Kloten hob Nachtflugsperre an Weihnachten für Königsfamilie auf

Drei grosse Maschinen aus Katar landeten zur Unzeit in Zürich. Was war der Grund?

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Eigentlich darf man in Kloten erst ab sechs Uhr morgens landen. Umso erstaunter war ein Tagesanzeiger.ch/Newsnet-Leser aus dem sanktgallischen Wil, als er am Samstag bereits vor fünf Uhr geweckt wurde – durch zwei kurz nacheinander fliegende Jets, die zum Ostanflug ansetzten. Beide Maschinen kamen aus Doha, der Hauptstadt des Emirats Katar. Und beide gehören der Königsfamilie. Die erste landete um fünf Uhr, die zweite eine Viertelstunde später.

Was der Tagesanzeiger.ch/Newsnet-Leser nicht mitbekam: Es waren nicht die ersten Flugzeuge, die an diesem 26.  Dezember während der Nachtflugsperre aufsetzten. Bereits um 0.30 Uhr landete ein Airbus aus Marrakesch – ebenfalls nach einem Ostanflug. Dies lässt sich auf flightradar24.com ­immer noch nachverfolgen. Auch diese Maschine gehört zur katarischen Regierungsflotte.

Warum aber erlaubte der Flughafen die Landungen trotz Nachtruhesperre? Laut Eva Oehry von der Betriebsleit­zentrale lagen diplomatische Bewilligungen vom Bund vor. Und weshalb hat der Bund diese Bewilligungen erteilt? «Aufgrund eines medizinischen Notfalls», sagt Martine Reymond, Sprecherin des Bundesamts für Zivilluftfahrt. Der Airbus, der um 5.15 Uhr aus Doha landete, ist denn auch mit einer speziellen medizinischen Ausrüstung versehen. Der oder die Patienten könnte aber auch aus Marokko eingeflogen worden sein. Die von dort kommende Maschine hob nämlich zuerst ab. Sie startete am 25.  Dezember um 21.40 Uhr – eine gute Stunde vor den beiden Jets aus Doha.

Bund koordiniert Sicherheit

In Marokko – genauer im Skiort Ifrane im Mittleren Atlasgebirge – weilte Katars Emir mit seinem Gefolge in den Ferien. Nicht zum ersten Mal. Die Region hat es Scheich Tamim bin Hamad Al Thani angetan. Der laut der US-Zeitschrift «Forbes» siebtreichste Monarch der Welt besitzt dort eine Privatresidenz, die sich über rund zehn Hektaren erstreckt. Dahin hat er sich zurückgezogen, nachdem er zuvor Eritreas Präsident Isayas Afewerki einen Besuch abstattete. Und von Marokko aus musste seine Familie am Weihnachtsabend wegen eines medizinischen Notfalls sofort in die Schweiz fliegen.

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Der Vorfall ist so gravierend, dass zwischen Katar und der Schweiz eine regelrechte Luftbrücke aufgebaut wurde: Nach den drei Flugzeugen, die während der Nachtflugsperre gelandet waren, sind am Samstag und Sonntag noch ein halbes Dutzend weitere grosse Maschinen eingetroffen – darunter auch ein Jumbo-Jet der Regierungsflotte.

Bund war informiert

Das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) hat heute gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet bestätigt, dass die katarische Königsfamilie in der Schweiz weilt. Das EDA sei darüber informiert, es sei aber nicht direkt involviert. In Aktion tritt in solchen Fällen dagegen das Bundesamt für Polizei (Fedpol). Es beurteilt die Notwendigkeit von Sicherheitsmassnahmen und koordiniert den Einsatz der kantonalen Polizeikorps vor Ort, wie Sprecherin Cathy Maret erklärt. Überdies erteile man den Sicherheitsleuten, die solche Gäste selbst mitbrächten, eine Bewilligung für das Waffentragen.

Der Einsatz der Zürcher Kantonspolizei am Flughafen war nicht zu übersehen. Doch Sprecher Beat Jost mochte sich nicht dazu äussern: «Wir sagen zu solchen Sachen prinzipiell nichts.»

Vierter Sohn unter 27 Kindern

Zürich ist für den Emir von Katar kein unbekanntes Pflaster. Seine Familie besitzt hier das Luxushotel Atlantis am Fuss des Uetlibergs, das kürzlich seine Tore geöffnet hat. Vor zwei Jahren übernahm der heute 35-Jährige die Regierungsgeschäfte von seinem Vater, Hamad bin Chalifa Al Thani. Dieser habe gesundheitliche Probleme, hiess es damals. So übertrug der Vater die Macht seinem vierten Sohn von insgesamt 27 Kindern (von drei Ehefrauen). Tamim bin Hamad Al Thani selbst ist mit zwei Frauen verheiratet und hat sechs Kinder. Der Sportbegeisterte (Fussball, Tennis, Schwimmen) sitzt auch im Internationalen Olympischen Komitee (IOC).

Katar ist nur etwa doppelt so gross wie der Kanton Bern. Doch das Land verfügt über die drittgrössten Gasreserven nach Russland und Iran. Dank diesen kann es sich fast jeden Wunsch erfüllen und weltweit gross in Immobilien und Firmen investieren. Von den 2,2 Millionen Einwohnern sind lediglich gut zehn Prozent katarische Staatsangehörige. Deren Umgang mit den vielen Arbeitsmigranten, die unter anderem die Infrastruktur für die Fussball-Weltmeisterschaften 2022 bauen, sorgt immer wieder für Kritik.

In die Schlagzeilen geriet Katar vorletzte Woche auch, weil im Süden des Irak über 20 Staatsangehörige auf einer Jagd-Safari entführt wurden, darunter auch einige Mitglieder der Königsfamilie. Jetzt kommt noch der medizinische Notfall hinzu, über den nichts Genaueres bekannt ist.

In welchem Spital?

Es war auch nicht in Erfahrung zu bringen, welches Spital sich die Katari ausgesucht haben. Etwa die Klinik Hirslanden, die für solche VIP-Patienten gut ausgerüstet ist? Dort lassen sich im obersten Stock des Neubaus, wo Privatpatienten ihre Zimmer mit Blick auf See und Berge haben, vier Zimmer zu einer Einheit zusammenfügen. Dadurch sind die Patienten von den andern Bereichen abgetrennt. Ob derzeit Mitglieder der Königsfamilie dort sind, will Mediensprecherin Dominique Jäggi nicht sagen: «Wir geben keine Auskunft über unsere Patienten.»

Prädestiniert für die Behandlung von VIPs ist auch das Zürcher Unispital, da führende Ärzte dort arbeiten. Bei der Unterbringung ist das erneuerungsbedürftige Spital allerdings im Nachteil gegenüber der Klinik Hirslanden. Es hat keine Möglichkeit, abgeschirmte Bereiche zu schaffen, wie sie gerade Scheiche aus dem Fernen Osten wünschen, die jeweils mit einer grossen Entourage anreisen. «Wir bringen VIPs auf unserer Privatstation unter», sagt Mediensprecher Gregor Lüthy. Bei Bedarf werde ein Sicherheitsmann für die Patienten abgestellt. Bis am Sonntagnachmittag hat Lüthy nichts davon gehört, dass der Emir von Katar oder jemand aus dessen Familie im Unispital behandelt würde. «Und wenn dies der Fall wäre, dürfte ich nichts sagen.» (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 27.12.2015, 21:31 Uhr)

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