Nonnen machen sich für mehr Frauenrechte stark

Die Gruppe «Kirche mit* den Frauen» setzt sich für eine frauenfreundliche Kirche ein. Wegen des Sterns im Namen stellen sich auch die Nonnen des Klosters Fahr voll und ganz hinter das Anliegen.

Priorin Irene Gassmann will mehr Rechte für Frauen in der Kirche. Foto: Renate Wernli

Priorin Irene Gassmann will mehr Rechte für Frauen in der Kirche. Foto: Renate Wernli

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Am 2. Mai nimmt die Fahrer Priorin Irene Gassmann mit Mitschwestern aus dem Benediktinerinnenkloster am Rande der Stadt Zürich an einer Kundgebung für eine frauenfreundlichere Kirche teil. Gibt das keinen Ärger? «Mit dem Herrgott sicher nicht», sagt die Priorin. Vor zwei Jahren wurde die Idee an sie herangetragen, eine Bewegung für eine Kirche mit Frauen ins Leben zu rufen. Da habe sie erst gestutzt. Doch dann hat sie sich gesagt: «Ich engagiere mich in der Kirche und setze mich für sie ein, weil ich die Kirche liebe. Dazu gehört eben auch, dass ich hinstehe und Dinge sage und tue, die anecken können.»

Die Bewegung Kirche mit Frauen, zu deren Kernteam Priorin Irene gehört, organisiert vom 2. Mai bis 2. Juli einen «Marsch auf Rom» – eine Pilgerreise, die in St. Gallen startet. Initiantin ist die Theologin Hildegard Aepli, Mitarbeiterin im Pastoralamt des Bistums St. Gallen. Eine 7-köpfige Pilgergruppe nimmt die 1000 Kilometer Fussweg von der Klosterkirche nach Rom in Angriff, um dort Papst Franziskus ihr Anliegen zu unterbreiten. «Wir wünschen, dass Männer der Kirche die Zukunft nicht mehr ohne Frauen über deren Stellung, Rolle und Funktion nachdenken und entscheiden», sagt Aepli. «Und auch nicht über die Belange der Kirchen im Allgemeinen.»

Gesucht 1000, die mitpilgern

Die Idee dieses Pilgerwegs ist, dass möglichst viele Gläubige mitwandern, mindestens eine Tagesetappe. «Wir hoffen, dass so insgesamt 1000 Pilger und Pilgerinnen zusammenkommen – und dass wir in Rom als grosse Gruppe auftreten können», sagt Priorin Irene. Noch ist allerdings nicht bestätigt, ob sie dort von Papst Franziskus empfangen werden. Sie selbst wird am ersten Tag von St. Gallen nach Teufen pilgern und dann die letzte Etappe von Assisi nach Rom mitziehen. Denn für zwei Monate kann sie das Kloster nicht verlassen.

Die 51-jährige Irene Gassmann ist seit 13 Jahren Priorin im Fahr. Es gehört zu den klausurierten Klöstern, was bedeutet, dass das Leben der Nonnen strengen Regeln unterworfen ist. Etwas irritiert waren die Nonnen daher schon, als sie erfuhren, dass ihre Vorsteherin zum Kernteam dieses Projekts gehört. Sie sind sich aber mittlerweile gewöhnt, dass diese das benediktinische Gebot «Beten und Arbeiten» weltoffen und handfest auslegt. So wird unter ihr die Klosteranlage saniert, wurde der klostereigene Bauernhof ökologischer ausgerichtet und die Bäuerinnenschule geschlossen, weil sie defizitär war. «Mein Vorbild ist Hildegard von Bingen», sagt die Priorin. «Eine selbstbewusste und zugleich zutiefst gläubige Frau.»

Reichen schöne Worte?

Als Priorin Irene ihren Schwestern genauer erklärte, worum es bei «Kirche mit den Frauen» geht, waren deren Bedenken schnell zerstreut. Denn ein wichtiger Bestandteil dieser Bewegung ist ein «Stern» – ein * nach dem «mit»: Kirche mit* den Frauen. Der Stern hat zweifache Bedeutung. Er deutet an, dass es nicht nur um eine Emanzipation der Frauen, sondern eine grundsätzliche Gleichberechtigung geht. «Man kann sich also zum Beispiel auch Kirche mit den Armen denken», sagt Irene Gassmann. Der Stern erscheint aber auch als Asteriskus in den Psalmentexten, die die Nonnen jeden Tag in ihren Stundengebeten singen. Dort wird kurz innegehalten, um Atem zu holen und eigene Gedanken einzuweben.

Doch wie sollen die schönen Worte und Gedanken eine seit Jahrhunderten in ihren Strukturen verharrende Institution bewegen? Gerade die Offenheit des Ansatzes ist für die Priorin das, was Erfolg verspricht. «Wir geben nicht die Agenda und auch nicht das Tempo vor. Nur das Ziel.» Und dieses Ziel sei eben nicht schnurstracks hin zum Frauenpriestertum, sondern zu einer Kirche des Dialogs. «Wir gehen nicht auf Konfrontation mit den Männern der Kirche, wir wollen mit ihnen den Weg gehen.»

Ihre Mitschwestern konnte die Priorin auf alle Fälle für die Idee einnehmen. Sie werden die Kundgebung am ersten Tag sogar in gewisser Weise anführen, indem sie beim Einzug in die St. Galler Klosterkirche ein Altartuch vorantragen werden. Es wurde von einer Nonne aus Eschenbach für diesen Anlass aus einem 150-jährigen Leinenstoff gefertigt, bestickt und mit unzähligen kleinen Taschen versehen, in die die Gläubigen Fürbitten stecken können. Das Tuch wird dann nach Rom getragen.

Churer Bischof mit Vorbehalten

Das 1130 gegründete Kloster Fahr ist seit seinen Anfängen formal dem Kloster Einsiedeln unterstellt. Was sagt denn der Abt dazu, dass «seine» Nonnen an einer Kundgebung für Frauenrechte teilnehmen. «Ich habe Abt Urban eingeladen teilzunehmen», sagt Priorin Irene Gassmann und lächelt. «Er hat zugesagt. Er wird am 2. Juli nach Rom kommen.» Auch andere hohe Geistliche unterstützen die Bewegung, darunter die Bischöfe von Basel und St. Gallen. Der Basler Bischof Felix Gmür gibt zwar zu, dass er zunächst Bedenken hatte, sich für dieses Anliegen einzusetzen. Aber er habe sich gefragt, wie denn eine Kirche ohne Frauen aussehen würde: «Das wäre ein Irrsinn.» Er störte sich daran, dass bei der vom Vatikan im letzten Oktober durchgeführten Familiensynode keine einzige stimmberechtigte Teilnehmerin dabei war.

Giuseppe Gracia, Sprecher des Bischofs von Chur, teilt auf Anfrage mit, dass man mehr Dialog und gemeinsames Engagement selbstverständlich begrüsse. «Wenn das Ziel aber eines Tages das Frauenpriestertum sein sollte, stehen wir bei Papst Franziskus.» Gracia zitiert aus dem ersten Apostolischen Schreiben Evangelii Gaudium, welches Papst Franziskus am 24. November 2013 verkündete: «Das den Männern vorbehaltene Priestertum (…) ist eine Frage, die nicht zur Diskussion steht, kann aber Anlass zu besonderen Konflikten geben, wenn die sakramentale Vollmacht zu sehr mit der Macht verwechselt wird.»

Die Bewegung hat im Moment Rückenwind. «Sie zieht Kreise», sagt Irene Gassmann. So gibt es mittlerweile auch Pilgergruppen in Österreich und im Südtirol, die sich mit demselben Anliegen nach Rom aufmachen wollen. Dort, so hofft die Fahrer Klosterfrau, soll der Rückenwind aber nicht abflauen. «Er darf durchaus in ein heftiges Sommergewitter umschlagen.» Denn wenn dieses vorübergezogen sei, werde die Luft und die Sicht viel klarer. «Dafür bete ich.»

Informationen unter www.kirche-mit.ch (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.04.2016, 23:04 Uhr

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