Winterthurs Stadtpräsident unter Sexismus-Verdacht

Michael Künzle, der Winterthurer Stadtpräsident, schenkt einer Gemeinderätin einen «Ken». Warum nicht gleich eine Sexpuppe?, fragt die Linke. Künzle will sich nicht entschuldigen.

Unter Beschuss: Der Winterthurer Stadtpräsident Michael Künzle, hier anlässlich der Medienkonferenz zur Abstimmung über Werk 1 auf dem Sulzer-Areal im März 2015.

Unter Beschuss: Der Winterthurer Stadtpräsident Michael Künzle, hier anlässlich der Medienkonferenz zur Abstimmung über Werk 1 auf dem Sulzer-Areal im März 2015. Bild: Heinz Diener

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Mit seinem Geschenk an die abtretende Parlamentspräsidentin Chantal Leupi (SVP) hat sich der Winterthurer Stadtpräsident Michael Künzle (CVP) keinen Gefallen getan: Künzle – gross und füllig, im Militär zuletzt Major, verheiratet und Vater von vier Kindern – hat der Frau – single, blond und mit einer Vorliebe für Pink – zum Abschied einen «Ken» überreicht. Jene Puppe also, die einzig erschaffen wurde, damit die bekannteste Plastikfigur der Welt, Barbie, nicht alleine durchs Leben gehen muss.

Dass die in der Ratssitzung vom vergangenen Montag anwesenden Medien diese «Entgleisung» nicht aufgenommen hätten, habe ihn überrascht, sagt der Winterthurer SP-Gemeinderat Fredy Künzler. Er hat die Diskussion deshalb auf Facebook gleich selber mit einem Beitrag eröffnet.

Es sei ein hochgradiger Affront, der sich für einen Stadtpräsidenten einfach nicht gehöre, schreibt Künzler. «Man stelle sich vor, die scheidende Gemeinderatspräsidentin wäre männlich und single und bekäme vom Stadtpräsidenten eine Barbie geschenkt. Eben.» «Eigentlich waren wir ja alle erstaunt, dass da keine Gummipuppe überreicht wurde», doppelt der grüne Ratskollege Christian Griesser nach.

«Einfach nur peinlich», «erniedrigend», «sexistisch» sei das Gebaren des Stadtpräsidenten, finden weitere Politiker aus dem links-grünen Spektrum. «Winti hät kei anderi Sorge ... nei, nei», kontern die Rechten eher halbherzig.

Der perfekte Mann

Chantal Leupi selbst nimmts mit Humor. Und veröffentlicht ein Foto von sich mit ihrem Ken, was den «Landboten» dann doch noch zu einem Artikel bewegt hat. «In einer Beziehung mit Ken», beschreibt Leupi ihren Status. «Ich habe nun endlich den perfekten Mann an meiner Seite. Motzt nicht, ‹harte› Muskeln von Kopf bis Fuss, kein Schwabbelbauch und sieht gut aus. Was will frau mehr?» Die kleine Puppe schlage grosse Wellen und lasse diverse Menschen die Fassung verlieren, kommentiert sie die Diskussion: «Frust oder Wahlkampf? Oder einfach humorlos?»

«Humor ist, wenn Frau trotzdem lacht ...» kommentiert der Co-Präsident der Grünen Winterthur, Reto Diener, die Reaktion seiner SVP-Ratskollegin. Natürlich sage Leupi nicht, dass sie die Sache beschäftigt habe, meint auch Fredy Künzler. «Sie weiss ja, was ihre Wählerschaft von solchen Debatten hält.»

Schützenhilfe von Mattea Meyer

Die Diskussion wirft für Künzler aber noch nicht genug hohe Wellen. Er ruft seine SP-Kolleginnen im Nationalrat persönlich zur Stellungnahme auf:

Mattea Meyer reagiert prompt: «Ich war nicht dabei – aber verstehe ich richtig, das Abschiedsgeschenk für das Präsidialjahr war eine Ken-Puppe?? Merci für deinen Post!»

«Homophobe Person im Rat»

Künzle fehle im Gegensatz zu Künzler halt einfach ein R, stichelt Künzler weiter. Er meint jenes für «Respekt». Künzle sei damit aber nicht allein, urteilt er. Und lüftet ein Geheimnis, das er als Stimmenzähler im Gemeinderat eigentlich nicht dürfte: Als solcher habe er auch die Stimmen gesehen, die für die nicht vorgeschlagenen Kandidaten eingegangen seien. «Es hat mich erschüttert, dass im Winterthurer Parlament offensichtlich eine homophobe Person sitzt», die bei der Wahl der ersten Vizepräsidentin den Namen «Rolf Steiner» notierte – anstatt «Annetta Steiner», die grünliberale Gemeinderätin lebt mit einer Frau zusammen. «Natürlich war die Stimme ungültig. Das Statement ist aber eindeutig», sagt Künzler.

Diese Schlussfolgerung geht Künzlers Stimmenzähler-Kollege und FDP-Fraktions-Vizepräsident Christoph Sven Magnusson zu weit: «Es war ja möglicherweise auch der tatsächlich existierende SP-Kantonsrat Rolf Steiner gemeint, der erst vor einer Woche als Präsident des Kantonsrates abgetreten ist», sagt er. Und auch er verrät Interna: Dass auf einem Stimmzettel «Miss Piggy» geschrieben stand. Miss Piggy, die Freundin von Kermit dem Frosch, ist blond und hat als Schwein ebenfalls eine Vorliebe für Pink. «Auch hier könnte man viel interpretieren, was aber zu weit geht; genauso wie ein falscher Vorname gleich als homophob und ein Barbie-Ken als erniedrigend empfunden werden.»

«Die Linke will Künzle um jeden Preis schwächen»

Machmal würde auch für Mickey-Maus gestimmt, sagt Magnusson. Das sei eine Form von stillem Protest: «Lieber eine Fantasiefigur als dieser Politiker.» Wer die gute Beziehung zwischen Künzle und Leupi kenne, wisse, wie das Ken-Geschenk gemeint gewesen sei. «Als Mann ist man ja heute in der schwierigen Lage, dass man keiner Frau mehr ein Kompliment mehr machen könne, ohne gleich als Sexist beschimpft zu werden.»

Magnusson vermute hinter dem Aufruhr in der links-grünen Ratsseite vor allem Wahlkampf. Die SP, momentan in der Oppositionsrolle, wolle im Hintergrund ihre Kandidatin Yvonne Beutler fürs Stadtpräsidium in Stellung bringen. «Ihnen ist deshalb jedes Mittel recht, Zweifel an der Kompetenz des Präsidenten zu sähen, ihn schwach aussehen zu lassen.»

Dass die Linke Wahlkampf mache, bestreitet Künzler nicht. «Aber ich hätte nicht anders gehandelt, wenn die Wahlen schon vorbei gewesen wären. Mike Künzle sollte sich entschuldigen. So etwas gehöre sich einfach nicht, unabhängig von der Partei. Künzler erinnert an den Sexismus-Skandal um den ehemaligen Berner SP-Stadtpräsidenten Alexander Tschäppät.

«Wir verstehen uns blendend»

Stadtpräsident Künzle sieht keinen Grund, sich bei Leupi zu entschuldigen: «Sie hat sich bei mir bedankt für das Geschenk. Sie hat Humor. Wir verstehen uns blendend.»

Leupi habe von ihm ein weiteres, ernsthaftes, schönes Geschenk zu Winterthur erhalten.«Thema ist jetzt leider nur noch Ken.» Dieser sei ein humorvolles Geschenk gewesen – begleitet von einer Rede. Ausgesucht von ihm persönlich und nicht mit dem Stadtrat abgesprochen. Sie beide hätten sehr viele Veranstaltungen in diesem Jahr gemeinsam besucht, und so habe er mehr über ihre Person erfahren. «Sie konnte das Geschenk ja auch richtig einordnen», so Künzle. «Ich bedaure, wenn da mehr hineininterpretiert wird. »

Verstehen sich blendend: Leupi und Künzle am Abendprogramm des Gemeinderatsanlasses. (Bild: facebook) (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.05.2017, 16:17 Uhr

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