Monatsmieten und sechs Monatsmieten hinterlegen können, um das Projekt zu sichern.» Konkret heisst das: Es müssen in Kürze rund 100000 Franken zusammenkommen. Ziel ist es aber, dass man innert zwei Jahren das Areal kaufen könnte, weil dann die Hälfte der Mieten angerechnet würde.

«Shelters des Grauens» rüttelte auf

Zihlmanns sind Dumtruis «Sparringspartner». Mit ihm zusammen haben sie teilweise waghalsige Aktionen gestartet, um das Elend der Streunerhunde zu lindern. «Doch während Claudiu dabei buchstäblich das Leben riskiert, haben wir das Privileg des Schweizer Passes», sagt Zihlmann. Vordringliches Ziel wäre es, dass man die Hunde aus den schlimmsten Heimen befreit und nach Dog Town bringt.

Zihlmann ist zuversichtlich, dass ihnen dabei keine Steine in den Weg gelegt würden, denn eine gewisse Sensibilisierung hat in der Bevölkerung mittlerweile stattgefunden. So wurden vor kurzem im Rumänischen Fernsehen Ausschnitte aus dem Film «Shelters des Grauens» ausgestrahlt. Die grausamen Bilder haben viele aufgerüttelt.

Die Hundemafia ausschalten

Ihr Plan sieht so aus: Seriöse Tierschutzorganisationen übernehmen einzelne Hallen und versorgen dort ihre Hunde oder lassen sie durch Mitarbeiter von Dog Town versorgen. Die Miete müsste über Sponsoring erbracht werden. In der Tierklinik würden gut ausgebildete Tierärzte die Hunde in Dog Town betreuen, aber auch Anlaufstation für die Bevölkerung sein.

Auf dem Gelände steht auch ein Gebäude mit sechs Wohnungen, das zu Personalunterkünften umgenutzt werden könnte. Es fänden wohl an die achtzig Leute Arbeit in Dog Town. Zihlmanns sind sicher, dass man sowohl unter den Tierschutzorganisationen als auch unter den Veterinären genug gute Leute rekrutieren könnte, damit nicht wieder das alte Spiel von Korruption und Geldmacherei Einzug hält. «Wir haben in der entsprechenden Szene gute Kontakte, um die Hundemafia draussen zu halten», sagt Josef Zihlmann.

Kopfprämien für Hunde

Hundemafia? Damit sind wir beim 2013 eingeführten neuen Tierschutzgesetz, das Zihlmann provokativ stets «Hundetötungsgesetz» nennt. Es handelt sich dabei um ein eigentliches Notstandsgesetz gegen die Streunerhunde, die in Rumänien zu einer Landplage geworden waren. Das Gesetz erklärt herrenlose Hunde für vogelfrei.

Es setzte ein Kopfgeld von umgerechnet fünfzig Euro aus, wenn man einen Streuner einfängt und in einem Shelter abliefert. Bei einem durchschnittlichen Monatslohn von 300 Euro ist das weit mehr als ein Sackgeld. Dort sollten die Hunde kastriert und gechippt und an Halter weiter vermittelt werden. Gelingt diese Vermittlung nicht innert zwei Wochen, dürfen die Hunde getötet werden.

Ein Teufelskreis für die Tiere

«Daraus hat sich ein lukratives Geschäft entwickelt, das sich selbst am Laufen hält», hat Zihlmann vor Ort hundertfach erfahren. Die Hundefänger haben schnell entdeckt, dass Welpen und Besitzerhunde leichtere Beute sind als Streuner. So fangen sie auch solche ein. Oder sie züchten Welpen nach, um für sie das Kopfgeld zu kassieren. Tierärzte lassen die Hunde elend zugrunde gehen, denn sie werden pro erledigtem Fall bezahlt - und keiner schaut hin, auf welche Weise der Fall erledigt wurde.

Tierheime überschreiten um ein Vielfaches die vorgesehene Anzahl Hunde, um die Prämien zu kassieren. Und zwischendurch lassen sie ein paar Hunde raus, damit ihre Kumpels, die Hundefänger, eine gute Fangquote verzeichnen. «Ein Teufelskreis, der für diese Hunde tatsächlich die Hölle auf Erden ist», sagt Zihlmann.

Die Zeit läuft davon

Und mit all dem soll Dog Town aufräumen können? «Eine Auffangstation für 3000 Hunde ist auf alle Fälle mehr als ein Tropfen auf den heissen Stein», sagt Zihlmann. «Dort könnten innert recht kurzer Zeit Zehntausende von Hunden kastriert werden.» Aber wohl nicht vermittelt…

«Das beste wäre, sie danach wieder frei zu lassen.» Das scheint ihm an sich der einzig pragmatische und tiergerechte Weg: Kastrieren und wieder an ihrem angestammten Platz freilassen. «So würde sich Streunerproblem innert weniger Hundegenerationen lösen.» Einen Haken hat das: Das Freilassen ist von Gesetzes wegen verboten.

«Gesetze kann man ändern»

«Gesetze kann man ändern», sagt Zihlmann. «Und dieses Tötungsgesetz muss man ändern.» Dafür weibelt Starromania zusammen mit Claudiu Dumitriu auch auf internationalem Parkett. In diesem November eröffneten sie den «Sturm auf Brüssel», indem sie den Delegierten der Federation of Veterinarians of Europe drastisch vor Augen führten, wie es um die Situation der herrenlosen Hunde in Rumänien und in andern Staaten Osteuropas aussieht.

Und im Oktober berichteten die beiden an einer Sondersitzung des Europaparlamnts in Strassburg vor der «Intergroup on the Welfare and Conservation of Animals» über die Auswirkungen dieser verfehlten Gesetzgebung.

Doch all das dauert und Zihlmann hat keine Zeit, um zu warten. Nicht etwa, weil er sich endlich zur Ruhe setzen will. «Jedes Jahr werden Tausende von Hunden Opfer dieser staatlich bewilligten grausamen Tötungspraxis. Das können wir einfach nicht dulden», sagt der Tierarzt - der kein Tierschützer ist, sondern nur seinen Beruf ernst nimmt. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 03.01.2016, 17:25 Uhr)

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