117 Schritte für die Würde der Bauarbeiter
Von Peter Aeschlimann. Aktualisiert am 22.11.2011 7 Kommentare
Artikel zum Thema
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- Unia: «Brutaler Stellenabbau zum Dank»
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Auf Gleis 15 steht der IC nach Bern. Gemäss Fahrplan hätte er bereits vor einer Minute losfahren sollen. Eine Pendlerin, die Laptoptasche in der rechten Hand, eilt zügig heran. Auf dem Perron nimmt der Kondukteur die Pfeife aus dem Mund und sagt: «Dass wir auf die Frau warten, hat nichts mit Goodwill zu tun.» Der EC nach Hamburg auf dem Gleis nebenan habe ein Problem. Die Frau schafft es. Trotz der rund 100 Meter längeren Spurtstrecke. Gewisse Unannehmlichkeiten müsse man eben in Kauf nehmen, wenn man den unterirdischen Bahnhof ausbauen wolle, sagt sie ausser Atem. «Meinen Zug habe ich deswegen aber noch nie verpasst.» Ein greller Pfiff, dann rollt der IC los. Mit knappen zwei Minuten Verspätung.
Unter den Gleisen 15 und 16 montieren Arbeiter seit letzter Woche die neue Decke der Passage Gessnerallee. Deshalb können Züge dort nicht komplett in den HB einfahren. Im Januar kommen laut SBB die Gleise 13 und 14 dran, im März 11 und 12. Kompositionen mit Plumpsklos halten auf den Gleisen 11 bis 14 ebenfalls im Sektor B, damit den Bauarbeitern keine Fäkalien mehr auf den Helm tropfen (der TA berichtete).
Erfolgreicher «Urin-Streik»
Blaue Tafeln machen die Reisenden auf die «leicht verschobenen Halteorte» aufmerksam. Die Massnahme bedeutet für Kunden einen Mehraufwand von 117 beherzten Schritten – oder in Zeit ausgedrückt: plus 1 Minute und 2 Sekunden. Für einen Leserbriefschreiber ist das eine Zumutung. Er schreibt: «Wie lange müssen wir uns von der Unia noch veräppeln lassen?» Die Gewerkschaft hatte mit ihrem «Urin-Streik» erfolgreich dafür gekämpft, dass die SBB den Arbeitern einen 100-prozentigen Schutz vor ekligen Säften versprach. Gewichten die Bundesbahnen nun das Wohl der Bauarbeiter höher als jenes ihrer Passagiere? Mediensprecherin Lea Meyer verneint: «Wir schützen die Bauarbeiter, halten aber die Beeinträchtigungen für Reisende auf einem Minimum.»
«Das hier ist doch Luxus pur!»
Nichts von dieser Posse mitgekriegt haben eine Mutter und ihre Tochter aus Belgien. Ihre Zürich-Ferien endeten gestern mit dem Besteigen des 11-Uhr-36-Zugs nach Brüssel. Ob sie die 100 Extrameter gestört hätten? «Gehen sie mal nach Belgien, dort ist es schlimm», sagt die Mutter. Und die Tochter ergänzt: «Das hier ist doch Luxus pur!»
Auch Karin Reiser nimmts gelassen. Sie fährt nach Stein im Kanton Aargau, wo sie wohnt. Nein, sie rege sich überhaupt nicht auf. Nur einmal, als der Zug unüblicherweise auf einem anderen Gleis losfuhr, sei es knapp geworden. Trotz Baustelle überwiege der Komfort, sagt Reiser, «viel mehr würde ich mich ärgern, wenn ich mit dem Auto jeden Morgen im Stau stehen würde».
Auf Gleis 14 fährt der Regioexpress ein und hält im Sektor B. Student Christoph Burkhalter aus Suhr AG muss an die ETH, Vorlesungen am Nachmittag. Er begrüsst es, dass sein Zug nicht bis über die Baugrube fährt. «Schliesslich möchte ich auch nicht da unten arbeiten, wenn mir dabei ständig eine unappetitliche Sauce auf den Kopf tröpfeln würde.»
Viel Verständnis wegen Berichterstattung
Barbara Coskun besteigt mit ihrem Sohn Gabriel den Regioexpress, der 11.38 Uhr nach Lenzburg fährt. «Gopf, das geht jetzt lange», habe sie sich schon gedacht. Aber man komme ja auch aus der Provinz. Und wenn es eine Baustelle gebe, dann sei das eben so. Gar nur Positives gewinnt den Umständen Claire Höltschi ab: «Das ist Bewegung!» Wenn sie Bus oder Tram fahre, steige sie stets extra eine Haltestelle zu früh aus.
Die SBB bestätigen den Eindruck: Bisher seien vier Reklamationen beim Kundendienst eingegangen. Man vermute, dass die Menschen wegen der intensiven Berichterstattung zur Baustelle im HB viel Verständnis für die vorübergehenden Unannehmlichkeiten entwickelt hätten. Reisende mit Gehbehinderungen könnten über das SBB-Callcenter Unterstützung bestellen. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 22.11.2011, 09:27 Uhr
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