2000-Watt-Gesellschaft: Nebst Datenlücken auch falsche Zahlen

Zahlensalat statt präziser Fakten: Das Präsidialdepartement von Corine Mauch (SP) liefert falsche Daten zur 2000-Watt-Gesellschaft.

Sparpolitik: Zürich muss den Energieverbrauch bis 2050 mehr als halbieren.

Sparpolitik: Zürich muss den Energieverbrauch bis 2050 mehr als halbieren. Bild: Keystone

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Sind es 4200 Watt? Oder 4900 Watt? Oder doch weniger? Als wären die Berechnungen zur 2000-Watt-Gesellschaft nicht schon tückisch genug (TA vom Freitag), verkomplizieren zwei Faktoren die Sache nun noch mehr.

Erstmals präsentiert Zürich auf seinem Weg zur 2000-Watt-Gesellschaft einen Städtevergleich. Die Stadt publiziert die Zahlen auf der Internetsite www.nachhaltigkeitsmonitoring.ch, die das Präsidialdepartement von Corine Mauch (SP) betreut. Beim Primärenergieverbrauch schneidet Zürich (4900 Watt pro Kopf) besser ab als Schaffhausen (5500) und Luzern (5100), jedoch schlechter als Winterthur (4800) und Lausanne (4600). Von den evaluierten deutschen Städten stellen gemäss Website Dortmund (4400) und Darmstadt (3700) Zürich in den Schatten.

Doch die letzten zwei Werte stimmen nicht. Dies zeigt ein Blick in die Studie, aus der die Daten stammen. Erstellt hat sie im Auftrag der Stadt die Zürcher Firma Ecospeed, die auf Energie- und Treibhausgasbilanzierung spezialisiert ist. Richtig ist: Dortmund liegt bei 3800 Watt, Darmstadt bei 5400.

Fehler zu spät berichtigt

Aufgeschaltet ist die Studie seit Donnerstagabend auf der Internetsite des Gesundheits- und Umweltschutzdepartements von Claudia Nielsen (SP). Rahel Gessler, Leiterin der Abteilung Energie und Nachhaltigkeit, bestätigt auf Anfrage den Fehler: Einzelne Werte aus dem Städtevergleich seien falsch in die Monitoringseite der Stadt Zürich übertragen worden. Sie begründet den Fauxpas mit «viel Hektik in der Schlussphase beim externen Büro, welches die Website erstellt hat». Noch am Donnerstag hat Gessler das Präsidialdepartement darauf aufmerksam gemacht. Berichtigt wurden die fehlerhaften Angaben jedoch erst am Freitag – nachdem sie gewisse Medien bereits publiziert hatten.

Doch damit nicht genug. Auch die korrekten Werte sind irreführend. Denn als Grundlage diente nicht der Strommix der einzelnen Städte, sondern der (fiktive) durchschnittliche Strommix in der Schweiz respektive Deutschland. Dies erklärt, warum Zürich in der Vergleichsstudie auf 4900 Watt kommt, gesondert betrachtet aber nur auf 4200 Watt, wie die Stadt im TA vom letzten Freitag dargelegt hat. Die Begründung: Anders als der Stadtzürcher Strommix ist jener der Schweiz atomstromlastiger. Da die Stromproduktion in AKW viel Energie verschlingt, schlägt die Atomkraft bei der Primärenergie viel stärker zu Buche als etwa Wasser- oder Solarkraft – die Wattzahl pro Kopf nimmt zu.

Imageschaden für das Projekt?

Gessler sagt, diese Berechnungsart sei ein «Zugeständnis» an die Deutschen gewesen. Deren Städte hatten befürchtet, dass der Vergleich zu den Schweizer Städten «zu asymmetrisch», sprich: zu schlecht ausfällt, wenn die Berechnung bei allen Städten auf den eigenen Strommix und nicht auf den fiktiven Landesmix abstellt. Immerhin zeigt die Studie im Detail, welcher Effekt in den einzelnen Städten der Einsatz des stadteigenen Strommixes hat.

Um die Verwirrung zu komplettieren: Auch die 4200 Watt bilden die Realität nicht vollständig ab. Denn in diesem Wert fehlt der Privatkonsum, also das importdominierte Konsumverhalten etwa beim Auto- oder Kleiderkauf. Pro Kopf kommen so bis zu 2000 Watt in Form von grauer Energie dazu. Fazit: Der Zahlensalat ist angerichtet. Dass dies einen Imageschaden für die 2000-Watt-Gesellschaft nach sich zieht, glaubt Fachfrau Kessler nicht. Für SVP-Fraktionschef Mauro Tuena hingegen passt all dies ins Bild eines Projekts, das sich bis 2050 nicht realisieren lasse.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.06.2012, 07:16 Uhr

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