Wissenschaftler im Rathaus unerwünscht

Das Beispiel Ölheizungen zeigt es: Wenn Forscher sich in der Politik zu Wort melden, finden sie zu selten Gehör.

Im Kantonsrat haben Experten einen schweren Stand. Foto: Keystone

Im Kantonsrat haben Experten einen schweren Stand. Foto: Keystone

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Da melden sich 40 namhafte Klimaforscher der ETH aus dem Elfenbeinturm der Wissenschaft im Zürcher Rathaus. Und landen in der Höhle des Löwen. Denn ihr konkreter und nachvollziehbarer Vorschlag, wie wir uns den Klimazielen von Bund und Kanton nähern könnten, wird nicht ernst genommen. Die Debatte über die «Professoreninitiative» für klimafreundliche Gebäude zeigte zu Wochenbeginn: Der Vorstoss nahm im Rat zwar die erste Hürde, wird aber, wenn es dann wirklich gilt, keine Chance haben.

Von der SVP her tönte es: Eine Abkehr von Öl- und Gasheizungen möge in der Theorie funktionieren, in der Praxis aber sei das viel komplizierter, als es sich die Wissenschaftler vorstellten. FDP und CVP wehrten sich gegen die Eingriffe in die Eigentümerrechte und betonten, die Gemeinden hätten eben erst ins Gasnetz investiert, da könne man nicht in zehn Jahren den Hahn zudrehen. Und die EDU lehnte generell die Existenz des Klimawandels ab.

«Die Politik ist keine Wissenschaft, wie viele der Herren Professoren sich einbilden, sondern eine Kunst.» So tadelte Deutschlands Reichskanzler Otto von Bismarck 1884 die Wissenschaftler, die sich mit praktischer Politik zu befassen anmassten. Die Kantonsratsdebatten als Kunst zu bezeichnen, ist gar nicht so verfehlt. Künstlich sind sie auf alle Fälle oft. Denn die Meinungen sind meist schon gemacht und richten sich nach dem von der Partei vorgegebenen Drehbuch. Debattiert wird für das Publikum. Wissenschaft­liche Zwischenrufe sind da nicht vorgesehen.

Wissenschaftliche Studien werden von Politikern ebenso oft zitiert wie verhöhnt. Es entsteht zuweilen der Eindruck, dass sie dann genehm sind, wenn sie die eigene Meinung untermauern – und als weltfremd oder unnötig abgetan werden, wenn sie ihr entgegenlaufen. Dieses Verhalten wiederum beschreibt ein Amtsnachfolger Bismarcks, Bundeskanzler Konrad Adenauer, so: «In der Politik geht es nicht darum, recht zu haben, sondern recht zu behalten.» An dieser Stelle wird nun – ganz ohne Studie – behauptet: Würde die Politik häufiger auf die Wissenschaft hören, würde sie öfter recht behalten. Weil sie recht hätte.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 03.02.2016, 23:02 Uhr)

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