18 Monate bedingt wegen sexueller Nötigung

Zwei Studierende lernen sich kennen und ein wenig lieben. Gut zwei Jahre später treffen sie sich vor Gericht wieder.

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Sie stehen vor dem Saal des Obergerichts fast so weit auseinander, wie es die räumlichen Verhältnisse zulassen. Dabei waren sie sich einmal, im ersten Halbjahr 2006, wesentlich näher. Doch es ist viel passiert seither. Hört man sie sprechen, ist nicht auf den ersten Blick erkennbar, wer von beiden das Opfer ist.

«Ich bin weiterhin in psychologischer Betreuung. Mein Alltag ist noch heute von Ängsten geprägt. Ich habe mein Vertrauen in die Menschen verloren», sagt die heute 26-Jährige. Sie hat ihr Studium abgebrochen, ist von Zürich weggezogen und hat einen Bürojob angenommen. «Ich halte das nicht mehr durch. Ich möchte mein Leben zurückhaben, nicht lebenslang zum Psychiater gehen», sagt der heute 28-Jährige. Seit er sich mit dem Vorwurf der sexuellen Nötigung konfrontiert sieht, leidet er an einer Anpassungsstörung. Ihm geht es so schlecht, dass er sein Studium unterbrach und eine Praktikumsstelle bei einem Grosskonzern angenommen hat.

Als sie sich noch näher waren, ist auch viel passiert. Aus der Bekanntschaft aus ETH-Zeiten war für «einige Male» auch eine sexuelle Beziehung geworden. Heute sagt sie: «Ich habe mich nach juristischer Auffassung nicht klar genug gewehrt, daher war die sexuelle Beziehung ‹einvernehmlich›.» Und als sie, die mit einem Mann kurdischer Abstammung verheiratet ist, die Liebesbeziehung zum irakischen Mitstudenten beenden wollte, «war es zu spät». In seiner Wohnung soll er sie an den Haaren gepackt, geohrfeigt, aufs Bett geworfen und ihre Hose heruntergezogen haben. Mit einem Tritt zwischen seine Beine verschaffte sie sich Luft und konnte die Wohnung verlassen.

«Konnte Vorfall nicht verdrängen»

«Ich dachte, ich könnte den Vorfall einfach verdrängen, aber das ging nicht», sagt sie. Eine Woche später wandte sie sich ans Nottelefon, noch später mit einer Strafanzeige an die Polizei. «Opfer von Gewalttaten», sagt sie heute, «sollten den Mut zu einer Anzeige finden und sich mit ihren Erlebnissen nicht verstecken».

Der 28-Jährige stellt jenen Abend im Juni 2006 ganz anders dar, spricht von «Lügengeschichte», weiss aber auch nicht, warum sie ihn zu Unrecht belastet. «Ich habe es nicht getan.» Nicht sie, sondern er habe damals vorgeschlagen, keinen Sex mehr zu haben, aber gute Kollegen zu bleiben. Sie sei dann gegangen. Er habe sie nicht berührt. Doch seine Aussagen waren für das Gericht teilweise «nicht wirklich plausibel und stimmig». Es verurteilte ihn zu einer bedingten Freiheitsstrafe von 18 Monaten und sprach ihr eine Genugtuung von 4000 Franken zu. «Ich hätte mir gewünscht, dass mindestens ein Teil der Strafe unbedingt wäre. Und wenn es nur ein Monat gewesen wäre», sagt sie. Aber «vermutlich geht das den meisten Opfern so». (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.09.2008, 22:24 Uhr

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