102 Zürcher Gemeinden sollen in teurere Prämienregion wechseln

Der Bund will die Prämienregionen für die Krankenkassen neu einteilen – mit happigen Folgen für die Betroffenen.

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Hunderttausende Zürcherinnen und Zürcher müssen sich auf einen doppelten Prämienschock per 2018 gefasst ­machen: Zum üblichen kostenbedingten ­Anstieg kommen die Folgen einer Neueinteilung der Prämienregionen. Will doch der Bund 102 Zürcher Gemeinden einer teureren Region zuweisen. Dies trifft vor allem den Bezirk Meilen. Seine Einwohner sollen künftig gleich hohe Prämien zahlen wie die Stadtzürcher.

Gegenwärtig zahlen Goldküstenbewohner jährlich 600 Franken weniger. Dies sei wegen des geringen Unterschieds bei den Gesundheitskosten nicht mehr gerechtfertigt, findet das Bundesamt für Gesundheit. Denn ein Goldküstenbewohner verursacht durchschnittliche Bruttokosten von 3570 Franken pro Jahr – nur 70 Franken weniger als ein Stadtbewohner.

Gemeinden in Vernehmlassung nicht gefragt

In den Gemeinden am rechten Zürichseeufer sieht man die Pläne des Bundes natürlich nicht gerne. «Wir bedauern, dass unsere Bevölkerung dadurch noch stärker belastet wird», sagt der Männedorfer Gemeindepräsident André Thouvenin. Dagegen machen könne man aber wohl nichts. Der Meilemer Gemeindeschreiber Didier Mayenzet will die Sache dennoch genau ansehen und sich dann in Bern melden – auch wenn Meilen nicht offiziell zur Vernehmlassung eingeladen ist.

Ebenso wenig ist die Meinung der anderen betroffenen Gemeinden gefragt. An der Goldküste sind es insgesamt 11. Hinzu kommen 91 weitere Gemeinden, die gegenwärtig davon profitieren, dass sie zur günstigsten Prämienregion gehören. Künftig sollen sie in der mittleren Region figurieren. Diese Gemeinden, die in unserer Grafik orange eingefärbt sind, müssen 2018 ebenfalls mit einem doppelten Prämienschock rechnen. «Das ist unschön», findet der Dielsdorfer Gemeindeschreiber Marco Renggli. Zumal Dielsdorf allenfalls auch den Steuerfuss erhöhen müsse. Ähnlich tönt es aus anderen Gemeinden.

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Neu will der Bund die Prämienregionen nicht mehr nach Gemeinden einteilen, sondern nach Bezirken. Davon verspricht er sich – erstens – eine «kohärentere und ausgewogenere Karte». Zweitens könne es willkürlich sein, die einzelnen Gemeinden nach deren Gesundheitskosten zuzuteilen – etwa wenn in einem Dorf ein Alters- oder Pflegeheim stehe, in der Nachbargemeinde dagegen nicht. Drittens erhebe das Bundesamt für Gesundheit die Versichertendaten seit 2015 nicht mehr nach Gemeinden, sondern nach Bezirken, «um die Anonymität der versicherten Personen zu gewährleisten». Folglich sei eine Kostenanalyse nach Gemeinden nicht mehr möglich.

In anderen Kantonen will der Bund zudem die Zahl der Prämienregionen reduzieren. Im Kanton Zürich soll es dagegen bei drei bleiben. Zur günstigsten Region sollen neu nur noch die Bezirke Affoltern und Andelfingen gehören. Dafür wird die mittlere Region erheblich grösser. Hier möchte der Bund neu die Bezirke Dietikon, Dielsdorf, Bülach, Winterthur, Pfäffikon, Uster, Hinwil und Horgen zusammenfassen. Für die teuerste Region verbleiben die Stadt Zürich und der Bezirk Meilen.

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So will der Bund den unterschiedlichen Gesundheitskosten Rechnung tragen. Wenn die Städter ausgiebig Gebrauch machen von den vielen Spezialärzten und Spitälern in nächster Nähe, sollen sie auch mehr bezahlen als die Landbevölkerung, die weniger Kosten verursacht. In Andelfingen betragen die durchschnittlichen Bruttokosten nämlich «nur» 3040 Franken pro Jahr. Damit liegen sie 600 Franken unter jenen in der Stadt. Dies soll sich in den Krankenkassenprämien niederschlagen.

Die Stadtzürcherinnen und Stadtzürcher gehören dennoch zu den Gewinnern der Reorganisation. Sie profitieren davon, dass künftig die Goldküstenbewohner zur teuersten Region stossen. Dies senkt die durchschnittlichen Gesundheitskosten ein wenig. Noch mehr freuen dürfen sich die Einwohner von Winterthur, Uster und Horgen. Ihre mittlere Prämienregion verliert die relativ teuren Goldküstengemeinden und erhält dafür Zuwachs aus dem Zürcher Unterland und dem Oberland, wo die Gesundheitskosten tiefer sind. Dies wird sich dämpfend auf die Prämien der mittleren Region auswirken.

Auf der Gewinnerseite stehen schliesslich auch die Bezirke Affoltern und Andelfingen. Ihnen kommt entgegen, dass ihre günstigste Region künftig nur noch die allergünstigsten Gemeinden umfassen soll. So halten sich die Gewinner und Verlierer die Waage. Unter dem Strich ist die Neuverteilung ja ein Nullsummenspiel.

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(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 29.09.2016, 09:19 Uhr

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