«Wir müssen den Ballast vom Notwendigen unterscheiden»

Zürcher Mittelschulen sollen 18 Millionen Franken sparen. Bildungsdirektorin Silvia Steiner will unter anderem bei den Freifächern den Rotstift ansetzen.

«Grössere Schulklassen sind für mich ein No-go», sagt Silvia Steiner. Foto: Reto Oeschger

«Grössere Schulklassen sind für mich ein No-go», sagt Silvia Steiner. Foto: Reto Oeschger

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Sie treten am Tag der Bildung in der Kantonsschule Enge vor Lehrern und Rektoren auf. Was wird Ihre Hauptbotschaft sein?
Es werden zwei Botschaften sein: ­Erstens müssen wir in allen Bereichen sparen und zweitens kann man intelligent sparen, ohne Abbau der Qualität.

Lehrer und Rektoren sagen, dass dies nicht möglich sei.
Sie kennen die Sparmassnahmen noch nicht. Nur der Regierungsrat kennt meine Vorschläge, wird aber erst im März darüber entscheiden. Nächste Woche möchte ich meine Ideen den Verbänden vorstellen. Weil ich dort unsere Ideen und mögliche Alternativen zuerst diskutieren möchte, kann ich jetzt nicht öffentlich darüber sprechen.

Die Mittelschulrektoren wissen, wie viel sie sparen müssen: 18 Millionen Franken fallen in diesem Jahr weg.
Die fallen nicht weg. Das Budget wird auf dem heutigen Stand eingefroren.

Die Mittelschulen müssen also nicht sparen, sondern dürfen einfach nicht mehr ausgeben als bisher?
Darauf läuft es hinaus.

Ist der Protest ein bisschen­ Jammern auf hohem Niveau?
(Überlegt lange) Ich kann die Sorge der Mittelschullehrer und -rektoren um die Qualität der Bildung nachvollziehen. Und ich schätze es auch sehr, dass sie sich für die Bildung einsetzen. Ich glaube aber auch, dass die Angst zu gross ist. Vielleicht ist auch das Vertrauen in die eigene Kreativität etwas zu klein. Sparen ist auch eine Chance. Man kann Gewohnheiten hinterfragen. Was brauchen wir noch? Hat sich die Welt nicht so verändert, dass wir auf das eine oder andere verzichten könnten?

Wäre es für Sie ein Bildungsabbau, wenn man in den Mittelschulen alle Freifächer und Arbeitswochen streichen müsste?
Die Frage ist hypothetisch, so weit wird es nicht kommen. Wir werden einen Weg finden, der für die Mittelschulen ­akzeptabel ist. Ich bin überzeugt, dass man weiter Freifächer anbieten kann. Vielleicht muss man sie einfach kostengünstiger gestalten. Es gibt Schulen, die angefangen haben, ihr Angebot zu überprüfen. Bei Fächern mit kleinen Teilnehmerzahlen hat ein Teil der Mittelschulen den Rotstift bereits angesetzt.

2004 versuchte man in der ­Volksschule, die Klassen zu ­vergrössern. Ist dies für Sie ­ebenfalls eine Option?
Nein, obwohl das gemäss Studien ein machbarer Weg wäre. Denn ein Schüler mehr oder weniger pro Klasse hat auf den Lernerfolg keinen entscheidenden Einfluss. Dennoch ist diese Massnahme für mich ein No-go. Das Volk hat sich in einer Abstimmung gegen die Erhöhung der Klassengrösse ausgesprochen.

Reden Sie jetzt von der Volksschule?
Ja. Im Grundsatz betrifft das auch die Mittelschulen. Uns bleibt beim Sparen kein grosser Spielraum. Die Stundenzahl ist gesetzlich geregelt, die Löhne der Lehrpersonen ebenso.

Sind für die Massnahmen, die Sie planen, Gesetzesänderungen nötig?
Ja. Aber wir setzen den Hebel hauptsächlich an anderen Orten an. Es geht um Ressourcenbündelung. Es ist wie beim Umziehen. Da muss ich mir überlegen: Was entsorge ich und was nehme ich mit? Die Kunst ist es, den Ballast vom Notwendigen zu unterscheiden.

In den Mittelschulen könnten Sie auch auf der Einnahmeseite etwas machen und Schulgelder erheben. Was meinen Sie dazu?
Theoretisch wäre das eine Variante. Für mich gehört es zur Qualität unserer Bildung, dass sie möglichst für alle zugänglich ist. Darum sollte die Schule bis zur Matur oder bis zum Lehrabschluss kostenlos sein. Sollte sich die finanzielle Lage weiter verschlechtern, muss dieser Grundsatz künftig allenfalls infrage gestellt sein. Ich hoffe es aber nicht.

Kann sich der Kanton bei den ­knappen Mitteln überhaupt noch erlauben, neue Mittelschulen zu bauen, wie Sie es derzeit planen?
Auf jeden Fall. Wir dürfen doch wegen eines finanziellen Engpasses nicht aufhören zu investieren. In der letzten ­Dekade haben wir viel investiert in die Fachhochschulen. Das war ein grosser Erfolg. Der Zulauf in diese Ausbildungsgänge ist riesig. Der nächste Investitionsschub steht nun in den Mittelschulen an, weil wir deutlich mehr Schüler erwarten. Da machen wir keine Abstriche. Wir bieten jedem Jugendlichen im Kanton einen Ausbildungsplatz.

Was ist für Sie die Kernaufgabe einer Mittelschule?
Die Hochschulreife. Im Zentrum stehen die basalen Kompetenzen. Darauf soll das Freifachsystem einer Schule aufgebaut werden. So sollte ein Altsprachler die Gelegenheit haben, in einem Freifach auch eine neue Sprache zu lernen.

Wo hört es bei den Freifächern in den Mittelschulen für Sie auf?
Zukünftigen Akademikern muss in den Mittelschulen nicht aufgezeigt werden, wie sie ihre Freizeit gestalten können.

Also keine Husi mehr?
Ich würde aus meiner Seele eine Mördergrube machen, wenn ich sagen würde, ich sei glücklich mit den Hauswirtschaftskursen. Aber das ist der Volkswille. Ein angehender Akademiker sollte ohne Anleitung in der Lage sein, ein Rezept zu lesen und sich über Lebensmittel kundig zu machen. Die Mittelschulen müssen die Jugendlichen zur Selbstständigkeit erziehen, das ist für mich Hochschulreife. Die Gymnasien machen sich Sorgen, dass dies mit knapperen Mitteln nicht mehr möglich ist.

Ist die Sorge berechtigt?
Aus meiner Sicht nicht. Die Rückmeldungen der Hochschulen sind recht gut. Natürlich gibt es auch Kritik. Etwa von der ETH in Bezug auf die mathematischen Kompetenzen. Meines Erachtens ist es aber auch Aufgabe der Hochschulen, die Studierenden fit zu machen.

Nicht nur die Mittelschulen müssen sparen, sondern auch die ­ Volks- und die Berufs­schulen. Wen treffen die ­Sparmassnahmen am härtesten?
Der Druck ist überall gross. Sparen ist nie angenehm, aber Entrümpeln ist, wie gesagt, für alle Stufen eine Chance.

Wie geht es weiter? Erwarten Sie bei der nächsten Budgetrunde im Herbst die nächste Sparrunde?
Das kommt auf den Kantonsrat an.

Was sagen Sie den Schulen, wenn Sie nochmals 5 Prozent sparen müssen?
Zuerst müsste ich mir selber Gedanken machen. Es gibt Sachzwänge. Die Löhne sind etwa gesetzlich festgeschrieben. Aber natürlich würden wir noch Sparmassnahmen suchen, welche die Qualität der Bildung nicht gefährden.

Wo ist denn für Sie die Grenze, wo der Qualitätsabbau beginnt?
Wir haben die Grenze erreicht. Ohne Qualitätsverlust ginge es nur noch mit Umschichtungen. Wenn wir etwa die ­Gemeinden mehr belasten würden. Doch damit ist niemandem gedient, weil das Geld am Ende aus den gleichen ­Portemonnaies kommt.

Wie hoch steht die Bildung in der Priorität des Regierungsrates?
Sehr weit oben. Ein Viertel unseres ­kantonalen Aufwandes betrifft die ­Bildung. In keinen anderen Bereich fliesst so viel Geld. Die Kunst ist es, für den Regierungsrat die verschiedenen ­Interessen der Bevölkerung unter einen Hut zu bringen. Wir müssen alles daran setzen, dass wir nicht in einen Generationenkonflikt laufen. Alte Menschen haben ebenso berechtigte Ansprüche an den Staat wie junge.

Was ist in einer alternden ­Gesellschaft wertvoller, gute ­Bildung oder eine gute Vorsorge?
Ich bin zukunftsorientiert, und als Bildungsdirektorin auch befangen. Aber ich sehe auch die andere Seite und lebe mit meinen betagten Eltern zusammen, die berechtigte Ansprüche an die Gesellschaft haben. Ich glaube darum, dass wir nicht fragen sollten, was wertvoller ist. Wir müssen versuchen, das Gleichgewicht zu wahren und Sorge dazu zu tragen, dass der Ausgleich zwischen Jung und Alt funktioniert.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 12.01.2016, 22:32 Uhr)

Silvia Steiner

Bildungsdirektorin

Bildungsdirektorin Silvia Steiner (CVP) ist 2015 anstelle von Martin Graf (Grüne) in den Regierungsrat gewählt worden. Sie war einst Chefin der Stadtzürcher und der Zuger Kriminalpolizei. Ab 2005 wurde sie in Zürich Staatsanwältin im Bereich Menschenhandel. Ihre politische Karriere bei der CVP startete sie 1986 als Bezirksschulpflegerin. Steiner hat zwei erwachsene Kinder und ist seit 2007 verwitwet. Sie wohnt in Zürich-Nord. (sch)

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