«Wir leisten uns Fehler, die nicht passieren sollten»

Die Leiterin der Patientenstelle, Erika Ziltener, verzeichnet eine wachsende Zahl von Anfragen – immer mehr auch wegen Ärztefehlern.

Im Operationssaal gibt es viele Fehlerquellen – Checklisten können helfen. Foto: iStock

Im Operationssaal gibt es viele Fehlerquellen – Checklisten können helfen. Foto: iStock

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Heute findet man im Internet fast alles, was man wissen möchte. Braucht es da die Beratung der Patientenstelle noch?
In den 15 Jahren, seit ich die Patientenstelle Zürich leite, ist die Zahl der An­fragen ständig gestiegen. Heute fragen viel mehr Leute nach, ob in ihrem Fall ein Behandlungsfehler vorliegt. Oder sie wollen wissen, ob eine Operation sinnvoll ist, ein bestimmter Arzt oder ein bestimmtes Spital gut ist.

Die Leute wissen also, dass sie Rechte haben und auch wählen können, wem sie sich anvertrauen?
Ja. Sie realisieren, dass man sich eine geplante Operation gut überlegen muss.

Die Patientenstelle wurde 1979 gegründet. Welche Sorgen hatten die Leute damals?
Die Patienten konnten sich nicht ausdrücken und hatten keine Mitsprache. Sie fühlten sich den Ärzten ausgeliefert.

Die berühmten Götter in Weiss, gibt es die heute noch?
Viel weniger, aber es gibt sie noch immer. Oft sind es Einzelkämpfer, die meinen, sie wüssten immer, was richtig ist. Ich kenne zum Beispiel einen Chefarzt, der sagt, er brauche keine Checklisten im Operationssaal, er kenne seine Pa­tienten. Die Hierarchie im Operationssaal ist auch heute noch eine der grossen Fehlerquellen in der Medizin.

Aber es gab doch Verbesserungen, die Teamarbeit ist heute vielerorts eine Selbstverständlichkeit.
Es hat sich schon viel verändert. Trotzdem beschäftigen uns auf der Patientenstelle gewisse Themen seit Jahr und Tag: Spitalinfektionen, Personalmangel in Spitälern und Heimen, Medikations­fehler, Kommunikationsprobleme.

Sie haben darüber ein Buch ­geschrieben: «Die Wucht der ­Diagnose». Warum dieser Titel?
Durch eine Krankheit entsteht für einen Menschen eine gänzlich neue Situation. Eine Diagnose kann das Leben auf den Kopf stellen. Es ergeben sich existen­zielle Fragen: Soll ich mich behandeln lassen? Wie? Bei wem? Und wie weiss ich, ob ich das Richtige mache?

Sollen die Leute mit solchen Fragen an die Patientenstelle gelangen?
Nein, so ist das Buch nicht gemeint. Die erste und meist beste Anlaufstelle für Patientinnen und Patienten ist die Haus­ärztin. Wir empfehlen, zu wichtigen Untersuchungsgesprächen einen Angehörigen mitzunehmen und vorher Fragen zu überlegen. Patienten haben Rechte, die sie einfordern können. Gesetzlich geregelt ist beispielsweise die umfassende Aufklärung vor jeder Behandlung oder Untersuchung. Damit die Patienten wissen, was der Eingriff bedeutet, ob es Alternativen gibt, was die Risiken sind.

Gibt es Fälle in Ihrer Tätigkeit, die Sie besonders bewegten?
Mich berühren immer wieder die alten Menschen, die mit Medikamenten zugedeckt werden. In Pflegeheimen, aber auch von Hausärzten oder in Spitälern.

Warum geschieht das?
Weil sich niemand richtig zuständig fühlt. Wir hatten den Fall einer Patientin, die über zehn Medikamente einnahm, darunter drei verschiedene Antidepressiva. Sie litt unter schlimmen Nebenwirkungen. Der Hausarzt verschrieb ihr einfach alles. Das ärgert mich ge­waltig. Das Buch war für mich ein ­Ventil, um zu zeigen, was passiert. Es ist ein Ratgeber mit Fallbeispielen.

Sie haben langjährige Erfahrung im Gesundheitswesen, auch als Pflegefachfrau und als Politikerin. Wie beurteilen Sie unser System?
Wir haben in der Schweiz ein quali- tativ hochstehendes Gesundheitswesen. Aber wir leisten uns Qualitätsfehler, die nicht passieren sollten – auch im Kanton Zürich. Viele Erkenntnisse der Fachleute liegen seit langem vor, doch sie werden zu oft nicht oder nur unge­nügend umgesetzt. Dass betagten Menschen viel zu viele Medikamente verordnet werden. Oder dass Spitalinfektionen oft vermeidbar wären durch einfache Hygienemassnahmen. Die Stiftung für Patientensicherheit gibt regelmässig Empfehlungen heraus. Aber die werden viel zu wenig befolgt. Immerhin werden jetzt in den Zürcher Spitälern Fehlermeldesysteme verbindlich eingeführt.

Haben Behandlungsfehler ­zugenommen?
Dazu gibt es keine Statistik. Auf der Patientenstelle haben wir aber klar mehr Fälle von Arztfehlern als früher.

Können Sie den Betroffenen zu ihrem Recht verhelfen?
Das ist sehr unterschiedlich. Wir sind erfolgreich, wenn die Fehler offensichtlich sind. Wenn zum Beispiel eine Operation zu spät durchgeführt oder eine Komplikation zu spät behandelt wurde. Oder wenn der Chirurg etwas vergessen hat wie kürzlich in einem uns gemeldeten Fall, wo ein Stück Blasenkatheter im Körper des Patienten liegen blieb.

Und wie enden weniger klare Fälle?
Es gibt bei Fehlbehandlungen einen grossen Graubereich mit unklarer Sachlage. In solchen Fällen gibt es oft einen sogenannten Risikoauskauf: Der Patient bekommt einen Betrag, und man verzichtet auf weitere langwierige Abklärungen. Das ist vor allem bei alten Menschen sinnvoll. Umstrittene Fälle können aber auch in einem Vergleich enden, wobei das Spital oder der Arzt dem betroffenen Patienten einen angemessenen Betrag zahlt. Häufig braucht es allerdings bloss eine Entschuldigung des ­Spitals oder einen runden Tisch, und der Fall ist erledigt.

Was müsste aus Patientensicht in unserem Gesundheitswesen am dringendsten geändert werden?
Wichtig ist, dass sich rasch eine Fehlerverarbeitungskultur einbürgert – nicht nur in den Spitälern. Und wissenschaftliche Erkenntnisse müssen verbindlich umgesetzt werden, inklusive Kontrollen, und wenn nötig mit Sanktionen. Sonst werden wir auf der Patientenstelle noch lange das Gefühl haben, dass wir immer zu spät kommen.

Erika Ziltener, Ruedi Spöndlin: Die Wucht der Diagnose. 176 Seiten, 24 Fr., edition8.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.10.2015, 20:41 Uhr

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