Schlimme Befürchtung: Pharmatests an Heimkindern?

Zürcher AL-Kantonsräte verlangen vom Regierungsrat Auskunft über Medikamentenversuche im Burghölzli an psychisch Kranken.

Wurden in der Psychiatrischen Universitätsklinik Medikamentenversuche durchgeführt? Foto: Parpan05, Wikipedia

Wurden in der Psychiatrischen Universitätsklinik Medikamentenversuche durchgeführt? Foto: Parpan05, Wikipedia

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Die drei AL-Kantonsräte Kaspar Bütikofer, Judith Stofer und Markus Bischoff wollen vom Regierungsrat wissen, ob an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich (PUK) Burghölzli in früheren Jahren Medikamentenversuche stattgefunden haben. Wie die drei in ihrer soeben eingereichten schriftlichen Anfrage schreiben, besteht der Verdacht, dass seit den 60er-Jahren und über 1975 hinaus unter der Leitung des damaligen Direktors der Forschungsabteilung und einer leitenden Ärztin Pharmastudien an Patientinnen und Patienten durch­geführt worden sind.

Die Kantonsräte beziehen sich dabei auf Vorkommnisse an der Klinik in Münsterlingen TG. Dort wurden jahrzehntelang in der Psychiatrie Tests mit Medikamenten durchgeführt. Und zwar auch an Heimkindern und ohne deren Einverständnis. Insbesondere wollen die drei vom Regierungsrat wissen, in welchem Zeitraum und Umfang an der PUK und in anderen psychiatrischen Kliniken des Kantons Zürich Medikamentenstudien an psychisch Kranken und allenfalls auch an Heimkindern durchgeführt wurden und warum das vom Regierungsrat bereits in Auftrag gegebene Forschungsprojekt auf die Jahre 1945 bis 1975 begrenzt ist.

Gefragt wird weiter, wer die Auftraggeber der Pharmastudien waren und ob der damalige Direktor der Forschungsabteilung (1969 bis 1994) und eine leitende Ärztin (1970 bis 2008) an der PUK neben ihrem regulären Lohn auch noch zusätzliches Geld von andern Auftrag­gebern erhielten.

Aufarbeitung der Vergangenheit

Heute leben in der Schweiz Tausende ehemalige Verdingkinder. Menschen, die ohne Gerichtsbeschluss administrativ versorgt wurden, Kinder, die gegen den Willen ihrer Mütter fremdplatziert wurden. Erst 1981 änderte sich die Praxis. Noch länger ging es, bis die Behörden anfingen, sich mit dem Schicksal ehemaliger Verdingkinder und Opfer fürsorgerischer Massnahmen zu befassen. Der Bund lancierte in den letzten Jahren Forschungsprojekte. In diesem Frühjahr sprach der Bundesrat den Betroffenen 300 Millionen Franken zu.

Das jahrelange Unrecht soll nun auch im Kanton Zürich aufgearbeitet werden. Schliesslich sei Zürich der bevölkerungsstärkste Kanton der Schweiz und verfüge über eine grosse Anzahl von Vollzugsinstitutionen, schreibt der Regierungsrat in einem Beschluss vom letzten Monat. Den Anstoss zum Forschungsprojekt gab SP-Regierungsrätin Jacqueline Fehr. Sie hatte sich schon im Nationalrat für die Aufarbeitung und Wiedergutmachung dieses düsteren Kapitels der Schweizer Sozialgeschichte eingesetzt. Im Oktober ist dafür ein Betrag von 500'000 Franken aus dem Lotteriefonds bewilligt worden.

Das Forschungsprojekt umfasst vier Themen: erstens die Entwicklung der Gesetzgebung im Kanton Zürich bis zur Revision des Vormundschaftsrechts 1981. Zweitens eine Übersicht der Heim- und Anstaltslandschaft zwischen 1830 und 2016. Drittens sollen Wissenschaftler herausfinden, ob Heime kostengünstig zu sein hatten. Und viertens soll untersucht werden, ob die Zürcher Psychiatrie zwischen 1945 und 1975 Medikamente an «besonders verletzlichen Personen wie Heimkindern» getestet hat.

Das Forschungsprojekt steht unter erheblichem Zeitdruck. Es soll bis 2018 abgeschlossen werden. Schon jetzt sind viele der Opfer hochbetagt. Laut den Verantwortlichen ist es wichtig, dass sie die Publikation der Forschungsergebnisse noch erleben. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.11.2016, 08:35 Uhr

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