Mehr als das Messerstecherinserat

Der abgewählte Hans Fehr war der Antreiber im Kampf gegen EU, Linke und Nette.

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Viele alte Schlachtrösser der Volkspartei sind freiwillig zurückgetreten oder abgewählt worden: Binder, Bortoluzzi, Mörgeli, Schibli, Schlüer. Keiner aber hat im Hintergrund seit den 80er-Jahren derart gewirbelt wie Hans Fehr. Er war als Zürcher Parteisekretär von 1985 bis 1998 massgeblich daran beteiligt, dass die Zürcher SVP ihren Wähleranteil verdoppeln konnte. Und als Geschäftsführer der Auns hat er mit enormem Fleiss den Widerstand gegen EU, Uno und ­Schengen-Dublin koordiniert.

Im Sommer 1984 war es, als der ­Eglisauer Reallehrer Hans Fehr, 37-jährig, im Zug nach Zürich sass, um sich bei Christoph Blocher als SVP-Parteisekretär zu bewerben. Doch er hatte die Krawatte vergessen. Dem leutseligen Fehr gelang es, dem Kondukteur die rot-blaue SBB-Krawatte abzuschwatzen. Fehr bekam den Job – dank Eigenschaften, die ihn in den nächsten 30 Jahren auszeichnen sollten: Improvisationsgabe, ein gutes Mundwerk und das Talent, ungehemmt auf Leute zugehen zu können.

Die letzten 20 Jahre gehörte Hans Fehr dem Nationalrat an. Am vergangenen Sonntag fand diese Ära ein abruptes Ende: Fehr wurde abgewählt.

Es ist nicht das erste Tiefschlag in Fehrs Leben – über andere, private, mag er nicht reden. Doch er betont, dass es in seinem Naturell liege, nach Niederlagen rasch wieder aufzustehen. Ein Naturell, das ihm nun auch hilft, über die Abwahl hinwegzukommen. «Ich habe gelernt», sagt Fehr, «dass es auch nach den grössten Schicksalsschlägen immer wieder bergauf geht. Meine Abwahl war zwar hart, aber ich habe sie bereits verdaut.» Und er schiebt nach: «Die Katze lässt das Mausen nicht.» Will heissen: Die politische Arbeit geht weiter, nun halt ausserhalb des Bundeshauses. Fehr will neue Projekte angehen, schreiben und reden. Er sagt: «Ich habe mit 68 noch mehr Saft als viele 30-Jährige.»

Blocher als Chef, Fehr als Macher

Der kräftige Bauernbub Hans wuchs in Berg am Irchel auf und besuchte die Sekundarschule bei Ständerätin Verena Dieners Vater, «einer gewaltigen Autorität». Fehr wurde nach der Matura in Winterthur selber Lehrer und unterrichtete zehn Jahre lang als Reallehrer in Flaach und Eglisau. Als Parteisekretär der SVP konnte er von 1985 bis 1998 seine Talente und seine Berufung voll ausspielen – unterstützt vom sieben Jahre älteren Christoph Blocher, der gerade Inhaber der Ems geworden war.

Wie viel Geld Blocher in die SVP gesteckt hat, will Fehr nicht verraten. Nur dies: «Die FDP hat viel mehr Millionäre als wir, nur sind diese geizig.» Nicht Geld, sondern dem «ungeheuren Engagement» der Zürcher Parteizentrale und «unserer Überzeugungsarbeit» sei es zu verdanken, dass die SVP zwischen den 80er- und den 90er Jahren den Wähleranteil mehr als verdoppeln konnte. Das Trio Blocher, Fehr und der legendäre Werber Hans-Rudolf Abächerli formten aus der bedächtigen Bauern- und Gewerbepartei «in einer gewaltigen Aufbauarbeit», so Fehr, eine professionelle Organisation, die mit ihrem konfrontativen Stil die Asyl-, Drogen- und ­Sicherheitspolitik beackerte. Sie erfanden die Albisgüetli-Tagung und andere Grossveranstaltungen. Fehr, der Lehrer, führte ein Kurswesen ein, um der wachsende Zahl von Mitgliedern die Tugenden eines Politikers beizubringen: Reden, Auftreten, Argumentieren und gar das Verfassen von Leserbriefen.

Erst nach zwei Jahren, als das Trio wieder einmal bis um drei Uhr morgens über Parolen und Plakaten brütete, bot Blocher Fehr das Du an. «Dieser Mann hat mich in 30 Jahren nie enttäuscht», sagt Fehr über Blocher. Als Europa 1992 mit 50,3 Prozent besiegt worden war, suchte sich die SVP zusätzliche Ziele. Als Wende und Durchbruch bezeichnet Hans Fehr das Messerstecherinserat von 1993 und die Botschaft «Das haben wir den Linken und Netten zu verdanken». Die SVP habe nicht mehr länger bloss Missstände angeprangert, sondern auch die Verantwortlichen genannt.

Die Legende mit dem Fax

Hans Fehr ist ein harter Brocken, Oberstleutnant im Militär, gestählt in unzähligen Waffenläufen und den 100-Kilometer-Läufen von Biel. Er ist aber auch einer, der lachen kann, Witze auf Lager hat und Gedichte von Rilke bis Fontane und von Eichendorff bis Heine rezitieren kann. Und Fehr ist einer jener seltenen Politiker, um die sich schon zu Lebzeiten Legenden ranken. Zum Beispiel jene mit dem Fax: 1994 hatte das Zürcher SVP-Sekretariat arg verzerrte und überhöhte Grafiken über Gewaltverbrechen verbreitet. Fehr gab dem Faxgerät die Schuld. Heute gibt er grinsend zu: «Ich hatte die Grafik zu wenig genau kontrolliert.» Die Notlüge hatte für die SVP überaus erfreuliche Folgen: Die Firma IBM schenkte dem Sekretariat den neusten und teuersten Fax, «damit solche Fehler nie mehr passieren».

Weniger lustig waren andere Episoden: 2011 wurde er vor dem Albisgüetli zusammengeschlagen, 2014 geriet er in die Putzfrauenaffäre, die ihm zusammen mit seinem Alter wohl die Wiederwahl kostete. Weniger bekannt ist eine andere Legende: Fehr und der spätere Bundesrat Ueli Maurer hatten in den 90er-Jahren ihre Büros direkt nebeneinander, Maurer als Bauernsekretär, Fehr als Parteisekretär. «Wir trainierten uns jahrelang um sechs Uhr morgens bei einem Kaffee in der Kunst, ein Problem in maximal zwei Sätzen zu formulieren», erinnert sich Fehr. Auf die Frage, warum Maurer und nicht er selber Bundesrat geworden sei, sagt Fehr: «Maurer ist wohl konzilianter als ich.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.10.2015, 23:13 Uhr

Was Politiker über Hans Fehr zu erzählen wissen.

«Einen Lehrer, der nicht links ist, kann man sicher brauchen»

Christoph Blocher, Alt-Bundesrat «Hans Fehr war damals der beste Parteisekretär der Schweiz. Er war standhaft und selbstlos. Er hat grosse Verdienste beim Aufbau der SVP und zwar nicht nur in Zürich. Seine Arbeit strahlte auch in die neuen SVP-Kantone hinaus.»

«Als sich Hans Fehr in meinem Büro in Zürich vorstellte, dachte ich: Das ist einmal ein Lehrer, der nicht links ist, den können wir sicher brauchen.»

«Am Anfang ging es auf dem Sekretariat manchmal drunter und drüber. Aber Hans Fehr war ein meisterhafter Improvisator und hat stets für jedes Problem eine Lösung gefunden.»

«Bis in die jüngste Zeit hat er Rede- und Schreibschulungen für junge SVP-Kandidaten durchgeführt und hat dort sein pädagogisches Talent eingesetzt.»

Mario Fehr, SP-Regierungsrat «Hans Fehr ist ein 24-Stunden-Chrampfer. Ich habe ihn immer bewundert für seine immense Schaffenskraft.»

«Hans Fehr hat zwar eine andere Weltanschauung als ich, aber er ist ein gradliniger und verlässlicher Mensch. Er kämpfte stets mit offenem Visier und war in der Niederlage nie beleidigt.» «Hans Fehr wirkt trotz seines Alters überhaupt nicht müde.»

Nina Fehr Düsel, Tochter und SVP-Gemeinderätin Stadt Zürich «Zu Hause wurde in unserer Familie oft heftig politisiert. Wir sind nicht immer gleicher Meinung. Ich bin urbaner und liberaler als er. Ich bin staatlichen Krippen gegenüber nicht negativ eingestellt. Im Unterschied zu meinem Vater finde ich auch die Förderung von alternativen Energien wichtig.»

«Mein Vater wird manchmal härter dargestellt, als er wirklich ist. Privat ist er wissbegierig und denkt differenziert. Im Ausland will er zum Beispiel immer alles wissen über andere Kulturen.» «Er hat grosse Freude an seinem Enkel und begrüsst es, dass ich als Mutter weiter arbeiten kann.»

Claudio Zanetti, SVP-Nationalrat «Als ich ihn einmal fragte, ob er noch daran glaube, dass es uns gelingen wird, die Schweiz vor den Internationalisten zu retten, meinte er: Nein, aber wir müssen es mit aller Kraft versuchen.»

«Privat fiel Hans Fehr durch schnelles Denken und seinen Witz auf. Er ist sehr schlagfertig, kann austeilen, aber auch einstecken.»

«Hans Fehr hat auch kulturell einiges zu bieten. Er kann ganze Balladen und Gedichte auswendig vortragen.»

Stationen einer Karriere

1985
Reallehrer Hans Fehr wird von SVP-­Präsident Christoph Blocher als Geschäftsführer und Parteisekretär der SVP Kanton Zürich eingestellt. Damals ist Hans Fehr 38-jährig und Gemeinderat in Eglisau.

April 1991
Fehr wird in den Zürcher Kantonsrat gewählt.

Januar 1994
SVP-Generalsekretär Hans Fehr gerät ­national in die Schlagzeilen. Als Urheber der «Messerstecher-Kampagne» gibt Fehr zu, mit einer falschen Kriminalstatistik operiert zu haben. Die Schuld gibt er dem Faxgerät. Dieses habe die Daten falsch übermittelt.

Oktober 1995
Kantonsrat Hans Fehr wird in den Nationalrat gewählt. Kurz darauf gibt er seinen Rücktritt aus dem Kantonsparlament bekannt.

1998
Nationalrat Fehr tritt als SVP-Sekretär in Zürich zurück und wird Geschäftsführer der Aktion für eine unabhängige und neutrale Schweiz (Auns).

Januar 2011
Hans Fehr wird auf dem Weg zur Albisgüetli-Tagung von mehreren Vermummten – mutmasslich aus der autonomen Szene – zusammengeschlagen. Einer der Angreifer konnte später eruiert werden. Er wurde zu sechs Monaten Gefängnis bedingt verurteilt. Fehr hatte damals noch an Ort und Stelle mit einer Schramme an der Stirn dem Fernsehen ein Interview gegeben.

18. Oktober 2015
Hans Fehr wird 68-jährig aus dem Nationalrat abgewählt. Zum Verhängnis wurde ihm mutmasslich eine serbische Putzfrau, die
bei Fehrs ohne Bewilligung gearbeitet hat.
Es gab auch Stimmen, die fanden, Fehr sei
zu alt für eine weitere Amtszeit. (sch)

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