Kanton nutzt Solarenergie zu wenig

Der Kanton könnte mehr als sechs Prozent seines Strombedarfs mit Sonnenenergie selbst produzieren – doch heute ist es zwanzigmal weniger. Jetzt macht das Kantonsparlament Druck.

Die Solaranlage auf den Dächern des kantonalen Massnahmenzentrums Uitikon produziert jährlich über 200'000 Kilowattstunden Strom. Foto: Emanuel Ammon (Aura)

Die Solaranlage auf den Dächern des kantonalen Massnahmenzentrums Uitikon produziert jährlich über 200'000 Kilowattstunden Strom. Foto: Emanuel Ammon (Aura)

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Gerade einmal 0,37 Prozent des Stroms, den die kantonale Verwaltung braucht, gewinnt sie aus Sonnenenergie. Möglich wäre einiges mehr: Würden alle geeigneten Dächer mit Solarzellen bestückt, könnten damit deutlich über 6 Prozent des Stromeigenbedarfs gedeckt werden. Das zeigt eine seit 2010 vorliegende Studie, welche das Büro Nowak Energie und Technik im Auftrag des Hochbauamts verfasst hat. Das Papier ist nie veröffentlicht worden. Dem TA hat das Hochbauamt aber Einblick gegeben.

Die Autoren haben die 1000 grössten Gebäude im Verwaltungsvermögen des Kantons untersucht: Schulen, Gefängnisse, Spitäler, Labors und unzählige Verwaltungsbauten. Anhand von Luftbildern teilten die Fotovoltaikspezialisten die Häuser in fünf Eignungskategorien ein. Und stellten fest: 328 Dächer wären grundsätzlich gut für Fotovoltaikanlagen geeignet. Auf 190 davon liessen sich mittelgrosse Anlagen mit einer Leistung zwischen 10 und 30 Kilowatt realisieren, auf 124 Objekten wären Anlagen zwischen 30 und 100 Kilowatt und auf 14 Objekten solche mit mehr als 100 Kilowatt möglich. Insgesamt könnten damit 11,6 Gigawattstunden Strom produziert werden. Heute sind auf gerade mal 22 Dächern Solarzellen installiert, und davon betreibt der Kanton nur 13 selbst.

Welche Immobilien am besten für Solaranlagen geeignet wären, diese Information will Beat Wüthrich, Abteilungsleiter im Hochbauamt, nicht im «Tages-Anzeiger» lesen: «Die Studie beinhaltet keine konkreten oder gar baureifen Projekte, sondern ist lediglich eine Potenzialanalyse, die nur intern benutzt wird.»

Nur wenn saniert wird

Realisiert wurde von dem, was laut Studie möglich wäre, so gut wie nichts – obwohl sie seit fünf Jahren vorliegt. Das irritiert, immerhin hat deren Erstellung fast 40 000 Franken gekostet. Hat das Hochbauamt, das Baudirektor Markus Kägi (SVP) untersteht, viel Geld in einen Papiertiger gesteckt, der nun in den Schubladen vor sich hindöst?

Keineswegs, sagt Beat Wüthrich. Zum einen habe die Studie nur 40 Franken pro Gebäude gekostet. Zum anderen döse sie keineswegs in der Schublade: «Die Liste der geeigneten Standorte ist in Gebrauch.» Felix Schmid, Leiter der Fachstelle Nachhaltigkeit im Hochbauamt, ergänzt: «Sie ist eine wertvolle Planungsgrundlage.» Aber bisher habe im Hochbauamt die Regel gegolten: Investiert wird, wenn eine Gebäude ohnehin saniert wird. «Dann prüfen wir immer, ob sich eine Fotovoltaikanlage lohnt», so Wüthrich. «Aber wir installieren keine Anlage einfach so.» Das sei vor allem eine Frage der Wirtschaftlichkeit. Steht ein Umbau oder eine Sanierung an, ist die Installation in der Regel deutlich günstiger.

Nun aber bahnt sich ein Paradigmenwechsel an. Der Kantonsrat hat Anfang November mit 91: 78 Stimmen einen Vorstoss überwiesen, der verlangt, dass Solaranlagen sofort installiert werden müssen, wenn sie wirtschaftlich betrieben werden können. «Das ist Umweltschutz, der nichts kostet», sagte Initiant Martin Neukom (Grüne, Winterthur) in der Debatte. Dagegen sprachen sich nur SVP und FDP aus. Der Regierungsrat und damit Baudirektor Kägi waren hingegen bereit, das Postulat entgegenzunehmen.

Einspeisen rentiert nicht

Nun sind Wüthrich und Schmid mit ihren Mitarbeitern an der Arbeit: Sie müssen prüfen, welche der möglichen Anlagen wirtschaftlich betrieben werden können. Der Anteil dürfte recht gross sein, schätzt Wüthrich: «Die Preise für Solaranlagen sind heute vier- bis fünfmal tiefer als 2010. Damit kann Solarstrom gegenüber dem Strom vom Netz konkurrenzfähig sein. Jedenfalls dann, wenn wir den produzierten Strom auch selbst verbrauchen.» Und das ist die Krux: An Werktagen ist der Energiebedarf in den Gebäuden des Kantons hoch, was ideal für Solarstrom wäre. Am Wochenende aber tendiert der Verbrauch gegen null. Nur kann man Solarzellen nicht einfach abschalten, wenn sie nicht gebraucht werden.

Der überschüssige Strom muss ins Netz gespeist werden, was noch immer ein Verlustgeschäft ist. Denn die Kosten für eine Kilowattstunde Solarstrom sind höher als der Preis, den die abnehmenden Elektrizitätswerke dafür bezahlen. Anders ist das nur bei Anlagen, die in den Genuss einer Einspeisevergütung kommen – aber dafür ist die Warteliste lang, denn das Geld, das der Bund dafür zur Verfügung stellt, reicht bei weitem nicht für alle Projekte.

Sinnvoller ist es deshalb, die erzeugte Energie zu speichern, etwa indem man damit warmes Wasser produziert. «Auf Schulen zum Beispiel sind Solarzellen ideal», erklärt Wüthrich, «am Wochenende heizen wir mit dem Strom und einer Wärmepumpe einfach das Duschwasser.» In einem Bürogebäude hingegen braucht kein Mensch so viel warmes Wasser.

Betrieb optimieren bringt mehr

Den Vorwurf, der Kanton reagiere in Sachen erneuerbare Energien und sparsamen Umgang mit Ressourcen zu behäbig und nehme seine Vorbildrolle zu wenig wahr, weisen Wüthrich und Schmid zurück – auch wenn das Hochbauamt kein Vorreiter bei der Solarenergie ist. So bezieht der Kanton heute seinen Strom fast ausschliesslich aus erneuerbaren Quellen. Und allein mit Betriebsoptimierungen hat die Fachstelle Nachhaltigkeit den Energiebedarf der Verwaltung um 12 Prozent gesenkt. «Das ist doppelt so viel, wie wir mit Fotovoltaik produzieren können», sagt Wüthrich, «und es kostet viel weniger.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.12.2015, 23:33 Uhr

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So errechnet sich die Wirtschaftlichkeit

Wer eine Fotovoltaik-Anlage installiert, muss genau rechnen – und sich einen Überblick über ein ziemlich komplexes Preisgefüge verschaffen. Folgende Faktoren spielen eine Rolle:

Der Produktionspreis errechnet sich aus dem Preis für die Panels, der produzierten Leistung und der Lebensdauer der Anlage (üblicherweise 20 Jahre). Noch vor zehn Jahren rechnete man mit Kosten von rund 70 Rappen pro Kilowattstunde, heute sind es etwa 18 Rappen.

Der Marktpreis für Stromkunden ist je nach Produkt und Tageszeit unterschiedlich. Die EKZ etwa berechnet Privathaushalten tagsüber zwischen etwa 16 und 22 Rappen. Die Tarife für Geschäftskunden sind ähnlich hoch. Deutlich weniger zahlen Grosskunden, die auch Atomstrom beziehen. Der selbst produzierte Solarstrom ist also in vielen Fällen billiger als Strom vom Netz, in einigen aber deutlich teurer. Da Solaranlagen nahezu wartungsfrei sind, gilt: Je länger die Anlage in Betrieb ist, desto leichter amortisiert sie sich.

Die Netzbetreiber sind verpflichtet, den Strom von unabhängigen Produzenten abzunehmen und dafür einen garantierten Preis von 15 Rappen zu zahlen – unabhängig vom Marktpreis. Wer Solarstrom zu diesen Bedingungen ins Netz speist, erzielt etwa 3 Rappen Verlust pro Kilowattstunde, sofern die Anlage neu ist. Bei alten Anlagen ist der Verlust deutlich höher.

Diesen Verlust gleicht die kostendeckende Einspeisevergütung aus. Finanziert wird diese mit einer Abgabe von 1,5 Rappen, welche die Stromkonsumenten pro Kilowattstunde zahlen. So kommen rund 900 Millionen Franken pro Jahr zusammen, was bei weitem nicht reicht, um allen Produzenten von erneuerbarem Strom kostendeckende Preise zu zahlen. (leu)


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