Zürich

Ärzte stellten Assistenten an,um den Zulassungsstopp zu umgehen

Von Susanne Anderegg. Aktualisiert am 14.06.2011 12 Kommentare

Ende Jahr soll der Praxisstopp auslaufen. Jetzt zeigt sich: Trotz der Barriere stieg die Zahl der selbstständigen Ärzte ungebrochen an. Dazu kamen über 1200 Mediziner, die neu angestellt wurden.

Der Hausarzt und seine Assistenzärztin: Josef Widler und Bettina Braun vom Ärztehaus Zürich-West.

Der Hausarzt und seine Assistenzärztin: Josef Widler und Bettina Braun vom Ärztehaus Zürich-West.
Bild: Doris Fanconi

Die Zahl der Ärzte stieg trotz Zulassungsstopp. (Bild: TA-Grafik kmh, mrue / Quelle: Schweizer Krankenversicherer)

(Bild: TA-Grafik kmh, mrue / Quelle: Schweizer Krankenversicherer)

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Das Ziel war, die unbegrenzte Zuwanderung von Ärzten aus EU-Ländern zu verhindern. Die Schweizer Gesundheitspolitiker befürchteten, der freie Personenverkehr würde eine Ärzteschwemme bringen und die Kosten der Grundversicherung in unbezahlbare Höhen treiben. Deshalb beschloss das Bundesparlament, die Zahl der Arztpraxen einzufrieren. Der Zulassungsstopp trat Mitte 2002 in Kraft und wurde mehrmals verlängert. Sowohl die Ärzteschaft als auch die Krankenkassen lehnten die Massnahme von Beginn weg ab; unter anderem, weil sie die jungen Mediziner benachteilige.

Heute lässt sich folgendes Fazit ziehen: Die Zahl der Praxisärzte, die über die Grundversicherung abrechnen dürfen, ist weiter gestiegen (siehe Grafik). Und zwar ungefähr im gleichen Rahmen wie vor dem Zulassungsstopp. Anfänglich gab es sogar einen Sprung nach oben, weil sich viele Spitalärzte vor dem Stichtag noch schnell eine Bewilligung beim Kanton und eine Abrechnungsnummer beim Krankenkassenverband Santésuisse holten.Doch damit nicht genug. Nicht nur hat die Zahl der selbstständigen Ärzte um über 10 Prozent zugenommen. Viele Praxisärzte bauten ihre Kapazität aus, indem sie einfach Assistenten anstellten – eine legale Art, den Zulassungsstopp zu umgehen. Ende März 2011 zählte Santésuisse 1215 angestellte Ärztinnen und Ärzte. Ende 2010 waren es bereits 1103. Die Entwicklung war zu erwarten. Schon 2002 wies der damalige Zürcher Ärztepräsident Walter Grete auf dieses «Ventil für Jungärzte» hin: Sie könnten sich als Assistenten in einer bestehenden Praxis anstellen lassen. Was dann auch viele machten.

Kosten nicht proportional

Gemäss den Erfahrungen der Ärztegesellschaft Zürich (AGZ) haben die Hausärzte am meisten Assistenzstellen geschaffen, weil die Nachfrage in der Grundversorgung wuchs. Barbara Zinggeler von der AGZ sagt: «Ältere Ärzte, die lange allein tätig waren, stellen im Hinblick auf die Pensionierung, aber auch wegen der grossen Arbeitsbelastung einen jungen Kollegen an.» Oft ergebe sich daraus eine Praxisübergabe.

Dieser rollende Prozess sei für alle Beteiligten positiv. Eine zweite Variante – Zinggeler nennt sie «Modell der Zukunft» – sei, dass sich junge Ärztinnen und Ärzte von Anfang an zusammenschliessen und eine Gemeinschaftspraxis eröffnen. Sie arbeiten alle auf eigene Rechnung, aber grösstenteils nur Teilzeit. «Mehr Ärzte heisst also nicht eins zu eins mehr Kosten», sagt Zinggeler.Einer, der voll auf Assistenten setzt, ist Josef Widler, CVP-Gemeinderat und Hausarzt in Zürich. Er und sein Kollege Hans-Ulrich Bürke bauten ihre Zweierpraxis zum Ärztehaus Zürich-West aus. Weil dieses täglich von 7 bis 22 Uhr geöffnet ist, stellte Widler gleich vier zusätzliche Ärzte an. Die zwei Frauen und zwei Männer erhalten einen fixen Lohn und müssen auch in Randzeiten Dienst leisten. «Für mich hatte der Zulassungsstopp keine Auswirkungen», sagt Josef Widler. Aktuell arbeiten im Kanton Zürich gemäss Santésuisse 163 Ärzte und Ärztinnen als Angestellte von Praxisärzten. Am meisten Assistenten gibt es bei den Radiologen, mit 30 sind es sogar mehr als bei den Allgemeinmedizinern (26). Das deckt sich mit der beobachtbaren Entwicklung: In den letzten Jahren sind einige neue Privatpraxen entstanden, die über Computertomografen und MRI verfügen. Und weil die Nachfrage nach Schnittbildern rasant steigt, stellen die Radiologen eben Assistenzärzte an. Relativ viele Assistenten gibt es auch bei den Fachärzten für Innere Medizin (22), den Augenärzten (18) und den Anästhesisten (16).

Netzwerke als Alternative

«Der Zulassungsstopp zeigte keine Wirkung», findet denn auch Santésuisse-Direktor Stefan Kaufmann. Ein Grund dafür sei die je nach Kanton unterschiedlich rigide Umsetzung. Die Zürcher Bewilligungspraxis wird von Ständerat Felix Gutzwiller (FDP) als «wenig streng» beurteilt. Hier ist zum Beispiel erlaubt, dass ein in den Ruhestand tretender Arzt seine Praxis an zwei Nachfolger übergibt, und jeder selbstständige Arzt darf Assistenten bis zu 200 Stellenprozenten anstellen.

Gutzwiller ist Mitglied der ständerätlichen Gesundheitskommission, die sich kürzlich klar gegen eine nochmalige Verlängerung des Stopps ausgesprochen hat. Er ist zuversichtlich, dass beide Parlamentskammern der Empfehlung folgen werden und die Massnahme Ende Jahr auslaufen wird. Statt die Zahl der Ärzte zu beschränken, sollen neu Netzwerke gefördert werden, was nicht nur Kosten spart, sondern auch dem Bedürfnis junger Ärztinnen und Ärzte nach Teilzeitarbeit entgegenkommt. Die entsprechende Gesetzesvorlage (Managed Care) ist in der parlamentarischen Beratung und kann, wenns gut läuft, 2013 umgesetzt werden.

Ehrenrettung für Ärztestopp

Mittelfristig soll dann, so Gutzwiller, auch der Vertragszwang fallen. Das heisst, die Krankenkassen müssten nicht mehr jeden Arzt zur Abrechnung über die Grundversicherung zulassen, sondern könnten selber entscheiden, mit wem sie Verträge abschliessen wollen. So könnten sie die Zahl der Ärzte wirkungsvoller beschränken als heute mit dem Zulassungsstopp. Dagegen wehrt sich allerdings die politische Linke. Laut Gutzwiller hat kein Nachbarland der Schweiz einen Vertragszwang.

Dem Zulassungsstopp wird kaum jemand nachtrauern. Dennoch hatte er auch positive Aspekte. Ohne die Massnahme wären möglicherweise viel mehr Ärzte aus dem EU-Raum in den lukrativen Schweizer Gesundheitsmarkt zugewandert. Diejenigen, die nun effektiv kamen, haben oft bestehende Praxen übernommen, für die kein geeigneter Schweizer Nachfolger gefunden wurde – zum Beispiel abgelegene Hausarztpraxen. Der Anteil der EU-Ärzte an den neu zugelassenen Ärzten lag in den vergangenen vier Jahren um die 35 Prozent, wie die Statistik von Santésuisse zeigt.Eine zweite erwünschte Entwicklung ist, dass die Hausärzte angefangen haben Terrain gutzumachen gegenüber den Spezialisten. Um die Hausarztmedizin zu stärken, hat der Kanton Zürich nämlich den Praxisstopp für Grundversorger Mitte 2009 aufgehoben, 2010 folgte der Rest der Schweiz.

Den Hausärzten weiterhelfen

Ärztinnen und Ärzte mit Facharzttitel Allgemeinmedizin, Innere Medizin, Kinder- und Jugendmedizin, Kinder- und Jugendpsychiatrie sowie praktische Ärztinnen und Ärzte dürfen wieder neue Praxen eröffnen, ob allein oder zusammen mit andern. Umgehend hat sich der Anteil dieser Grundversorger an der Zahl der Zulassungen erhöht, im Kanton Zürich von 45 Prozent (2009) auf 55 Prozent, landesweit von 40 auf 50 Prozent. Damit dieser positive Effekt auch nach dem Auslaufen des Zulassungsstopps anhält, müssen sich die Gesundheitspolitiker noch etwas einfallen lassen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.06.2011, 22:27 Uhr

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12 Kommentare

lucius mayer

14.06.2011, 07:50 Uhr
Melden 14 Empfehlung

Starke Bevölkerungenzunahmen, von den Eidgnössinnen und Eidgenossen an der Urne abgesegnet, strapazieren alle Infrastrukturen samt Gesundheitswesen und vermindern die Lebensqualität. Vielleicht wird vor den nächsten Abstimmungen ein Umdenken stattfinden. Die «unabhängige» Eidgenossenschaft war im Mittelalter bereits übervölkert, konnte sich schon damals nicht mehr von den eigenen Böden ernähren. Antworten


Tobias Lienhard

14.06.2011, 12:46 Uhr
Melden 6 Empfehlung

die Prinzipien des Naturismus politisch und medial fördern und in einigen Jahren kann die Menschheit gesunden. Das Wuchern des Krankheitswesen, wie es eigentlich heissen sollte, ist zur Krankheit selber geworden. Die Ärzte sind ja gar selber ihre besten Kunden. Da schon zu viele davon leben, wird das ein schwierig, das Wachsen dieses Geschwürs zu stoppen. Es bringt keine eigentliche Produktivität. Antworten



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