Kunstraub beim Kunsthaus

Der Roy Lichtenstein beim Kunsthaus ist weg. Einfach so. Er wurde abmontiert am helllichten Tag.

Der Lichtenstein, als er noch da war.

Der Lichtenstein, als er noch da war. Bild: PD

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Seit vergangener Woche «hängt» ein Warhol beim Kunsthaus: Stadtpräsidentin Corine Mauch (SP), vierfach, bunt, expressiv, gut (der TA berichtete). Das Kunsthaus erhält einen Neubau, die Kunstszene während der Bauzeit ein Schaufenster: die Bauwand entlang der Rämistrasse. Hoffen wir, dass unsere Stadtpräsidentin einen Moment hängen bleibt. Die Sorge um Mauch ist berechtigt: Denn es wurde schon mal ein Werk von der Bauwand geklaut. Offiziell entwendet. Was die Sache aber bloss unwesentlich besser macht.

Die Geschichte, die wir hier erzählen, handelt von Kunst im öffentlichen Raum. Darüber, wie solche Kunst entsteht, wer sie schafft – und wie sie wieder verschwindet. Sie wird erzählt von Herrn M., einem 60-jährigen Zürcher, der die Werke geschaffen hat. Nachdem ein Artikel bei Ron Orp und auf Tagi online erschienen war, hatte er sich mit einem Bekennerschreiben – I did it again – beim Tagi gemeldet, später konnten wir am Telefon mit ihm sprechen:

Aus der Schlampe wird eine Bitch

«Am Anfang stand Liz Taylor, gemalt von Andy Warhol. Sie hing eine Zeit lang in der Galerie gegenüber der Baugrube für das neue Kunsthaus. Da entstand die Idee, etwas an die Bauwand zu malen. Ich erkundigte mich beim Kunsthaus, ob das denn legal war. Man dulde Kunst an der Wand, hiess es. Für meine Bilder wollte ich Pop-Art-Künstler plagieren, Lichtenstein, Warhol, Keith Haring – auch deshalb, weil diese Künstler einfach zu kopieren und zu adaptieren sind. Stellen Sie sich vor, welche Arbeit ein Van Gogh machen würde . . . Pop Art einzuzürchern – das war mein Plan. Ich begann also mit Lichtenstein. Statt Hochhäuser ragten Zürcher Kirchtürme ins Fenster, das Telefon wurde zum Handy, und meine Tochter machte mich darauf aufmerksam, dass heute kein Mensch mehr Schlampe sagt: «Ui nei! . . . Grad vorher han ich ihn mit dere Bitch gsee!»

Ich habe die Wand vermessen und das Werk einmal in der realen Grösse auf eine Leinwand gemalt. Die Sache nahm zwei Nächte in Anspruch: in der ersten haben meine Tochter und ich die Hintergrundfarben appliziert, in der zweiten die Konturen und Raster darüber gemalt. Lichtenstein, Acryl auf Holz.

Abmontiert und Bretter ersetzt

Ich habe das Bild dann von der anderen Strassenseite her auf die Wand projiziert und so gemalt. Strom fand ich beim Griechen um die Ecke. Danach habe ich den zweiten Streich vorbereitet. Für ein Warhol-Plagiat, gleich neben dem Lichtenstein, suchte ich das Zürcherische Pendant von Liz Taylor oder Marilyn Monroe. Corine Mauch war die einzige Zürcherin, die mir glamourös genug erschien. Dazu möchte ich betonen: Es ging mir um Kunst, nicht um Politik. Ich wusste: Am Dienstag ist das Wetter gut, am Samstag wollte ich die Wand nochmals ausmessen.

Da merkte ich: der Lichtenstein ist weg. Ich begann ihn zu suchen, telefonierte mit A, wurde an B verwiesen und landete beim Bauleiter. Er ist für die Bauwand verantwortlich. Er hat das Kunstwerk für einen Herrn abmontiert, der im Gegenzug für die Arbeit und die neuen Bretter aufkam. Nun steht der Lichtenstein in einer Wohnung im Seefeld, freut einige wenige statt die vielen, die an der Bretterwand entlangfahren. Oder davor im Stau stehen.

So war das eigentlich nicht geplant. Ich hätte Freude gehabt, die beiden Bilder nebeneinender zu sehen. Vielleicht auch noch mit dem dritten Streich. Für diesen bin im Moment nicht mehr wahnsinnig motiviert. Aber wer weiss.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 16.07.2017, 20:24 Uhr

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