Profitieren vom Zürcher Tram-Chaos

Viele Trams verkehren derzeit wegen der Bellevue-Baustelle auf ungewohnten Routen. Klingt nach Ärger, ist aber eine Chance. Neun Vorschläge, wie man das Beste daraus macht.

Über das Menüsymbol oben links können Sie einzelne Tramlinien ein- und ausblenden. Die dicken Linien markieren die gegenwärtige Streckenführung, die dünnen Linien die Normalstrecke.


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Der ewige Zwang zum positiven Denken kann auf die Nerven gehen. Wenn der Musiker Manuel Stahlberger «Jede Scheiss isch e Chance» singt, entlarvt er diese Haltung als das, was sie oft ist: zynisch und hohl. Aber manchmal hat sie eben doch was: zum Beispiel im Fall des grossen Tram-Durcheinanders, das seit Montag in der Stadt Zürich herrscht, weil am Bellevue gebaut wird (siehe Karte oben).

Dieser aktuellste Verdruss des Zürcher Sommers 2015 ist tatsächlich eine Chance. Weil sieben Tramlinien bis zum 14. August plötzlich auf ganz anderen Strecken verkehren als gewöhnlich, bietet sich den Zürchern die Gelegenheit, eingefahrene Verhaltensmuster zu durchbrechen. Tagesanzeiger.ch/Newsnet macht im Folgenden ein paar Vorschläge, wer davon profitieren könnte.

  • Linie 2: Die Leute aus Altstetten können einmal anders shoppen gehen als sonst. Ihr Konsumtempel vor der Haustür ist eigentlich der Letzipark. Jetzt aber bekommen sie einen Monat lang direkten Anschluss an Zürichs neustes und modernstes Einkaufszentrum: die Sihlcity am anderen Ende der Stadt.
  • Linie 2, Linie 4: Die Bewohner des Seefeldquartiers dürfen darauf hoffen, am Seeufer diesen Sommer ein wenig mehr unter sich zu sein als sonst. Immerhin fallen mit den Tramlinien 2 und 4 beide Direktverbindungen aus, die das badewütige Volk aus den linken Stadtkreisen von Aussersihl und Umgebung sonst jeweils an die Gestade der Privilegierten fahren.
  • Linie 5: Diese Linie fällt bis Mitte August ganz aus – für die Studenten aus dem Quartier Enge womöglich ein Wink des Schicksals. Sie verlieren damit während der ersten beiden Wochen des neuen Semesters ihre Direktverbindung zur Uni und zur ETH. Da ohnehin noch keine Vorlesungen anstehen, scheint es angezeigt, nur bis zur Rentenanstalt zu fahren und sich dort auf einer der beliebtesten Badewiesen der Stadt niederzulassen, statt sich zu Fuss in der Hitze über die Quaibrücke zu quälen. Alternativ könnte man auch die aussergewöhnliche Linienführung des 2er-Tams nutzen, um an ein Fussballspiel im Letzigrund zu fahren. (Für die beiden Zürcher Fussballclubs ganz nebenbei eine Chance, ein neues Publikum zu gewinnen.)
  • Linie 6: Für die vielen Familien, die sich in Wiedikon niedergelassen haben, ist die neue Linie des 6er-Trams ein Traum. Einen ganzen Monat lang haben sie direkten Anschluss an den Zoo – ein Privileg, das sonst den wohlhabenderen Nachbarn aus dem Enge-Quartier vorbehalten ist. Für einmal muss man mit den Kindern im Schlepptau nicht erst dann zusteigen, wenn das Tram sowieso schon längst überfüllt ist. Und wer weiss, vielleicht ist sogar das besonders begehrte Bänkli ganz hinten noch frei?
  • Linie 8: Die bewegten Linken aus dem Chreis Cheib verlieren die Direktverbindung zum Paradeplatz. Das ist eine Chance für jene Banker, die sich seit der Finanzkrise unter Beobachtung fühlen und sich daher in Zurückhaltung üben. Einen Monat lang können sie nun wieder ganz sie selbst sein, als wären sie zurück in den Yuppiejahren der Achtziger. Umgekehrt dürfte sich der Verlust für die Alternativen in Grenzen halten, waren doch Demonstrationen im Zentrum der Finanzwelt seit dem Abflauen der Occupy-Bewegung kaum mehr ein Thema. Zudem bekommen sie im Abtausch eine Direktverbindung zur Baustelle des Fifa-Museums beim Bahnhof Enge – für eine kleine Kundgebung ein mindestens so lohnendes Ausflugsziel.
  • Linie 9: Die neue Streckenführung ist zunächst einmal eine Chance für die Schwamendinger, die etwas versteckt hinter dem Zürichberg leben. Sie bekommen einen direkten Anschluss an die Dolderbahn. Das heisst: Picknickkorb packen und einen Monat lang testen, wie es sich auf der Sonnenseite des Berges lebt. Umgekehrt sollten die Bewohner des Seefelds die Gelegenheit nutzen, um Schwamendingen zu erkunden. Sie werden überrascht feststellen, dass es sich auch hinter dem Berg ganz gut lebt. Zum Beispiel bei einem Znacht im lauschigen Garten des Restaurants Ziegelhütte.
  • Linie 9: Für Studentinnen und Studenten muss das der perfekte Sommer sein – zumindest wenn sie ihr Pflichtbewusstsein erfolgreich unterdrücken können. Statt bis am Abend in der Bibliothek zu büffeln, können sie mit dem Tram schon am Nachmittag direkt zur Blatterwiese am Seeufer fahren.
  • Linie 15: Ein Wink mit dem Zaunpfahl für die verwöhnten Bewohner von Hottingen. Statt mit dem Tram am Limmatquai und der Altstadt vorbeizufahren, müssen sie aussteigen – und können so diesen malerische Ecke von Zürich wieder einmal zu Fuss erkunden.
  • Sonderbus E: Das ist ein Ersatzbus, der während der Umleitungen zwischen Bellevue und Bürkliplatz verkehrt – und der sich zu einer Touristenattraktion entwickeln könnte. Bequemer lassen sich die Sehenswürdigkeiten der Innenstadt kaum besichtigten. (Ausser vielleicht mit dem Limmatschiff, aber das wird bei der derzeit vorherrschenden Bruthitze schnell zum Horrorboot.)

Haben Sie weitere Vorschläge, wie sich die Tramumleitungen gewinnbringend nutzen lassen? Dann teilen Sie Ihre Idee mit der Kommentarfunktion. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 13.07.2015, 15:11 Uhr)

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