Jetzt gehört das Corbusier-Haus der Stadt

Jahrelang war die Stimmung vergiftet zwischen den Behörden und Heidi Weber, der treibenden Kraft hinter dem Künstler-Bau. Nun haben die beiden Parteien eine Lösung gefunden.

Einziges Werk des grossen Architekten in Zürich: Das Le Corbusier-Haus im Seefeld. Foto: Dominique Meienberg

Einziges Werk des grossen Architekten in Zürich: Das Le Corbusier-Haus im Seefeld. Foto: Dominique Meienberg

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Zürich – Im Centre Le Corbusier an der Höschgasse 8 nahe der Blatterwiese herrscht Aufbruchstimmung. Auf Böden und Tischen liegen Stapel von Corbusier-Büchern und -Lithos des weltbekannten Architekten und Künstlers zum Abtransport bereit. «Wir haben bereits Lastwagenladungen mit Material abtransportiert», sagt Heidi Weber. Sie hat den Bau Mitte der Sechzigerjahre als junge Frau initiiert und Le Corbusier motiviert, sein einziges Werk aus Stahl in Zürich zu planen. Ohne Heidi Weber gäbe es heute kein Corbusier-Haus am Zürichsee.

Im August 1965 starb Charles-Edouard Jeanneret, wie Le Corbusier mit bürgerlichem Namen hiess. Zwei Jahre später weihte Weber das Werk ein. Jetzt heisst es für sie Abschied nehmen, denn ab heute gehört das Haus der Stadt Zürich. So steht es in den Ver­trägen. Die Stadt stellte am 13. Mai 1964 eine 495 Quadratmeter grosse Parzelle für das Museum im Baurecht für 50 Jahre unentgeltlich zur Verfügung. Danach fällt das Baurecht dahin und das Gebäude «geht in das Eigentum der Stadt über», heisst es in der Weisung von 1963. Das Haus geht in die neu zu schaffende öffentlich-rechtliche Stiftung «Centre Le Corbusier Heidi Weber Museum» über. Im Stiftungsrat sollen Vertreter der Stadt wie auch Heidi Weber Einsitz nehmen. «Ich begrüsse diese Lösung. Sie erleichtert mir, das Haus in neue Hände geben zu können», sagt Weber. Die Stadt informiert heute über die Details.

Streit um ein Atelier

Die jetzt getroffene Lösung ist alles andere als selbstverständlich, weil das Verhältnis zwischen Weber und der Stadt Zürich seit der Museumseröffnung unter einem schlechten Stern stand. Ein erster Streit entzündete sich wegen des Ateliers von Hermann Haller nahe des Centre Le Corbusier. Die Stadt versicherte Weber, das Atelier abzureissen oder zu versetzen. Es steht noch am selben Ort.

In der Corbusier-Haus-Chronologie «Eine brisante Geschichte» listet Weber auf über 40 Seiten detailliert auf, wie sie sich von der Stadt während Jahrzehnten schlecht behandelt fühlte. Stadtpräsident Sigmund Widmer liess sich bei der Einweihung entschuldigen, weil «der Stadtrat am Sonntag keine repräsentativen Pflichten wahrnimmt». Weber sass 1967 auf Bauschulden von 600'000 Franken, weil die Kosten aus dem Ruder gelaufen waren. Sie wurde betrieben. «Ich verkaufte sogar die Perlenkette meiner Mutter, um an Geld zu kommen», erinnert sie sich. Mit dem Verkauf von Lithos und Corbusier-Bildern trug sie die Schulden ab. «Ich bin stolz darauf, dass ich durchgehalten habe.»

Weber steigt über die schmale Rampe auf die Terrasse des Hauses und zeigt auf die Unterseite des Metalldaches, wo weisse Farbe abblättert. Vor sieben Jahren habe sie die ganze Fläche für 35'000 Franken streichen lassen. Ständig müsse man in den Unterhalt investieren. «Das Gebäude ist ein Luxusboot», sagt Weber und schmunzelt. Sie habe aber während der 50 Jahre immer wieder viel Geld investiert, deshalb sei der Bau in einem guten Zustand.

Dennoch stehen Restaurierungsarbeiten an, welche die Stadt möglichst bald anpacken will. Die Haustechnik ist veraltet, und die Bodenheizung gab bereits vor 15 Jahren den Geist auf. Seither bleibt das Gebäude im Winter unbeheizt und für Besucher geschlossen – auch aus finanziellen Gründen. Weber hofft, das der originale Schieferboden, unter dem sich die Heizung befindet, nicht zu Schaden kommt. «Das wäre jammerschade, denn der Boden ist wunderschön.»

Kommt Weber auf Corbusier zu sprechen, ist ihre grosse Leidenschaft für das Multitalent sofort spürbar. Sie erinnert sich, als wäre es gestern gewesen, wie sie als junge Frau mit Corbusier am See spazieren ging und ihm ihre Idee für das Haus vorstellte. Fällt es ihr schwer, nach 50 Jahren ihr Lebenswerk aus der Hand zu geben? «Nein, damit habe ich überhaupt kein Problem. Jetzt kann ich endlich machen, was ich will, und als Corbusier-Botschafterin auf Reisen gehen.» Das Haus habe sie nicht für sich, sondern für die Menschen gebaut.

Weber hat grosse Pläne und will das Œuvre des Meisters in die Welt hinaustragen. Museen und Universitäten sollen seine Werke als Leihgaben erhalten. Auch Zürich geht dabei nicht leer aus. «Zahlreiche Originalzeichnungen, Lithografien, Skulpturen, Wandteppiche und vieles mehr bleiben als Leihgaben im Haus.» Sie will auch regelmässig aus ihrem reichen Fundus Exponate für Ausstellungen beisteuern. Die Leitung des Corbusier-Hauses übernimmt Eva Wagner vom Ressort Kunstförderung der Stadt Zürich.

Lobende Worte für Mauch

Der Baurechtsvertrag sieht vor, dass Weber rund 70 Prozent der damaligen Erstellungskosten erhält, was 1,15 Millionen Franken entspricht. Der Betrag wurde 1964 nicht indexiert. Würde man Baukosten-Indexierung und Verzinsung des Anlagekapitals berücksichtigen, beliefen sich die Baukosten auf 16,5 Millionen Franken, hat ein Architekt für Weber errechnet. Doch Heidi Weber wollte sich nicht auf einen Rechtsstreit mit der Stadt einlassen. Dafür habe sie keine Zeit. Deshalb will sie die festgelegte Summe «momentan hinnehmen».

Für Stadtpräsidentin Corine Mauch (SP) und Kulturchef Peter Haerle findet Weber lobende Worte. Die beiden seien sehr korrekt und respektvoll gewesen. Zwei kultivierte Menschen. «Das war für mich wie ein Wunder.» Weber steigt in das Untergeschoss des Hauses. In einer Hand hält sie Originalfotos von der Bauphase und der Eröffnungsfeier des Corbusier-Hauses. Die Aufräumarbeiten machen ihr Spass. Dabei entdecke sie so viele positive Sachen aus der Vergangenheit, Negatives würde sie einfach in den Abfall werfen. Dabei hat sie in vermeintlich unscheinbaren Bundesordnern zwischen Rechnungen und Akten Originalzeichnungen von Corbusier entdeckt.

Der Umzug beschert Weber allerdings ein neues Problem: Weil sich so viel Material angesammelt hat, das sie in ihrem Haus zwischenlagert, kann sie sich in den eigenen vier Wänden nur noch durch schmale Gänge bewegen.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 12.05.2014, 23:45 Uhr)

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«Jetzt kann ich endlich machen, was ich will, und als Corbusier-Botschafterin auf Reisen gehen»: Heidi Weber am Montag vor dem Corbusier-Haus. Foto: Dominique Meienberg

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