«Wir sind verpflichtet, die Stimme zu erheben»

Markus Vogel, Vizepräsident der Kirchenpflege Kilchberg, sagt, weshalb die Kirche einer abgewiesenen tschetschenischen Familie Asyl gewährt.

Markus Vogel (61) ist Mathematiker und seit 2013 Mitglied der Kirchenpflege Kilchberg. Er ist verheiratet und Vater dreier Kinder. Foto: Sabina Bobst

Markus Vogel (61) ist Mathematiker und seit 2013 Mitglied der Kirchenpflege Kilchberg. Er ist verheiratet und Vater dreier Kinder. Foto: Sabina Bobst

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Seit Montagmorgen gewährt die Kirchenpflege einer Familie aus Tschetschenien, die ausgeschafft werden sollte, ­Kirchenasyl. Was bedeutet das konkret?
Rein rechtlich hat das Kirchenasyl in unserem Land keine Bedeutung. Aber das ist nur die eine Seite. Die andere ist die: Diese Familie ist in grösster Not. Jetzt haben wir als Kirche sie aufgenommen. Die Familie wohnt im Pfarrhaus. Eine Pfarrperson kümmert sich bei Bedarf seelsorgerisch um die Familie.

Es gibt Hunderte Familien, denen ein ähnliches Schicksal droht. Ist es vertretbar, nur einer zu helfen?
Diese Frage drängt sich auf, und wir haben sie auch als Kirchenpflege diskutiert, als sich die Frage stellte, ob die Kirche Kilchberg diese Menschen aufnehmen sollte. Ja, unsere Hilfe hat etwas Individuelles. Wir reagieren auf die konkrete Angst, die konkrete Not dieser Menschen, die in unserer Gemeinde leben. Menschen in Not zu helfen, ist ein zutiefst christliches Anliegen. Der Umkehrschluss würde bedeuten, niemanden zu retten, bloss weil wir nicht alle retten können. Das geht auch nicht, oder? Es ist mir wichtig, zu betonen: Es gibt in Kilchberg eine grosse Bewegung mit dem Namen «Hier zu Hause», die diese Familie unterstützt. Wir als Kirche sind Teil dieser Gemeinde. Und wir haben als Teil dieser Gemeinde gehandelt.

Sie brauchen das Wort «retten». Glauben Sie wirklich, Sie können diese Familie retten?
Die Situation ist sehr schwierig, das wissen wir. Zunächst einmal geht es uns um die Art und Weise, wie die Behörden schon zweimal versucht haben, diese Familie auszuschaffen. Das hat traumatische Spuren hinterlassen, und nicht umsonst hat das Bundesverwaltungsgericht in seinem zweiten Entscheid angemahnt, die Behörden sollten bei einer Ausschaffung der Situation der Familie Rechnung tragen. Das haben die Behörden, soweit wir es beurteilen können, nicht getan. Wir hoffen, dass mit unserer Aktion zumindest die Hürde für eine weitere polizeiliche Ausschaffungs­aktion höher geworden ist.

Damit ist die Familie aber noch nicht gerettet.
Wir sind uns durchaus bewusst, dass wir letztlich nichts tun können, wenn die Polizei mit den entsprechenden Dokumenten kommt. Wir stellen uns nicht gegen den Rechtsstaat, das ist mir wichtig festzuhalten.

Also ist es nicht Ihr Ziel, dass die Familie bleiben kann?
Doch, natürlich teilen wir mit vielen anderen Menschen die Hoffnung, dass wir die Behörden umstimmen können. Im Moment ist eine Eingabe bei der Anti-Folter-Kommission der UNO hängig. Es gibt von Amnesty International Berichte, die klar belegen, dass Tsche­tsche­nien ein Unrechtsstaat ist. Wir vertrauen den Berichten einer solchen Organisation. Am Montag haben zudem drei Politiker eine Eingabe im Kantonsrat gemacht. Wir hoffen, dass wir mit unserer symbolischen Aktion der Solidarität weitere Politiker mobilisieren können, sich für die Familie einzusetzen.

Die Chancen auf ein Bleiberecht sind wohl nicht sehr gross. Laufen Sie nicht Gefahr, dieser Familie zu Unrecht Hoffnungen zu machen?
Wir haben uns bemüht, gegenüber der Familie transparent zu kommunizieren. Sie weiss, dass sie auch im Pfarrhaus vor einer Ausschaffung nicht sicher ist. Entsprechend gross ist ihre Angst. Die Familie ist davon überzeugt, dass der Vater bei einer Rückschaffung nach Tsche­tsche­nien verhaftet wird und die Familie schutzlos der Willkür der Behörden ausgeliefert ist. Da klammert man sich natürlich an jeden Strohhalm.

Die Kirche macht immer wieder ähnliche Aktionen, aber in der politischen Debatte ist sie kaum wahrzunehmen. Müsste es nicht umgekehrt sein?
Ich teile diese Einschätzung nicht, dass sich die Kirche zu wenig in den gesellschaftlichen Diskurs einbringt. Die Reformierte Landeskirche engagiert sich durchaus, wir haben zum Beispiel eine Flüchtlingsbeauftragte. Es gibt zahlreiche Vertreter und Vertreterinnen, die sich immer wieder klar positionieren und mit ihrer Meinung exponieren. Wenn die Kirche zu aktuellen Fragen Stellung bezieht und politisch Haltung einnimmt, dann polarisiert sie natürlich auch, wie es die Reaktionen auf unseren aktuellen Fall zeigen. Uns wird vorgeworfen, wir setzten uns über den Rechtsstaat hinweg.

Tun Sie das nicht?
Ich verstehe diese Kritik. Aber das ist ganz klar nicht unser Ziel und in unseren Augen auch nicht der Fall. Ich muss gestehen, ich möchte nicht in der Haut jener stecken, die täglich entscheiden müssen, ob jemand gehen muss oder bleiben darf. In einem Rechtsstaat muss es aber auch möglich und erlaubt sein, konkrete Entscheide zu kritisieren. Als Kirche sind wir verpflichtet, dort, wo die Würde von Menschen verletzt wird, unsere Stimme zu erheben.

Wie geht es mit der Familie weiter?
Einen Plan auf längere Zeit hinaus haben wir nicht. Momentan steht die seel­sorgerische Betreuung der Familie im Vordergrund. Aber ich muss hier anfügen, dass nicht die Kirche federführend ist, sondern «Hier zu Hause». Im Moment warten wir auf eine Antwort der Anti-Folter-Kommission. Dann sehen wir weiter.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.05.2016, 21:33 Uhr

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Das Kirchenasyl wird von kirchlicher Seite dann angewendet, wenn alle Rechtsmittel ausgeschöpft sind. Droht Flüchtlingen im Land, in das sie ausgeschafft werden sollen, Verfolgung oder Folter, soll der Staat durch diesen Akt des Widerstandes an seine eigenen Prinzipien erinnert werden: «Diese bestehen darin, an Leib und Leben bedrohten Menschen Schutz zu bieten», sagt Verena Mühlethaler von der Citykirche.



1985: Die Markuskirche in Seebach nimmt drei chilenische Familien auf, die – wie viele andere auch – vor dem Pinochet-Regime in die Schweiz geflüchtet sind. Die beiden Pfarrer setzen sich für die Familien ein, weil sie der Ansicht sind, eine Rückkehr gefährde sie an Leib und Leben. Einer der beiden Pfarrer wird daraufhin abgewählt.

2001: Rund 50 Sans-Papiers und Mitglieder der Bewegung zu ihrer Unterstützung besetzen das Grossmünster . In ihrer 24-Stunden-Aktion thematisieren sie die prekären Lebens- und Arbeitsbedingungen der Sans-Papiers.

2007: Das Grossmünster gewährt Flüchtlingsorganisationen Asyl, die für die Rechte der Sans-Papiers demonstrieren. Sie weisen auf die geplanten Verschärfungen im Asylbereich hin.

2008: 150 Sans-Papiers sowie Mitglieder des Bleiberecht-Kollektivs besetzen die Predigerkirche . Sie fordern Papiere für alle und die Aufhebung des Arbeitsverbots für Menschen ohne Papiere. Nach 16 Tagen Kirchenbesetzung zügeln sie in die Citykirche am Stauffacher.

2009: Die 150 Sans-Papiers aus der Predigerkirche erhalten in der Citykirche beim Stauffacher Asyl. Sie erreichen im Gespräch mit CVP-Regierungsrat Hans Hollenstein, dass er sich für die Wiedereinführung der 2002 aufgelösten Härtefallkommission einsetzt. Diese wird noch 2009 wieder eingeführt.

2011: Die Citykirche gewährt Occupy-Besetzern auf dem Vorplatz der Kirche Asyl, nachdem die Stadtpolizei ihr Zeltlager auf dem Lindenhof aufgelöst hat. Der Protest der Besetzer richtet sich gegen das Finanzsystem. (mq)

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