Sein Leiden begann im Grossraumbüro

Werner Müller ist schwer elektrosmogsensibel. Das Leiden hat ihn zu einem Solokämpfer gemacht.

Wer hypersensibel ist, muss sich sozial einschränken. Foto: Ute Grabowski (Phototek.net)

Wer hypersensibel ist, muss sich sozial einschränken. Foto: Ute Grabowski (Phototek.net)

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Sein Leiden begann im Grossraumbüro. Das war vor 23 Jahren, da war Werner Müller (Name geändert) 49-jährig. Mit den Jahren setzte dem Technischen Kaufmann der Elektrosmog immer mehr zu. Wo er auch wohnte, musste er die Wände mit Kohlefaservlies isolieren.

Vor zwei Jahren, mit 70, kam Müller in ein Stadtzürcher Alterszentrum. Dort bezog er eine kleine Einzimmerwohnung. Schon am ersten Tag hatte er «schockartige Probleme». Sein Blutdruck schnellte hoch, er verspürte Herzrasen, war innerlich unangenehm erregt, hatte Genickstarre und unstillbaren Bewegungsdrang. Nachts machte er kein Auge zu.

«Kurz vor dem Durchdrehen», wie er sagt, hat der Rentner seine Wohnung durch einen Mitarbeiter der Geopathologie Schweiz ausmessen lassen. 445 Mikrowatt pro Quadratmeter habe die Messung ergeben, «bei einem Vorsorgewert für den Schlafbereich von 10 Mikrowatt», sagt Werner Müller und zeigt auf sein Messgerät, das jetzt, nach der Isolierung mit Kohlefaservlies, den Wert 0 anzeigt. Er weiss auch: Für Elektrosensible gilt laut Geopathologie Schweiz für die Funktelefonstrahlung (DECT) ein Richtwert von einem Mikrowatt in der Nacht. Werte, die in Müllers Zimmer – wo immer gemessen wurde – zigfach überschritten wurden. «Kein Wunder», sagt er heute, «habe ich das nicht ausgehalten.»

Problematische Funktelefone

Oberhalb seiner Wohnungstür ist ein Router für die hauseigene Funktelefonanlage angebracht, pro Korridor hat er sechs davon gezählt. «Die laufen immer, wegen der übertriebenen Sicherheit», sagt Müller und fügt hinzu: «Der digitale Wahnsinn.» Tatsächlich sind Haustelefone in städtischen Alterszentren im Interesse der Sicherheit der Seniorinnen und Senioren in den letzten Jahren erheblich aufgerüstet worden. Aus Sicherheitsgründen werden sie nicht abgeschaltet. Der Balkon nützt Müller nichts, gleich gegenüber strahlt eine Handyantenne. Und wenn die Schnurlos-Telefone seiner Nachbarn rechts und links nicht auf der Ladestation stehen, geht es ihm schlecht.

Zwei- und dreilagig klebt das Kohle­faservlies in der kleinen Wohnung mit Bett und Tisch. Der Quadratmeter zu 37 Franken. An der Haustür ebenso wie im Bad. Ein Spezialvorhang schirmt sein Zimmer gegen das Entree ab. Auf den Wänden rechts und links zu den Nachbarn sind die Carbonfasern unter Stoffbahnen versteckt. Die Kosten von nahezu 3000 Franken übernahm Pro Senectute, ein Arztzeugnis bescheinigt Müllers «Überempfindlichkeit gegenüber Elektrosmog» und «aussergewöhnliche Krankheitssymptome» wie hoher Blutdruck, Herzrasen, «nervöse Agitiertheit» und Schlafstörungen.

Wenn sich der hochgewachsene, schlanke Rentner auf seinen Rollator stützt und langsam durch die Korridore geht, grüsst er andere Hausbewohner freundlich, bleibt aber kaum stehen zum Schwatz. «Nach 10 Minuten habe ich eine Genickstarre.» Müller lebt isoliert, kocht selbst, isst allein. Er hat viel gelesen über seine schwere Elektrosmog-Sensibilität: «Ich gehe den Dingen gern auf den Grund.» Doch das lange Leiden hat ihn einsam gemacht – zu einem Solokämpfer wider Willen.

Müller will aufklären

Er sei nicht der Einzige, der sich «von Elektrosmog umzingelt» fühle, habe ihm ein Mitarbeiter der städtischen Alterszentren gesagt. Es streite dort auch niemand ab, dass es Menschen gebe mit dieser Sensibilität. «Sie hoffen einfach, dass es keinen Hype gibt und alle meinen, sie wären Elektrosmog-empfindlich», konstatiert Müller.

Wenn er sieht, wie andere Bewohner stundenlang mit ihren Rollatoren durch die Korridore spazieren und womöglich unter einem Router zum Schwatz stehenbleiben, kann er nicht hinsehen. Müller sorgt sich, er will helfen, will aufklären – nicht predigen. Die meisten im Zentrum würden gar nicht in Erwägung ziehen, dass Kopfweh und Schlaflosigkeit womöglich von einer Elektrosmog-Empfindlichkeit herrühren könnten. Es gebe schon ein paar, die ihre Probleme realisierten, «aber die wollen nichts davon wissen und nehmen lieber Medikamente».

Müllers soziale Kontakte sind durch die Überempfindlichkeit eingeschränkt. In der hauseigenen Cafeteria hält er es keine zehn Minuten aus. Das letzte Hausfest wollte er nicht verpassen und sass zwei Stunden lang dort. Danach war er zwei Tage lang «völlig erschlagen, wie gerädert, Arme und Beine brannten, Genickstarre, völlig blockiert».

Manchmal helfen nur Tabletten

Oft kann Müller «den Dialog in meinem Kopf nicht mehr abschalten». Das jahrzehntelange Leiden hat ihn müde und kraftlos gemacht. Manchmal helfen auch ihm nur noch Tabletten. In solchen Momenten weiss der Rentner nicht mehr, wie es weitergehen soll.

Schon vor zwanzig Jahren hatte ihm sein Neurologe gesagt, dass er es im Alter mit seiner Hypersensibilität schwer haben werde. «Früher in Südfrankreich», erzählt Müller, und sein Blick wird für einen Moment wacher, «da hatte ich wunderbare Träume, hier in der Stadt sind es nur Albträume.» Wenn er am See sitzt, aufs Wasser schaut, dann beruhigt sich sein Körper. «Unsere Zivilisation hat es weit gebracht», sinniert er, «aber zu welchem Preis?»

* Dieser Artikel erschien am 2. Dezember in der gedruckten Ausgabe des «Tages-Anzeigers». (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.12.2016, 11:25 Uhr

Zürcher Alterszentren rüsten digital auf – und versuchen Menschen zu schützen

Zum Elektrosmog gibt es zwar Richtlinien, aber wenig gesicherte Erkenntnisse. Tatsache ist: Immer mehr Menschen reagieren darauf hypersensibel.

Von Carmen Roshard

Um die Sicherheit der Bewohnerinnen und Bewohner zu gewährleisten, wird in den Zürcher Alterszentren seit einiger Zeit digital aufgerüstet. Rosann Wald­vogel, Chefin der städtischen Alterszentren, erklärt: «Es gibt WLAN-Router in den öffentlichen Bereichen wie Restaurants, Cafeterias, Veranstaltungs- und Sitzungsräumen.» In den Appartements werde das WLAN nur auf Wunsch der Bewohnerinnen und Bewohner installiert. Diese Router könnten ausgeschaltet werden.

Anders verhält es sich mit den schnurlosen Haustelefonanlagen. «Die dafür notwendigen Access Points dürfen nicht abgeschaltet werden, um so, insbesondere in der Nacht, die Sicherheit der ­Bewohner wie auch der Mitarbeiter zu gewährleisten.» Man tue aber alles, so Waldvogel, «dass sich die alten Menschen auf ein gesundes Umfeld verlassen können». Doch ab wann wird es denn ungesund? Sicher ist: Ärzte werden immer häufiger mit Beschwerden unbekannter Ursache konfrontiert. Das schreibt die Europäische Akademie für Umweltmedizin in einer im Mai veröffentlichten Studie. Untersuchungen, empirische Beobachtungen und Berichte von Patienten wiesen «eindeutig auf Wechselwirkungen zwischen Beschwerden und der Exposition gegenüber elektromagnetischen Feldern» hin.

Körper als «lebende Antenne»

Das Hauptproblem, so die Autoren: «Neue Funktechnologien und Funk­anwendungen wurden eingeführt, ohne vorher ihre Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit hinreichend abzuklären, was Medizin und Gesellschaft vor neue Herausforderungen stellt.» Im Fokus steht die «immer häufiger auftretende elektromagnetische Hypersensitivität». Häufige Symptome seien Kopfschmerzen, Konzentrationsschwierigkeiten, Schlafstörungen, Depressionen, Energiemangel, Erschöpfung und grippeähnliche Symptome. Die Studie empfiehlt deshalb, die elektromagnetischen Felder wo immer möglich zu reduzieren.

Diese Meinung teilt Petra Moser, Naturärztin beim Institut Geopathologie Schweiz. Dessen Fachkräfte beschäftigen sich seit über 17 Jahren mit Schlafproblemen und Krankheiten, verursacht durch Wasseradern, Erdverwerfungen, Elektrosmog oder durch Störungen im natürlichen Erdmagnetfeld. «In der Wissenschaft ist schon lange bekannt, dass elektromagnetische Strahlen auch weit unterhalb der Grenzwerte gesundheitsschädlich sind», sagt Moser. Der Körper nehme als lebende Antenne alle diese Felder, Impulse, Frequenzen und Signale auf. Niederfrequente und hochfrequente Strahlen induzierten im leitfähigen menschlichen Körper elektrische Wirbelfelder. Beschwerden würden vorab im zentralen Nervensystem und im Hormonhaushalt ausgelöst. «Ein besonderes Risiko besteht für elektrosensible Menschen, für Frauen im Klimakterium, für Kinder sowie Menschen mit Autoimmunerkrankungen, neurologischen Leiden und Tumoren.»

Laut Moser buchen beim Institut Geopathologie jeden Monat hundert Neukunden einen Ausmessungstermin. Bei über 90 Prozent habe sich nach den Abschirmungsmassnahmen der Gesundheitszustand verbessert und sie schliefen wieder gut. Martin Röösli, international bekannter Umweltepidemiologe an der Uni Basel, hegt zwar Zweifel an den Messungen von Geopathologie Schweiz. Doch auch er weiss, dass in der Schweiz fünf bis acht Prozent der Bevölkerung auf elektromagnetische Felder im Alltag in irgendeiner Weise reagieren: «Ein Teil der Leute hat grosse gesundheitliche Probleme.»

Mehr Schutz in Neubauten

Bei der Stadt Zürich ist man sich des Problems bewusst. Das Amt für Hochbauten hat dafür die Planungsrichtlinie «Nicht ionisierende Strahlung» erstellt. Ziele sind ein gesundes Innenraumklima und ein konsequenter Schutz vor Strahlung. Die Richtlinie gilt für alle technischen ­Installationen in stadteigenen Gebäuden. Die Vorgabe definiert, wo entsprechende Installationen angebracht werden dürfen, und dass etwa Schlaf- und Wohnräume möglichst vor elektromagnetischer Strahlung geschützt werden müssen. Zudem werden je nach Nutzungszone unterschiedliche Grenzwerte festgelegt. Die Richtlinie gilt «für alle Neubauten und Umbauten, wo die Verhältnismässigkeit gegeben ist».

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