Für Zürich steht viel auf dem Spiel

Die Zürcher Game-Entwickler sind sich einig: Wenn mehr investiert würde, könnte ein potenter Wirtschaftszweig entstehen. Wir stellen sechs Spiele vor, die hier kreiert wurden.

Das taugen Zürcher Games: Newsredaktor und Game-Experte Robin Schwarz kommentiert drei Spiele aus Zürich. Video: Lea Blum und Adrian Panholzer

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Den einen Satz hört man im Gespräch mit Zürcher Game-Entwicklern immer wieder: Wir stehen ganz am Anfang. Aber auch dieser fällt oft: Die Voraussetzungen sind so gut wie noch nie.

Die weltweite Game-Szene ist ein Monstermarkt, rund 90 Milliarden Dollar wurden 2015 mit Computerspielen umgesetzt, fast doppelt so viel wie mit Filmen. Zürich spielt dabei global im besten Fall eine Statistenrolle, rund 20 Studios entwickeln in Zürich Games. Doch die Stimmung in der Szene ist optimistischer denn je. «Die Entwicklerszene ist in den letzten zehn Jahren enorm gewachsen», sagt etwa Matthias Sala, Präsident der Swiss Game Developers Association (SGDA). Und fügt an: «Inhaltlich ist Zürich bereits Weltklasse. Spiele von hier gewinnen internationale Preise und sind an den wichtigsten Festivals vertreten; weltbekannte Firmen aus dem Silicon Valley kaufen sich in ortsansässige Start-ups ein.»

«Inhaltlich ist Zürich bereits Weltklasse.»Matthias Sala, SGDA

Der guten Stimmung förderlich ist auch ein Postulat im Nationalrat, eingereicht von Jacqueline Fehr (SP). Darin verlangt die heutige Zürcher Regierungsrätin und Kulturministerin einen Bericht zur Schweizer Game-Industrie. Er soll Stellungnahmen zum kulturellen Wert von Computerspielen enthalten wie auch zu Entwicklungsstrategien des Industriestandorts Schweiz. Für Sala ein klares Zeichen, dass die Relevanz von Games hierzulande ins Bewusstsein einer breiteren Bevölkerung sickert.

«Vorreiter für die Banken»

Auch Ruedi Noser, Mitunterzeichner des Postulats und Teilnehmer des Forums zum Thema Game-Förderung im Rahmen des Game-Festivals Ludicious vom kommenden Wochenende, sagt: «Die Kulturförderung muss ­Games in Zukunft mehr Gewicht einräumen. Man kann damit viel mehr Leute erreichen als etwa mit Autorenfilmen.» Zusätzlich sieht er die Game-Industrie als Vorreiterin, die anderen Wirtschaftszweigen wie etwa dem Banken- oder Versicherungssektor zugute kommen könnte.

Was Zürich noch fehlt, um international aufzuschliessen, sind für Sala unterstützende Strukturen – etwa Steuererleichterungen und höhere Finanzierungsbeiträge, wie sie etwa in den nordischen Ländern, Kanada oder England bereits Standard seien.

Für Bob Sumner, den stellvertretenden Direktor des Disney Research Lab und Assistenzprofessor an der ETH Zürich, gibt es in Zürich zwar überdurchschnittlich viel Talent, doch es fehle eine Community. Ein Festival wie das Ludicious sei aus diesem Grund der richtige Impuls für die Szene. Und natürlich, darin sind sich alle einig, fehle es an Geld. Die 200'000 Franken, die Pro Helvetia für zwei Jahre in die Game-Entwicklung schiesst, sind – global gesehen – ein Klacks. «Die Politik verpasst eine Chance, wenn sie das Potenzial der Game-Industrie noch länger missachtet», sagt Sala.

Die Nische suchen

Doch wie soll man sich als Entwickler überhaupt auf einem Markt behaupten, der monatlich um rund 10'000 Games wächst? Ulrich Götz, Professor für Gamedesign an der Zürcher Hochschule der Künste, sagt: «Wer heute als Gamedesigner neu auf den Markt kommt, muss sich eine Nische suchen. Nicht nur in thematischer Hinsicht, sondern auch was Grafiken oder Interaktionsformen anbetrifft. Das Zürcher Unternehmen Blindflug Studios mit seinem Spiel ‹Cloud Chasers› ein sehr gutes Beispiel dafür.» Bei «Cloud Chasers – Journey of Hope» begleitet der Spieler den Flüchtling Francisco und seine Tochter auf dem Weg in eine bessere Zukunft.

Auch wer sich Spiele wie «Far» von Don Schmocker oder «Feist» des Studios Bits & Beasts anschaue, beides Abgänger der Zürcher Kunstschule, merke: Es gibt sie, die Zürcher Nischenprodukte. Nur was die Einstellung der Bevölkerung zu Games angeht, sieht der Professor noch Potenzial: «Es braucht noch etwas Zeit, bis das Game als gestalterisch-künstlerisches Medium mit all seinen Möglichkeiten und Grenzen ernst genommen wird.»

Bis es mit diesem Umdenken so weit ist, muss sich die Szene mit einer bescheidenen Förderung begnügen – und mit dem Gefühl, dass in diesem Moment gerade alles so richtig beginnt.


Eigener Bauernbetrieb «Farming Simulator» (Giants)

Der Landwirtschaftssimulator ist mit rund 5 Millionen verkauften Exemplaren das meistverkaufte Game aus der Schweiz. Das Spiel ist in 18 Sprachen und auf den gängigen Konsolen wie auch als App oder als PC-Spiel erschienen. Der Spieler baut darin über viele Stunden einen Landwirtschaftsbetrieb auf, kauft neue Traktoren oder Häckselmaschinen und verkauft die Produkte seines Hofs an Grossverteiler. Die Gründer der in Schlieren beheimateten Giants Software, Christian Amman und Stefan Geiger, könnten mittlerweile an landwirtschaftlichen Messen problemlos mitreden, sagen sie. www.farming-simulator.com


Kopfnickend durchs All «Shiny» (Ateo)

Mehrfaches Nicken, dann ein Dreh nach rechts und wieder einer nach links. Und schliesslich eine Kreisbewegung. «Eine trippige Erfahrung» nannte der Game-Journalist von Tagesanzeiger.ch/Newsnet das Spiel «Shiny» des Zürcher Entwicklerstudios Ateo bei dessen Veröffentlichung im Sommer letzten Jahres. «Einen psychedelischen Nacken­trainer» nennen es die Macher rund um Sebastian Tobler selber. Die Kopfbewegungen sind nötig, denn das Spiel ist nur mit Oculus Rift spielbar – einer digitalen Brille, die kürzlich auf den Markt kam. Der Spieler fliegt darin durch eine Art Weltraumröhre und muss die ihm entgegenrauschenden Klötze per Blickkontakt in die Luft sprengen. Die Musik dazu wählt er selber aus. www.ateo.ch


Rasend im Zauberwald «Feist» (Bits & Beasts)

Aus der Fülle an Games von kleinen Zürcher Gamedesignern ein einziges herauszupicken, fällt schwer. Was sich sagen lässt: Seit die ZHDK den Studiengang Gamedesign anbietet, sind in Zürich zahlreiche grafisch ansprechende, in Insiderkreisen weit verbreitete und an Festivals ausgezeichnete Spiele mit ausgetüftelten Grafiken und raffinierten Ideen entstanden. Eines davon ist das mit Preisen überhäufte Spiel «Feist» der Entwickler Florian Faller und Adrian Stutz des Zürcher Studios Bits & Beasts: ein liebevoll gestaltetes 2-D- Jump-’n’-Run-Spiel, bei dem der Spieler eine Art Igel durch einen Wald springen und dabei zahlreiche Hinder­nisse bewältigen lässt. Das Spiel besticht mit leicht handhabbarem Gameplay und dichter Atmosphäre. Begleitet wird das Tier von eindringlicher Musik und Waldgeräuschen. playfeist.net


Vom nuklearen Krieg «First Strike» (Blindflug Studios)

Das erste Spiel der Blindflug Studios war auf Anhieb ein voller Erfolg. Bei «First Strike» geht es darum, mittels eines Nuklearkriegs die ganze Welt zu beherrschen. Aber: «Selbst wenn du gewinnst, ist die Erde danach zerstört», sagt Jeremy Spillmann, einer der beiden Chefs bei Blindflug. Zusammen mit Moritz Zumbühl hat er das Spiel 2014 entwickelt. «First Strike» ist eine der erfolgreichsten Schweizer Game-Apps überhaupt. Noch heute verkauft es sich monatlich zwischen 3000- und 4000-mal. Über Monate hat es sich bei Veröffentlichung in mehreren Ländern an der Spitze der App-Charts festgebissen. www.blindflugstudios.com


Design und Meditation «Drei» (Etter Studio)

Eine Figur, irgendwo zwischen Tintenfisch und knallbunter Rakete, schwebt in den grauen Raum hinein und türmt die am Boden liegenden Klötze so lange aufeinander, bis sie den Zielpunkt berühren. «Drei» ist ein minimal gestaltetes, mehrfach preisgekröntes Geschicklichkeits-App-Spiel des Zürcher Studios Etter; es erscheint nächstens auch für die Playstation. Christian Etter: «Wir wollen Spiele auf den Markt bringen, hinter denen wir zu 100 Prozent stehen.» Besonders interessant: die Levels mit zwei Spielern, worin man sich voll und ganz auf die Kooperationsbereitschaft des anderen, ebenso schwer zu definierenden Wesens verlassen muss – ohne mit ihm in einem Chat in Kontakt treten zu können. www.etterstudio.com


Auf Steve Jobs’ iPad «Orbital» (Bitforge)

Hinter dem Spiel «Orbital» steht eine filmreife Geschichte. Die Zürcher Firma Bitforge stand im Zuge der Wirtschaftskrise 2008 kurz vor dem Konkurs. Ein einziges Spiel wollte Andreas Hüppi noch fertigen, damit am Schluss etwas übrig bleibt vom Geschäft. Bald aber berichtete ein amerikanischer Blog über das Sci-Fi-Spiel, bei dem mit gezielten Schüssen kreisrunde brennende Figuren abgeschossen werden müssen. Und kurz darauf rief Apple an, ob sie «Orbital» zu «Marketingzwecken» benutzen könnten. Bei der Präsentation des ersten iPads war das Spiel dann zu sehen, und alle Journalisten hatten es vorinstalliert auf ihren nagelneuen Geräten. Die Verkäufe schossen in die Höhe. Die Firma gibt es heute noch. www.bitforge.ch (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 20.01.2016, 19:39 Uhr)

Spielen und zuhören

Game-Festival Ludicious

Während vier Tagen werden am Game-Festival Ludicious in der Alten Kaserne eine Vielzahl an Konferenzen, Preisverleihungen und Spielrunden geboten. Die Ausstellung mit 40 nationalen und internationalen Spielen ist frei zugänglich. «Unfolding the 8-Bit Aera» lässt Nintendo-Spiele aus den Achtzigern wie «Super Mario Bros.» aufleben. Als Speaker treten die Entwickler von «Doom» oder «Wizardry, Dungeons & Dra­gons» auf. Und in der Talkrunde mit Ruedi Noser, Min Li Marti und anderen geht es um die Entwicklung des Game-Standortes Zürich.

21.–24. Januar, Alte Kaserne, Zürich

www.ludicious.ch

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