Vom Köppel-Fan zum Flüchtlingsfreund

Christoph Burgherr war Unternehmer und strammer Konservativer. Dann ging er zu einem Infoabend. Seither leitet er eine Laufgruppe von Flüchtlingen.

«Das hat mich enorm betroffen gemacht», sagt Christoph Burgherr über die Geschichten seiner Läufer. Foto: Reto Oeschger

«Das hat mich enorm betroffen gemacht», sagt Christoph Burgherr über die Geschichten seiner Läufer. Foto: Reto Oeschger

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Rennen heisst vergessen. Wenn Heyleab sonntags weit ausschreitend über den weichen Waldboden auf dem Käferberg trabt, er nur seine scharfen Atemzüge hört und das Knacken der Zweige unter den Füssen, dann ist es vielleicht der einzige Moment in der Woche, in dem er an nichts denken muss. Nicht an seinen ausbleibenden Asylentscheid. Nicht an seine ungewisse Zukunft.

Noch vor eineinhalb Jahren hätte Christoph Burgherr beim Anblick des 20-jährigen Eritreers Heyleab die Augen verdreht. Und gedacht: wieder einer dieser Schmarotzer, die unser Land überfluten, den Sozialstaat ausnutzen. Heute jedoch rennt er an Heyleabs Seite. Er kaufte ihm professionelle Laufschuhe, Jogginghosen, atmungsaktive Shirts, eine Fleecejacke. Genauso wie den anderen Flüchtlingen vom Lauftreff am Käferberg. Und Christoph Burgherr sammelt Geld, damit möglichst viele ­Angebote für weitere Flüchtlinge organisiert werden.

Was muss mit einem Menschen passieren, dass sich seine Haltung so grundlegend ändert? Nicht besonders viel, zeigt sich, als uns Christoph Burgherr, 43-jährig, in der städtischen Garderobe am Käferberg seine Geschichte erzählt. Es ist das letzte Training des Lauftreffs vor dem Silvesterlauf – der Höhepunkt, auf den Burgherr und 16 Läuferinnen und Läufer seiner Laufgruppe seit Monaten hin trainieren.

Früher waren ­Flüchtlinge für Sie einfach nur «dieses Pack». Weshalb?
Die Parolen der Volkspartei waren der Soundtrack meiner Kindheit. Ich wuchs in einem kleinen Dorf im tiefsten Aargau auf, in dem quasi jeder SVP wählte. Allen gibt man eine Lederjacke, hiess es, die wollen doch nur von uns profitieren. Viele in meinem Umfeld fluchten über die Asylanten. Als Kind habe ich das aufgesaugt, fand es normal.

Und als Sie älter wurden?
Ich entwickelte mich selber zum Hard­liner in meinem Freundeskreis. Ich war Blocher-Fan, sagte meinen Kollegen: Dem müsst ihr zuhören, der beschützt unser Land.

Sie haben diese Parolen nie ­hinterfragt?
(überlegt) Nein. Damals stimmten diese Ansichten für mich einfach. Man sagt ja: Wenn man etwas 1000-mal hört, glaubt man es. Ich bin aber überzeugt, dass ich das Gute – wenn man das so sagen kann – schon damals in mir hatte. Es war nur zugedeckt.

Die ersten jungen Männer treten in die Garderobe – viele mit Lederjacke. Es gibt Handschläge mit Umarmung. «Hast du Kleider?», fragt Christoph Burgherr Ali, den Araber mit den grossen, dunklen Augen. «Ich habe langärmlige Shirts für euch da.» Ali lächelt.

Christoph Burgherrs beruflicher Werdegang ist geprägt von zahlreichen ­Erfolgsgeschichten – und ebenso vielen Brüchen. Denn: Wenn er etwas tut, tut er es richtig. Nach der Maurerlehre heuert er als junger Bursche in einem Restaurant an, bringt es vom kleinen ­Angestellten bis zum Geschäftsführer. Später wird er Flight-Attendant bei der Swissair, auch dort steigt er bald zum Teamleiter auf. Christoph Burgherr liebt neue Länder, neue Kulturen. Weltoffen, aber konservativ. Danach absolviert er die Hotelfachschule, arbeitet in einigen ­Luxushäusern. Kurz nach der Geburt seiner Tochter Elena, die heute acht Jahre alt ist, steigt er in den Grosshandel ein. Er arbeitet sich bis zum Geschäftsführer eines international tätigen Unternehmens hoch, wo er auch bleibt – bis sein Weltbild einstürzt.

Was ist im Sommer 2015 mit Ihnen geschehen?
All die Medienberichte über die Menschen, die in Gummibooten übers Mittelmeer kommen. Die schrecklichen Schicksale. Dann dieser tote Bub am Strand. Ich begann, meine Haltung zu hinterfragen.

«All die schrecklichen Schicksale. Und dann der tote Bub am Strand. Ich begann, meine Haltung zu hinterfragen.»

Was brachte das Fass zum Überlaufen?
Ironischerweise die Rhetorik von Roger Köppel, den ich früher so gut fand (lacht). Er sprach eines Sonntagabends im «Sonntalk» von TeleZüri extrem hart über die Menschen auf der Flucht. Sie seien eine Gefahr, und es seien die Falschen, die kommen würden. Da merkte ich, dass ich diese Ansichten nicht mehr teilte.

Bei der Garderobe am Käferberg sind inzwischen so viele Flüchtlinge da wie schon lange nicht mehr. Dünne Beine in engen Hosen bewegen sich nervös, um nicht zu frieren. Knappe Mützen sitzen auf dichten Locken. «Die ist viel zu klein», sagt Johannes aus Eritrea, als er sie über den Kopf ziehen will und lacht. Christoph Burgherr verteilt atmungs­aktive Langarmshirts, die er für die Truppe gekauft hat. Tesfu sagt: «In Eritrea ist es jetzt 30 Grad.»

«Hilfe für Flüchtlinge», googelt Christoph Burgherr direkt nach der Fernsehsendung mit Köppel. Und fährt kurze Zeit darauf zu einem Informationsanlass der Organisation Solinetz. Mit seinem schweren Offroader und einem komischen Gefühl im Bauch. Als jemand gesucht wird, der eine Trainingsgruppe für Flüchtlinge für den Silvesterlauf gründet, denkt er: Das ist meine Chance. Seine Hand schnellt in die Luft.

Die Tortur auf dem Weg

Richtig am Herzen gepackt, wie Christoph Burgherr es nennt, hat es ihn zum ersten Mal, als ihm der Somalier Mohammed seine Geschichte erzählte. Davon, wie sein bester Freund auf der Flucht in der Wüste verdurstet, wie er in Libyen gefoltert wird, mit Hunderten anderen auf einem Gummiboot über das Mittelmeer fährt. «Das hat mich plötzlich enorm betroffen gemacht.»

Christoph Burgherr tut es auch jetzt richtig, wenn er etwas tut: Er zieht das Laufprojekt nach dem ersten Silvesterlauf weiter. Bald darauf kündigt er seinen Job und zieht das Hilfswerk Solidarus auf. Dort bietet er in Zusammenarbeit mit einer Kirche Deutschkurse an, Fussballtraining, den Lauftreff – mehr soll folgen.

Sie haben Ihr Leben total ­umgekrempelt.
Ich habe in dieser Arbeit schlicht meine Berufung gefunden. Nach Jahren in der Geschäftsleitung war ich es auch leid, nur an Umsatz, Margen und Personalkosten zu denken. Die Arbeit mit den Flüchtlingen gibt mir viel mehr.

Leben Sie von Ihrem ­Hilfswerk?
Nein.

Aber es ist Ihr Hauptjob.
Ja. (lacht)

Wie machen Sie das?
Ich habe das Glück, dass ich vorher gut verdient habe. Das Ziel ist es schon, dass ich mich irgendwann 50 oder 60 Prozent selber anstellen kann. Aber jetzt lebt das Projekt noch ausschliesslich von Freiwilligenarbeit.

Weisse Dampfwölkchen vor 20 Mündern, die jetzt zum Vitaparcours auf dem ­Käferberg rennen. Eine Runde, 1 Kilometer. Heyleab führt die Gruppe schon bald an. Die anderen traben gemütlich hinterher. «Wir müssen Kräfte sparen», sagt Karma, ein Tibeter. «Sonst sind wir am Silvesterlauf zu schnell müde.» Viele haben erst in der Schweiz mit dem Joggen angefangen – wichtig ist es inzwischen für alle: um den Alltag zu vergessen, die Stunden in der dunklen Asylunterkunft. Und um Freunde zu treffen. «Ob ich Freunde gefunden habe?», wiederholt Karma mit seinem hüpfenden Laufstil ungläubig die Frage. «Ich würde sagen, alle hier sind meine Freunde!»

Nach 7 Kilometern kommt Heyleab als Erster ins Ziel, seine Stirn ist ­beinahe trocken, sein Atem geht ruhig. Christoph Burgherr applaudiert, klopft ihm auf die Schulter. Er ist stolz. «Unser Spitzenläufer!», sagt er. Und Heyleab sagt leise: «Danke.»

Mehr Infos zum Hilfswerk von Christoph Burgherr gibt es unter www.solidarus.ch. Sowohl Geld- und ­ Sach- als auch Zeitspenden sind herzlich willkommen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.12.2016, 23:51 Uhr

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