7-jähriger Autist aus Schule geworfen

Der Schulpsychologische Dienst Zürich verweigert einem siebenjährigen Autisten eine spezielle Förderung. Nun ist er in seiner Klasse so auffällig geworden, dass er nicht mehr in die Schule darf.

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Auf den ersten Blick ist Julian* ein ganz normaler, siebenjähriger Lausbub. Vielleicht ein wenig linkisch, ein bisschen scheu. Er spielt liebend gerne draussen mit den Nachbarskindern oder in seinem Zimmer mit Playmobil-Männchen und Plastiktieren. Ginge es allein um seine Intelligenz, käme Julian in der ersten Klasse locker mit. Was das Sprachverständnis betrifft, gilt er sogar als hochbegabt.

Und doch ist seine Schulkarriere bereits jetzt ein Desaster. Obwohl vorher nichts darauf hingedeutet hat. Julian schlug sich in Kindergarten und Krippe bestens, ebenso in der christlichen Jugendorganisation Cevi. «Aber schon im letzten August zeigte sich, dass es in der Schule nicht gut gehen würde», erzählt seine Mutter. Wenn Julian überfordert ist, und das passiert in der Schule öfter, hält er sich die Ohren zu, schreit herum und ist kaum mehr ansprechbar.

Abklärung durch Psychologen

Schulleitung und Schulpflege reagierten rasch. Julian wurde vom Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienst abgeklärt. Im November kam die Diagnose: Julian habe einen atypischen Autismus, mit Neigung zum Asperger-Syndrom. Der Psychiater empfahl nicht nur eine Therapie für den Siebenjährigen, sondern hielt auch fest: «Julian braucht im Kontext der Schule zusätzliche Unterstützung.»

Das habe Julian bis heute nicht erhalten, sagt die Mutter: «Die Schule hat diesbezüglich nichts getan. Offenbar will man Julian nicht mehr dort haben.» Mitte Mai eskalierte die Situation. Julian wurde für zwei Wochen von der Schule ausgeschlossen. Am Montag dieser Woche durfte er wieder hin, aber bereits am Dienstag, noch in der ersten Lektion, rief die Lehrerin die Mutter an, sie solle Julian abholen. Seit Mittwoch ist er wieder von der Schule ausgeschlossen.

Sortieren statt Spielen

Julians Problem ist - obwohl er sprachbegabt ist - die mangelnde Fähigkeit, andere intuitiv zu verstehen und Beziehungen aufzubauen. «Sehen Sie sich an, was er mit seinen Playmobil-Figuren macht», sagt die Mutter. Die Männchen stehen in Reih und Glied im Zimmer des Jungen. Keines schaut das andere an, keines tut etwas. Julian hätte genauso gut Bauklötze aufreihen können. «Er spielt nicht wie andere Kinder mit seinen Sachen», sagt die Mutter. «Er sortiert sie.»

In der Schule hapert es beim Verständnis für Anweisungen und soziale Regeln, sagt die Mutter. Bis heute begreift der Erstklässler nicht, warum ihn die Lehrerin duzt, während er sie siezen muss. Aufträge, die nicht absolut klar formuliert sind, versteht er nicht. Dass jemand anders denkt als er, kann er sich überhaupt nicht vorstellen. So rastete er einmal aus, als die Lehrerin ihn aufforderte, an einem Bild noch weiterzuzeichnen. Er konnte nicht akzeptieren, dass er noch etwas anfügen sollte.

«Ich würde den Lehrerinnen ja gerne mit Tipps helfen», sagt Julians Mutter, «aber es heisst immer nur, wir sind die Fachleute, wir wissen, wie wir mit Julian umgehen müssen.» Wie schwierig die Zusammenarbeit mit den beiden Lehrerinnen ist, die Julians Klasse unterrichten, zeigen die Einträge im Kontaktheft, mit dem die Frauen Informationen austauschen. Die Einträge sind voller unterschwelliger Vorwürfe. An einer Stelle kritisiert eine Lehrerin zum Beispiel, dass Julian während der Schulzeit in eine Therapie muss.

Schulpräsident bedauert

Wie es mit dem Erstklässler weitergehen soll, ist unklar. Innerhalb der nächsten vier Wochen soll ein Gespräch am runden Tisch stattfinden, an dem der Schulpsychologische Dienst, die Eltern, der Schulpräsident Res Rickli, die Schulleiterin und die Lehrerinnen teilnehmen sollen. Die Situation ist vertrackt.

Der Schulpsychologische Dienst hat eine gesonderte Beschulung bisher nicht für notwendig erachtet, weder im Rahmen der Regelklasse noch in einer Sonderschule, sagt Schulpräsident Res Rickli. Über die Gründe dafür kann er nichts sagen, das sei Amtsgeheimnis. Die ablehnende Haltung des Schulpsychologischen Dienstes erklärt aber, warum Julian keine spezielle Begleitung erhält. Rickli sagt: «Ohne Antrag des Schulpsychologischen Dienstes können wir keine Sonderschulung anordnen.»

Rickli versichert, er bedaure die ganze Geschichte. Den Vorwurf, die Schule habe nichts für das Kind getan, weist er zurück: «Alle Beteiligten haben sehr viel gearbeitet.» Vielleicht habe man aber zu lange versucht, die Situation innerhalb der Klasse zu retten. Jetzt ist es für Julian vermutlich zu spät. Im Mattenhof wird er kaum mehr eine normale Klasse besuchen.

*Name geändert

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.06.2010, 08:16 Uhr

Ein ganz normaler Lausbub, scheinbar: Julian leidet unter Austismus. (Bild: Nicola Pitaro)

Autismus - schwierig zu diagnostizieren

Autismus kann sehr verschiedene Ausprägungen haben, deshalb ist die Störung schwierig zu diagnostizieren. Die Betroffenen haben Mühe, auf andere Menschen angemessen zu reagieren. Manche autistische Kinder sind kaum zugänglich, anderen fehlt jedes Gefühl für Distanz.

Man unterscheidet heute im Wesentlichen drei bis vier verschiedene Formen von Autismus:

Frühkindlicher Autismus: Zeigt sich meist schon vor dem dritten Lebensjahr. Die Kinder sind in ihrer gesamten Entwicklung verlangsamt, manche lernen nie sprechen.

Hochfunktionaler Autismus: Tritt frühkindlicher Autismus bei normaler Intelligenz auf, spricht man von hochfunktionalem Autismus.

Asperger-Syndrom: Diese Menschen sind normal intelligent, zuweilen in einzelnen Bereichen sogar hochbegabt. Sie verfügen oft schon als Kinder über eine wortreiche, gepflegte Sprache. Faktenbasiertes Wissen eignen sie sich rasch und detailliert an; die Fähigkeit zu abstrahieren und Zusammenhänge zu erkennen, ist aber eingeschränkt. So kann es sein, dass ein Asperger–Kind nicht weiss, ob ein vierbeiniges Haustier Hund oder Katze ist. Soziale Regeln, die andere Menschen absolut intuitiv anwenden, sind ihnen oft ein Rätsel.

Atypischer Autismus: Ist die Störung nicht klar einem bestimmten Typ zuzuordnen oder fehlen bestimmte Ausprägungen, spricht man von atypischem Autismus.

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