Frühere Psychosekte mischt sich unter die Lehrplangegner

In den Initiativkomitees gibt es viele frühere Anhänger des Vereins für Psychologische Menschenkenntnis (VPM).

Zeichnung: Felix Schaad

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Der Kanton Basel-Stadt führt den Lehrplan 21 als erster Kanton bereits ein. Doch landesweit wächst der Widerstand. In mindestens elf Kantonen gibt es Volksinitiativen, welche dessen Einführung verhindern wollen. So auch in Zürich. Gemäss der Sprecherin des Initiativkomitees, SVP-Kantonsrätin Anita Borer, läuft die Unterschriftensammlung auf Hochtouren. Ihr Anliegen, den Lehrplan 21 dem Volk vorzulegen, komme auf der Strasse gut an. Borer ist zuversichtlich, dass «wir im November die ­nötigen 6000 Unterschriften haben».

Tatkräftig unterstützt wird sie durch Lehrer, die Jungparteien von SVP und FDP, aber auch durch wenig transparente Vereine wie «Bürger für Bürger» oder Interessengemeinschaften wie «Eine Schule für unsere Kinder». Und ein Blick auf die Namen im Zürcher ­Initiativ- und im Unterstützungskomitee zeigt: Es sind auch mehrere Anhänger des unterdessen aufgelösten Vereins für Psychologische Menschenkenntnis (VPM) darunter – jener Sekte, die sich in den 90er-Jahren speziell im Kanton ­Zürich erheblich und mit teils illegalen Methoden in die Politik einmischte.

Verehrer der VPM-Chefin

Im Initiativkomitee ist zum Beispiel Reinhard Koradi, früher Leiter der Wirtschaftspolitik bei der Migros. Als Präsident der Genossenschaft «Zeit-Fragen», welche die VPM-nahe Zeitung gleichen Namens herausgibt, spielt er eine zentrale Rolle. In einem Artikel für die Zeitung schrieb er zum Beispiel über den Bundesrat: «Nach dem Willen unserer Regierung sind unsere nationalen Interessen der Arroganz der globalen Macht zu ­opfern.» Ausserdem betreibe die Regierung «mit ihrem Ruf nach Imagepflege Landesverrat».

Dass Koradi und andere ehemalige VPM-Leute weiter im Sinn der im Mai 2014 verstorbenen VPM-Chefin Annemarie Buchholz-Kaiser aktiv sind, geht aus seinem Kondolenzschreiben hervor: «Sie hinterlässt ein sehr kostbares Lebenswerk, zu dem wir Sorge tragen müssen.» Aus diesem Artikel wird auch klar, was oft abgestritten wurde: «Zeit-Fragen» wurde von VPM-Leuten gegründet. Koradi schreibt, er danke Buchholz-Kaiser, «die Herausgabe einer eigenen Zeitung massgeblich vorangetrieben» zu haben.

Im Initiativkomitee ist auch Rechtsanwalt Markus Erb aktiv. Er hat den Verein «Bürger für Bürger» gegründet und die nationale Maulkorbinitiative lanciert, die 2008 mit Dreiviertelmehrheit abgelehnt wurde. Damals arbeitete er eng mit seinen Gesinnungsgenossen vom VPM zusammen. Sein Bürgerverein erinnert noch heute an alte VPM-Gepflogenheiten: Auf der Homepage sucht man vergeblich nach einem Vorstand. Einzig Erb gibt sich als Präsident zu erkennen. Wer sonst noch im Verein aktiv ist, wissen nur Insider. Erb sagt, er habe nichts mit dem VPM zu tun.

Im Unterstützungskomitee finden sich weitere ehemalige VPM-Anhängerinnen. Etwa Marianne Wüthrich, eine eifrige Autorin der erwähnten Zeitung «Zeit-Fragen». Ihr politisches Weltbild offenbarte sie vor drei Jahren in einem skurrilen Artikel über die geplanten Naturpärke im ganzen Land. Mit den Pärken würden die Landesgrenzen aufgelöst und die Schweiz an die EU verscherbelt, sagt sie: «Ganz Europa ist inzwischen mit Naturpärken überzogen, ganze Landstriche – mit Vorliebe in Grenznähe oder grenzübergreifend – werden dem Souverän entzogen: ein schleichender Entzug von Staatsgebiet.» Wüthrich schrieb schon im Oktober 2013 in «Zeit-Fragen» gegen den Lehrplan 21 an.

Zum Unterstützungskomitee gehört auch die langjährige VPM-Anhängerin und Psychologin Judith Barben, die mehrere Artikel für «Zeit-Fragen» geschrieben hat. Zu ihrer Verbindung zum VPM wollte sie auf Anfrage nichts sagen.

Auch ausserkantonal aktiv

VPM-Anhänger und Sympathisanten engagieren sich aber nicht nur im Kanton Zürich für ein Nein zum Lehrplan 21. In Bern hat sich beim lehrplankritischen Memorandum «550 gegen 550» zum Beispiel Eliane Gautschi, eine VPM-Aktivistin der ersten Stunde, engagiert. Ebenfalls mit von der Partie war in Bern Primarlehrerin Elfy Roca. Im VPM hatte sie eine zentrale Rolle inne. Das kam bei einem von ihr verfassten Nachruf auf die VPM-Chefin zum Ausdruck: «Wir verlieren einen wunderbaren Menschen», schrieb Roca, «sie hat die Gründung unseres Forschungsinstituts angeregt. Wir werden ihr Erbe weitertragen.»

In Bern mussten sich Gautschi und Roca zurückziehen, weil sich «550 gegen 550» nach der Überarbeitung des Lehrplanentwurfs aufgelöst hat. Roca gehört aber auch im Aargau zu den Initianten. Und ob sie in der eben erst gegründeten neuen Berner Interessengemeinschaft gegen den Lehrplan mitmacht, ist noch nicht bekannt.

Unklar ist die Ausrichtung der Interessengemeinschaft «Eine Schule für unsere Kinder», die sich in Zürich gegen den Lehrplan einsetzt. In VPM-Manier legt sie wie der Verein «Bürger für Bürger» nur einen Namen offen: Kontaktperson Ursula Meier, eine «Unternehmerin und Mutter» aus Brüttisellen. ­Gemäss ihren Angaben ist die IG allein gegründet worden, um den Lehrplan21 zu bekämpfen. Mit dem Lehrplan würden 25Jahre schädliche Schulreformen zementiert und eine Zentralisierung durchgeboxt, sagt Meier auf Anfrage. Zu den IG-Mitgliedern sagt sie lediglich, es seien «Eltern, Lehrer und besorgte Bürger». Ob auch Ex-VPMler darunter sind, ist für sie «nicht von Belang, da es uns um die Sache geht».

Die Texte auf der Homepage sind allerdings eindeutig im VPM-Vokabular abgefasst. So ist etwa, wie in einer Aargauer Medienmitteilung von Elfy Roca, von der «falschen Theorie des Konstruktivismus» die Rede, die mit dem neuen Lehrplan in der Schule implementiert werde.

Eine undurchsichtige Rolle im Kampf der ehemaligen VPM-Anhänger gegen den Lehrplan spielt Alt-Nationalrat ­Ulrich Schlüer. Der Bildungsstratege in der SVP soll vor einiger Zeit ein nationales Treffen von Lehrplangegnern ­organisiert haben. Schlüer war zwar nie Mitglied im VPM, wurde aber wiederholt mit ihm in Verbindung gebracht – etwa vom heutigen SVP-Nationalratskandidaten Roger Köppel. Er schrieb im Jahr 2000 im Magazin von der «VPM-Gestalt» Ulrich Schlüer.

Zu den VPM-Verbindungen von Komitee-Mitgliedern äussert sich Hauptinitiantin Anita Borer ausweichend. Es sei ihr bewusst und auch gewollt, dass im Initiativkomitee Vertreter aus «unterschiedlichen Organisationen» dabei seien. Ob es darunter ehemalige VPM-Mitglieder gebe, sei nicht relevant. Allerdings: «Ich sehe darin kein Problem», sagt die 29-Jährige. Die Gemeinsamkeit des Komitees sei im Initiativtext eng ­abgefasst, man wolle den Lehrplan 21 in Zürich vors Volk bringen. «Nicht mehr und nicht weniger», betont sie.

Für die Initiative machen sich auch die Jungfreisinnigen stark. Präsident ­Andri Silberschmidt ist mit seinen 21 Jahren unverdächtig, was eine mögliche Verbindung zum VPM betrifft. Zudem zeigt sein politisches Profil bei Smartvote eine sehr liberale Haltung in der Gesellschaftspolitik. Umso mehr ­erstaunt, dass er mit Ex-VPM-Leuten im gleichen Komitee sitzt.

Silberschmidt ist die Herkunft der betreffenden Mitglieder bekannt: «Ja, ich habe davon gehört.» Doch das störe ihn nicht. «Wir haben die gleiche Haltung zum Lehrplan21, das genügt.» Er verweist auf den Churer Bischof Vitus Huonder, der als erzkonservativer Katholik für die Kirchensteuerinitiative der Jungfreisinnigen kämpfte. Für Silberschmidt sind je nach Anliegen ungewöhnliche Allianzen sinnvoll. Er habe schon Anliegen der Juso unterstützt, deswegen sei er noch kein Marxist.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 17.08.2015, 23:49 Uhr)

Erziehungsdirektor Alfred Gilgen nannte den VPM «das grösste Problem der Schule»

Der Verein zur Förderung der Psychologischen Menschenkenntnis (VPM) hat schon in den 90er-Jahren mit missionarischem Eifer versucht, in der Schul- und Drogenpolitik seine radikalen, konservativen Ideen in der Gesellschaft zu verankern. Dazu bildete die Führungsfigur Annemarie Buchholz-Kaiser unzählige Gruppen und Komitees, die aggressive politische Aktionen durchführten. Dass sie von VPM-Leuten gelenkt wurden, blieb der Öffentlichkeit weitgehend unbekannt.

Die gehässigen Auseinandersetzungen gipfelten in Hunderten von Strafanzeigen und Klagen, mit denen die VPM-Anhänger in- und ausländische Medien, Journalisten, Kritiker, Schulbehörden und Politiker eindeckten. Anfang der 90er-Jahre sorgten im Kanton Zürich rund 100 Lehrpersonen aus dem VPM-Umfeld mit radikalen pädagogischen Forderungen, mit Hygienephobien und intolerantem Auftreten in den Lehrerzimmern und bei Eltern für Unruhe.

Illegale Fichen und Abhöraktionen

Der damalige Erziehungsdirektor Alfred Gilgen bezeichnete den VPM «als das grösste Problem der Volksschule». Um dieses in den Griff zu bekommen, legten er und seine Beamten geheime Fichen über VPM-Mitglieder an. Am Ende umfasste die Kartei über 1500 Namen. Damit war Gilgen aber zu weit gegangen. Er hatte gegen das Datenschutzgesetz verstossen. Als Reaktion auf die Fichenkartei verwanzten VPM-Anhänger die Wohnung eines Informanten der Bildungsdirektion. Es wurden Briefkästen aufgebrochen und Autos angezündet. Und VPM-Chefin Buchholz-Kaiser liess sich zu einer Straftat hinreissen, als sie an der Universität illegal eine kritische Arbeit über den VPM kopierte und entwendete.

Der deutsche Berufsverband der Psychologen bezeichnete den VPM damals als einen «Psycho-Kult», dessen psychotherapeutische Betätigung jeglicher fachlicher Grundlage entbehre. VPM-Aussteiger sprachen von autoritären Strukturen. Gemäss Gerichtsurteilen darf der VPM als «totalitär» und als «Psycho-Sekte» bezeichnet werden.

2002 löste Buchholz-Kaiser den VPM auf, um das Sektenstigma loszuwerden. Geblieben sind die Aktionskomitees: Die VPM-Leute agieren bis heute im verschwiegenen Stil weiter. Ihre Taktik: Sie gewinnen Gesinnungsgenossen für ihre politischen Aktionen, ziehen aber die Fäden im Hintergrund. So lancierten ehemalige VPM-Mitglieder in der Vergangenheit fast im Alleingang Initiativen, zum Beispiel gegen die neue Bundesverfassung, die bilateralen Verträge, die Auslandeinsätze der Armee, das Zürcher Volksschulgesetz und den UNO-Beitritt sowie die Maulkorbinitiative.

An dieser Taktik hat sich auch nach dem überraschenden Tod von Buchholz-Kaiser im Mai 2014 nichts geändert. Wie Susanne Schaaf von der Beratungsstelle Infosekta erklärt, ist es heute schwierig, die Szene einzuschätzen. Es gebe nach wie vor einen harten Kern von Personen, die dem VPM-Gedankengut nahestünden. «Diese Leute treten etwas moderater auf, doch an ihrer Grundhaltung hat sich nichts geändert.» Es gebe weiterhin Hierarchien in der Szene. Wie diese genau ausgeprägt sind, ist allerdings nicht bekannt.

Angst vor Ex-Weggefährten

Susanne Schaaf weiss auch, dass es ehemalige Mitglieder gibt, die sich vom einschlägigen Personenkreis distanziert haben. Doch sie getrauten sich nicht, dies offen kundzutun – aus Angst vor Repressalien der ehemaligen Weggefährten. (sta/sch)

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