Finanzbranche benachteiligt über 50-Jährige

Wer über 50 Jahre alt ist, hat es auf dem Stellenmarkt schwer. Aber nicht in allen Branchen gleich. Eine neue Studie des Kantons Zürich zeigt ein differenziertes Bild.

Bei Banken gibt es wenig Bereitschaft, über 50-Jährige zu beschäftigen. Foto: Thomas Egli

Bei Banken gibt es wenig Bereitschaft, über 50-Jährige zu beschäftigen. Foto: Thomas Egli

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Über 50-Jährige haben es bei der Job­suche schwer: Mit diesem Phänomen befassen sich Medien und Politik regelmässig. Ebenso regelmässig halten die Statistiker entgegen: So gross könne das Problem nicht sein, die Arbeitslosenquote sei bei den über 50-Jährigen deutlich tiefer als jene bei jüngeren Arbeitnehmern.

Jetzt zeigt eine neue, vom Amt für Wirtschaft und Arbeit des Kantons Zürich herausgegebene Studie, dass beide Seiten recht haben. In minutiöser Kleinarbeit haben die Autoren Aniela Wirz, Thomas Bauer und Alicia Porteiner Statistiken analysiert und miteinander in Bezug gesetzt. Das Resultat ist ein differenziertes Bild des Arbeitsmarkts für die Generation Ü-50, das aufzeigt, wer gute Chancen hat – und wer eben nicht.

Mögliche Diskriminierung

Wie gross das Risiko ist, als älterer Arbeitnehmer die Stelle zu verlieren, und wie gut die Chancen auf einen neuen Job sind, das hängt nicht nur von der Ausbildung ab. Entscheidend ist auch die Branche. Und hier steht besonders eine Branche auffallend schlecht da: Banken und Versicherungen sind offenbar sehr viel weniger bereit als andere, über 50-Jährige zu beschäftigen.

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Die Finanzbranche schneidet bei fast allen Indikatoren, welche die Studie berücksichtigt, vergleichsweise schlecht ab. So arbeiten anteilsmässig deutlich weniger über 50-Jährige als unter 50-Jährige dort. Auch stellen Banken und Versicherungen deutlich weniger ältere Arbeitnehmende neu ein, und zwar sowohl im Vergleich zur jüngeren Generation als auch im Vergleich zu anderen Branchen. Und es scheiden deutlich mehr über 50-Jährige aus dem Finanzsektor aus, als neu eingestellt werden. Die Autoren kommen zum Schluss: «Eine altersspezifische Diskriminierung kann in diesem Wirtschaftszweig nicht ausgeschlossen werden.»

Grafik: Unterschiede in der Erwerbstätigkeit je nach BrancheZum Vergrössern klicken

Die Finanzbranche ist indes nicht die einzige, in der die Studie Hinweise auf Diskriminierung älterer Stellensuchender gefunden hat. Auch im verarbeitenden Gewerbe (dazu gehören zum Beispiel die Maschinenindustrie, aber auch klassische Handwerksberufe) deuten einige Faktoren darauf hin; am ausgeprägtesten ist dabei die Zahl der Neuanstellungen von Älteren im Vergleich zu Jüngeren. Allerdings seien dafür auch andere Gründe denkbar als Diskriminierung, halten die Autoren fest: «Dazu könnten beispielsweise mangelhafte Weiterbildung oder gesundheitliche Probleme bei älteren Erwerbstätigen gehören.» So ist die Quote jener, die eine Invalidenrente beziehen, im verarbeitenden Gewerbe hoch. Anders sieht es überraschenderweise in der Baubranche aus: Hier fand die Studie weder Vor- noch Nachteile für ältere Stellensuchende, obwohl dort ebenfalls vergleichsweise viele Junge arbeiten.

Es gibt aber auch Wirtschaftszweige, in denen die Bedingungen für ältere Semester gemäss der Studie gleich gut oder teilweise sogar besser sind als für jüngere Kolleginnen und Kollegen. Allen voran bei den Staatsbetrieben: Sowohl in der öffentlichen Verwaltung als auch im Bildungswesen ist der Anteil der Beschäftigten über 50 deutlich höher als der Anteil der Beschäftigten unter 50. In den Schulen und Betreuungseinrichtungen ist zudem das Risiko, arbeitslos zu werden, geringer als in vielen anderen Branchen.

Auch im Gesundheitswesen arbeiten vergleichsweise viele ältere Menschen, das Risiko, die Stelle zu verlieren, ist vergleichsweise tief. Dennoch sind Spitäler und Heime ein hartes Pflaster für ­ältere Arbeitssuchende: Sie stellen sehr viel mehr jüngere Menschen neu ein – und das, obwohl die Zahl der Stellen stetig wächst. Gründe dafür nennt die Studie nicht. Möglicherweise ist gerade der Pflegeberuf für Ältere zu anstrengend, darauf deutet jedenfalls ein weiterer Indikator hin: Auffallend viele ältere Angestellte verlassen die Branche.

Rückzug aus der Arbeitswelt

Die Studie löst auch einen weiteren scheinbaren Widerspruch auf: jenen zwischen der öffentlichen Wahrnehmung, über 50-Jährige fänden generell viel schwerer Arbeit, und der Arbeits­losenstatistik.

Tatsächlich täuschen die amtlichen Zahlen. So nehmen überdurchschnittlich viele ältere Arbeitslose an Umschulungen teil oder befinden sich in einem Zwischenverdienst. Damit erscheinen sie in der Statistik nicht mehr als Arbeitslose, obwohl sie nach wie vor auf Stellensuche sind.

Vor allem aber findet ab dem 50. Altersjahr ein Rückzug aus dem Arbeitsleben statt – «freiwillig oder unfreiwillig», wie die Studie festhält. So melden sich mehr Ältere als Jüngere von der Arbeitsvermittlungsstelle ab, ohne einen neuen Job gefunden zu haben. Auch die Zahl der IV-Bezüger steigt mit zunehmendem Alter. Bis zu einem gewissen Grad steckt hinter dem Rückzug aber auch ein «Wohlstandsphänomen»: Namentlich Besserqualifizierte wählen den Weg der Frühpensionierung.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.10.2016, 23:22 Uhr

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